ANWENDUNG18. Mai 2021

Diem zieht sich in die USA zurück

Die Facebook-Währung, die ursprünglich unter dem Namen Libra gestartet war, wird zunächst ausschließlich den US-amerikanischen Markt bedienen. Die Entscheidung fiel offenbar kurz bevor die Schweizer Aufsicht eine Genehmigung erteilt hätte.

Nicht mehr die neutrale Schweiz, sondern die USA sind nun die Heimat von Diem. <Q>Diem Network
Nicht mehr die neutrale Schweiz, sondern die USA sind nun die Heimat von Diem. Diem Network

 

Eine digitale Weltwährung wollte Facebook schaffen, die allen Menschen Zugang zu Finanzdienstleitungen gewähren sollte, unabhängig von Banken und Konten. Basieren sollte das Stable-Coin-Konstrukt auf einem Korb der weltweit wichtigsten Währungen. Unabhängig von Facebook sollte es sein, deshalb wurde eine eigene Gesellschaft gegründet. Und Internationalität war einer der wichtigsten Werte – wie könnte man das besser demonstrieren als mit einem Sitz in der neutralen Schweiz in der Umgebung zahlreicher internationaler Organisationen und Verbände?

Nachdem Politik, Zentralbanken und Aufsichtsbehörden weltweit scharfen Widerstand deutlich gemacht hatten, musste das Konzept überarbeitet werden. Nun war geplant, einen Korb von mehreren Stable-Coins zu entwickeln, basieren jeweils auf nur einer Währung, aber interoperabel. Gleichzeitig mit diesem Schritt änderte sich der Name von Libra auf Diem. Mit diesem Konzept trat das Konsortium hinter Diem an die Schweizer Finanzaufsicht Finma im April 2020 heran.

Überraschender Kurswechsel

Finanzdienstleister wie Visa, Mastercard und Paypal, aber auch große Händler und jüngst das Gründungsmitglied BisonTrails sind inzwischen abgesprungen.<Q>Diem>
Aktuelle Partnerliste: Finanzdienstleister wie Visa, Mastercard und Paypal, aber auch große Händler und jüngst das Gründungsmitglied BisonTrails sind inzwischen abgesprungen.Diem>

Rund ein Jahr später verdichteten sich die Zeichen, dass nach mehreren Anpassungs- und Klärungsrunden eine Genehmigung der Finma kurz bevorstand. Doch nun änderten die Diem-Verantwortlichen plötzlich erneut die Strategie. Vorbei ist es mit Weltwährung und Internationalität – Diem wird ab sofort als rein US-amerikanisches Projekt weitergeführt, mit Firmensitz in der US-Hauptstadt Washington und mit Unterstützung von US-basierenden Partnern im Finanzsystem.

Die Finma gab bekannt, dass die Trägergesellschaft Diem Networks (ehemals: Libra Association) ihren Antrag auf Zulassung von Diem als Zahlungssystem gemäß dem Schweizer Finanzmarktinfrastrukturgesetz (FinfraG) zurückgezogen habe. Das Bewilligungsgesuch sei weit fortgeschritten gewesen, im Verlauf des intensiven Genehmigungsprozesses sei es zu wesentlichen Änderungen gekommen.

Möglicherweise basiert der Kurswechsel auf einer absehbaren Lockerung im US-Finanzwesen. Im Januar hatte die Bankenaufsicht Office of the Comptroller of the Currency (OCC) den Vorschlag gemacht, dass Banken ihre eigenen Stable Coins herausgeben sollen. Eine Entscheidung dazu ist noch nicht gefallen, aber die Finanzakteure rechnen sich gute Chancen aus, dass dieser Vorschlag umgesetzt wird.

Wahrscheinlich ist auch, dass die Väter des Projektes nicht einverstanden waren mit dem, was am Ende übrig geblieben wäre von ihren Plänen. Die Schweizer Behörden hatten bereits nach dem Antragseingang öffentlich bekanntgegeben, dass sie nicht allein entscheiden wollen. Die Finma stehe im engen und regelmäßigen Kontakt mit der Schweizerischen Nationalbank und mehr als 20 Aufsichtsbehörden und Nationalbanken weltweit, da sie angesichts der internationalen Reichweite des Projektes ein international koordiniertes Vorgehen als unverzichtbar erachtet.

Diem Network

„Während unsere Pläne das Projekt vollständig in den regulatorischen Rahmen der USA bringen und keine Lizenz der Finma mehr erfordern, hat das Projekt sehr von dem intensiven Lizenzierungsprozess in der Schweiz und dem konstruktiven Feedback der Finma und von mehr als zwei Dutzend anderen Regulierungsbehörden aus der ganzen Welt profitiert, die von der Finma einberufen wurden, um das Projekt zu prüfen.“

Stuart Levey, CEO von Diem

Erfahrene Partner in den USA

Die jetzt präferierte Strategie ist die Einführung eines „Diem USD“, also einer Stable Coin auf Basis des US-Dollars. Exklusiver Ausgabe-Partner ist die Silvergate-Bank in Kalifornien, die für jeden ausgegebenen Diem USD einen Dollar in amerikanischen Staatsanleihen hält. Die Bank steht auch als Transaktionspartnern hinter den Stable Coins Circle, Paxos, Gemini sowie TrustToken und kann damit erhebliche Erfahrungen in die Partnerschaft einbringen. Ein weiterer Partner ist das Tech-Startup Anchorage, das im Januar eine Bankenzulassung erhielt und eng mit dem Diem-Vorstand zusammenarbeitet.

Silvergate

„Wir glauben an die Zukunft von Stable Coins, die mit US-Dollar unterlegt sind, und an ihr Potenzial, bestehende Zahlungssysteme zu verändern. Wir sind inspiriert von Diems Technologie und seinem Engagement, ein aufsichtsrechtskonformes Zahlungssystem aufzubauen, das einen sicheren Weg bietet, Geld zu bewegen.”

Alan Lane, CEO von Silvergate

Silvergate wird auch die Einrichtung und Betrieb eines Teils der Infrastruktur übernehmen. Laut Handelsblatt verlagert Diem Network damit einen Teil der Aufgaben, die es ursprünglich selbst übernehmen wollte, auf einen erfahrenen Partner.

Die Technik hinter Diem

Basis des Diem USD ist das Diem Payment Network (DPN), für das Diem Networks verantwortlich zeichnet. DPN ist ein Blockchain-basiertes Zahlungssystem, das eine eigene Zulassung in den USA erhalten soll. Diem Networks US werde sich dafür als Gelddienstleistungsunternehmen beim Financial Crimes Enforcement Network des US-Finanzministeriums registrieren lassen. Primäres Ziel der neuen Digitalwährung ist es, Echtzeit-Transfers von Diem Stable Coins zu geringen Kosten zwischen zugelassenen Netzwerkteilnehmern zu ermöglichen.

Nach wie vor ist Facebook stark in das Projekt involviert. In der Trägergesellschaft ist der Konzern aber nicht direkt vertreten, sondern mit seiner Tochtergesellschaft Novi, die noch im laufenden Jahr eine digitale Krypto-Wallet für die Digitalwährung Diem herausbringen will. Dementsprechend erwarten Marktexperten, dass Diem USD noch in diesem Jahr starten wird – auch wenn die Diem-Herausgeber selbst bislang keinen Termin nennen und möglicherweise erst noch regulatorische Voraussetzungen geschaffen werden müssen.

Ein Teil der Vorarbeiten für den erfolgreichen Start wurde allerdings bereits erledigt, insbesondere die Programmierung der eigenen Blockchain. Die Entwickler setzten dabei auf die Open-Source-Programmiersprache Move (Sourcen auf Github).

Noch sind allerdings nicht alle Fragen geklärt. Für das Diem-Management wie für die Verantwortlichen der Silvergate-Bank gilt es nun erst einmal, sämtliche regulatorischen Hindernisse zu überwinden. Vor allem die Verhinderung von Geldwäsche und Terrorfinanzierung spielen für die Aufsichtsbehörden eine große Rolle. So muss beispielsweise sichergestellt werden, dass die künftigen Partner im Finanzwesen KYC-Prozesse und ähnliches zuverlässig beherzigen. Aus dem gleichen Grund soll es zunächst keine „Unhostet Wallets“ geben – eines der zentralen Punkte der Ursprungskonzeption. Erst wenn man die Prozesse soweit im Griff hat, um Finanzkriminalität weitgehend ausschließen zu können, soll dieser Punkt angegangen werden. Und auch weitere Stable Coins auf Basis anderer Fiat-Währungen, wie beispielsweise des Euro, liegen noch in weiter Ferne. hj

 
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