Das Bhagwan-Syndrom: Wie AI den Ashram neu erfindet, ohne es zu merken – der Kommentar
von Dunja Koelwel

KI-generiert, ITFM
Akt eins: Die Erleuchtung ist nur noch ein Modell-Update entfernt
Dm Anfang steht immer das Versprechen. Bhagwan (Wikipedia) versprach das Ende des Egos, die neue Menschheit, die Befreiung von allem, was uns vorher kleingehalten hat. Die AI-Labore versprechen im Grunde dasselbe, nur mit saubereren Investorenfolien: Krankheiten werden verschwinden, Energie wird grenzenlos, Arbeit wird optional, und irgendwo dahinter schimmert leise das Wort, das keiner mehr aussprechen muss, weil alle es kennen: Abundance. Die Sprache der Keynotes hat sich der Sprache der Erweckungsprediger angenähert, bis zur Ununterscheidbarkeit.
„Safe AGI for the benefit of all humanity“ ist kein Unternehmensziel, das ist ein Glaubensbekenntnis mit Aktienoptionen.“
Und wie jede gute Erlösungsgeschichte funktioniert auch diese nur mit Gläubigen, die bereit sind, etwas vorzuschießen, das sie nicht überprüfen können: Vertrauen, Aufmerksamkeit, in diesem Fall auch gerne Milliarden.
Akt zwei: Das Werkzeug, das plötzlich Zähne hat
Dunja Koelwel studierte Rechtswissenschaften und konzentriert sich seit 1998 auf das kommerzielle Internet, insbesondere Payment, Banking, Security und Digitaltrends. Sie war über ein Jahrzehnt Chefredakteurin des e-commerce Magazins und von 2020 bis 2023 Chefredakteurin bei Geldinstitute, vb Versicherungsbetriebe und IT4Retailers.Interessant wird es, sobald das Heilsversprechen groß genug ist, um ernst genommen zu werden – denn dann kippt es automatisch in seinen Schatten. Etwas, das mächtig genug ist, die Welt zu retten, ist per Definition mächtig genug, sie zu zerlegen. In Rajneeshpuram äußerte sich das am Ende in bewaffneten Wachen, abgehörten Telefonen und einer Salmonellen-Attacke auf eine ganze Kleinstadt, nur um eine Wahl zu manipulieren. Bei AI äußert es sich in Desinformationskampagnen, Deepfakes, der Sorge um Jobverluste im großen Stil und der mittlerweile schon fast gewohnheitsmäßigen Frage, ob das nächste Modell zufällig lernt, wie man eine Biowaffe baut. Die Doomer-Fraktion und die Solutionist-Fraktion sitzen dabei erstaunlich oft im selben Konferenzraum, manchmal sogar im selben Kopf. Das ist kein Widerspruch. Das ist die Struktur.
Akt drei: Der innere Kreis kennt die Zukunft schon
Der unterschätzte Teil der Geschichte ist selten der Guru selbst, sondern seine Sekretärin. Sheela war es, die de facto die Bewegung führte, während die Anhänger draußen in orangenen Roben meditierten und glaubten, alle seien gleich erleuchtet unterwegs. Es gab immer einen inneren Zirkel, der wusste, was tatsächlich passiert, während der Rest glaubte.
Bei AI bedeutet das: Wir lesen Sicherheitsberichte, die die Labore selbst schreiben, selbst bewerten und selbst veröffentlichen – bei OpenAI, Anthropic und Meta gleichermaßen. Externe, unabhängige Prüfung im großen Stil? Bislang eher die Ausnahme als die Regel.
Wer wissen will, was GPT-6, Claude 6 oder Llama 5 wirklich können, bevor der Rest der Welt es erfährt, muss in einem der drei Gebäude arbeiten.“
Der Zaun steht, die Roben heißen heute nur Non-Disclosure-Agreement.
Die Pointe, die keine ist
Man könnte sich jetzt beruhigt zurücklehnen und sagen: Zum Glück, diesmal gibt es keinen Anschlag mit Salatbars und Salmonellen. Aber das Bhagwan-Syndrom war nie wirklich an Bhagwan gebunden. Es ist ein wiederkehrendes Muster, das immer dann auftaucht, wenn eine Technologie oder Bewegung groß genug wird, um Erlösung zu versprechen: Kirche, Kommunismus, Kernkraft, Internet, Krypto, jetzt AI. Jedes Mal dieselbe Dreiecksfigur aus Heilsversprechen, Bedrohungsgefühl und Zugangsprivileg. Jedes Mal Menschen, die im Nachhinein sagen, sie hätten die Warnzeichen doch gesehen.
Die unbequeme Frage ist deshalb nicht, ob AI uns retten oder zerstören wird. Es ist die Frage, ob wir diesmal merken, dass wir gerade wieder im Ashram sitzen – oder ob wir das erst hinterher, in der Doku, erfahren.dk
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