STRATEGIE17. Oktober 2019

Wie Unternehmen den fehlenden COBOL-Nachwuchs ausgleichen können

Wie Unternehmen den fehlenden COBOL-Nachwuchs ausgleichen können
profit_image/kyryloff/bigstock.com

Die Programmiersprache COBOL feiert dieses Jahr ihr 60-jähriges Jubiläum und immer mehr alteingesessene COBOL-Programmierer gehen in Rente. Und das, obwohl viele Unternehmen immer noch Experten brauchen, um ihre ebenfalls alten Systeme am Laufen zu halten. Neue Sprachexperten bildet jedoch kaum jemand mehr aus. So können Sie den Fachkräftemangel begegnen …

von Rolf Becking, Senior Technical Account Manager Micro Focus

Die Studie ‚Academia needs more support to tackle the IT skills gap‘ aus dem Jahr 2013 beschäftigt sich mit der Zukunft der Common Business Oriented Language. Die Untersuchung ergab …

… nur noch rund 27 Prozent der befragten Universitäten haben COBOL in ihren Lehrplan aufgenommen und lehren die Programmiersprache aktiv. Davon bieten lediglich 18 Prozent die 60 Jahre alte Programmiersprache im Rahmen von Pflichtveranstaltungen an.“

Eine dieser wenigen Hochschulen ist die Universität Leipzig. Sie behauptet sich mit dem Lehrstuhl der Technischen Informatik als standhafter Lehrmeister in Sachen Enterprise Computing und COBOL in Deutschland Es scheint, als wäre nun genau die richtige Zeit für eine Renaissance der Programmiersprache. Zu diesem Zweck hat Micro Focus sein Academic Program – in Partnerschaft mit Universitäten rund um den Globus – ins Leben gerufen.

Vom Angebot, das der Nachfrage nicht nachkommt

Trotz des geringen Lehrangebots suchen viele Unternehmen händeringend nach COBOL-Experten. Denn die Systeme von …

90 Prozent der größten Unternehmen weltweit bauen auf einem COBOL-Gerüst auf.“

Es herrscht also eine deutliche Diskrepanz zwischen dem akademischen Ausbildungsangebot und der Nachfrage von Unternehmen. Vor allem die geschäftskritischen Anwendungen von Banken und Versicherungen, also Einrichtungen, die von einem großen Transaktionsvolumen und einer Vielzahl verschiedenster Nutzer leben, wurden mit COBOL programmiert. Aber auch Warenwirtschaftslösungen, Buchungssysteme und Applikationen in staatlichen Einrichtungen basieren auf COBOL. Performance und Stabilität sind die einschlägigsten Argumente dafür, die Altsysteme nicht aus dem Betrieb zu nehmen.

Autor Rolf Becking, Micro Focus

Plädiert dafür, Cobol-Nachwuchs selber auszubilden

Rolf Becking ist Senior Technical Account Manager bei Micro Focus (Website), Diplom-Mathematiker und seit 1985 mit dem Thema COBOL beschäftigt. Zunächst in der Compiler-Entwicklung, heute mit der Beratung von Micro-Focus-Kunden bei der Modernisierung von COBOL-Applikationen mit Micro-Focus-Produkten.

Doch ist der Wunsch nach Weiterentwicklung offensichtlich gegeben: Im Rahmen der Umfrage von 2013 waren sich 54% der Universitäten sicher, dass die Nachfrage nach Programmierern, die COBOL beherrschen, innerhalb der nächsten 10 Jahre steigen wird oder mindestens gleich bleibt. Wenn nun aber der Nachwuchs fehlt, bleibt die Frage: Direkt eine komplette Umstellung auf moderne Systeme oder lieber nur eine Teilintegration und in Nachwuchs investieren?

Die Hürden einer Komplettumstellung

COBOL ist nicht umsonst noch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen relevant für die moderne Wirtschaft.“

Die Programmiersprache hat sich stetig weiterentwickelt und Unternehmen wie Micro Focus haben über die Jahre stetig investiert, um sie an die Ansprüche der aktuellen Geschäftswelt anzupassen. Es wurden Lösungen entwickelt, die die Integration von COBOL mit Windows, Unix sowie Linux und in jüngster Zeit sogar mit Cloud Angeboten wie AWS erlauben. Diese flexible Anpassungsfähigkeit ist einer der Gründe, warum wir im Jahr 2019 immer noch von COBOL sprechen. Viele geschäftskritische Unternehmensanwendungen basieren auch heute noch auf Host-Systemen, die einst in COBOL erstellt wurden. Auch wenn diese immer noch treu ihre Aufgaben erfüllen, hat sich die Welt dennoch weitergedreht.

Parallel dazu arbeiten heute verschiedene Abteilungen in Unternehmen mit modernen, größtenteils Cloud-basierten Lösungen, etwa Vertrieb, Kommunikation, Customer Relationship. Aktuell sehen wir also oft ein Nebeneinander der alten und der neuen IT. Das ist allerdings alles andere als effizient, schließlich geht es immer darum, Silos einzureißen und Daten für alle Verfügbar zu machen. Web-Anwendungen brauchen beispielsweise auch Daten aus den alten Transaktionssystemen.

Unternehmen stehen nun also vor der Wahl, ihre Software-Umgebungen komplett neu zu entwickeln, auf eine Standardlösung zu setzen oder die bestehenden COBOL-Systeme umfassend zu modernisieren. Der Neustart auf der grünen Wiese wird dabei berechtigterweise kritisch gesehen.

Wieso sich COBOL-Unternehmen vor einer kompletten Umstellung auf andere Technologien wie Java oder .NET scheuen, liegt zum einen an dem damit verbundenen Sicherheitsrisiko. Banken zum Beispiel, die tagtäglich mit den Finanzen und sensiblen Daten Ihrer Kunden arbeiten, können sich das Risiko eines Ausfalls nicht leisten. Zum anderen spielt der Zeit- und Kostenfaktor eine nicht unerhebliche Rolle. Trotzdem halten 37,3% der Unternehmen in den DACH-Ländern die Legacy-Modernisierung in Zukunft für sehr wichtig. Ein Umdenken hin zur Modernisierung stellt eine Überlebensstrategie dar, um wettbewerbsfähig zu bleiben und profitabler zu arbeiten.

Für Modernisierung braucht es COBOL-Fachkräfte

Bei der Portierung der bestehenden Enterprise-Applikationen – oder zumindest einzelner Module – mit Hilfe spezieller Tools in eine andere Umgebung wie Windows, Linux, einer Komponenten- oder serviceorientierten Architektur handelt es sich um eine vor allem kostensparende Alternative zum kompletten Neuaufbau.

Die Kosten sowohl für die Umstellung als auch den Betrieb fallen wesentlich niedriger aus, als die Legacy-Systeme aufrechtzuerhalten oder eine komplette Neuaufstellung zu wagen.“

Zwar sind in einem solchen Fall Anpassungen der Infrastruktur notwendig, der Kern der Anwendungen bleibt bestehen. Der reibungslose Übergang und die Garantie, dass das etablierte Alt-System wie gewohnt weiterläuft, schraubt Sicherheits- und Fehlerrisiken auf ein Minimum herunter.

Zwei Nachteile ergeben sich dennoch aus der sicheren und zuverlässigen Portierung:
1. Zum einen sucht man vergebens nach Möglichkeiten zur Erweiterung des Funktionenrepertoires. Auch hier muss das System mit entsprechenden Werkzeugen an die Wünsche und Anforderungen angepasst werden.
2. Der zweite Haken: So verlockend und einfach umzusetzen diese Alternative auch klingt, bleiben Applikationskerne, die mit COBOL geschrieben wurden, in den modernisierten Systemen bestehen. Das ändert folglich nichts an der Nachfrage nach Sprachexperten, die weiterhin an den Systemen feilen, sie integrieren und Anpassungen vornehmen.

Da das Fachkräfteangebot an COBOL-Spezialisten weiter schrumpft und immer weniger Universitäten die Programmiersprache lehren, müssen COBOL-Unternehmen Eigeninitiative ergreifen und selbst in die Programmier-Ausbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Auf diese Weise wirken sie einer kompletten Neuaufstellung effizient und kostensparend entgegen.

Fazit

Es spricht also einiges für eine Erhebung der Legacy-Anwendungen in modernere Gefilde: finanzielle Einsparungen, die fortlaufend sichere, zuverlässige und stabile Performance und eine flexible Annäherung an sich weiterentwickelnde Anforderungen. Möchte man dabei jedoch nicht auf bewährte Systeme verzichten, gibt es die Möglichkeit, Teile der alten IT-Landschaft in eine moderne Umgebung zu integrieren. Doch das setzt voraus, dass es Fachkräfte mit dem entsprechenden Know-How gibt, die sich um die Instandhaltung und Entwicklung der verwendeten Legacy-Systeme kümmern. Lösungen wie Visual COBOL von Micro Focus vereinfachen diese Aufgabe erheblich. Außerdem benötigt

… die Migration selbst benötigt auch ein entsprechendes Skillset, das sich erheblich von den für den reinen Betrieb notwendigen Fähigkeiten unterscheiden kann.“

Unternehmen, die sich das nicht alleine zutrauen, können dabei auf die Hilfe erfahrener Dienstleister setzen.

Anders als die Anwender, die sie noch fließend beherrschen, wird die 60 Jahre alte Programmiersprache noch lange nicht in Rente gehen. Damit auch in Zukunft noch COBOL-Skills in Unternehmen vorhanden sein werden, muss man jetzt ansetzen.“

Bildungsinitiativen, wie die von Micro Focus, sind deshalb so wichtig, damit COBOL schon während der Ausbildung von IT-Fachleuten wieder zu einem wichtigen Lehrgegenstand avancieren kann.Rolf Becking, Micro Focus

 
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