ANWENDUNG2. November 2026

Finanzinstitute setzen bei Agentic AI auf menschliche Kontrolle

Ein Mann mit Brille prüft am Bildschirm ein KI-Agenten-Dashboard mit 85-Prozent-Anzeige und Sternebewertung; bei Agentic AI bleibt menschliche Kontrolle wichtig.
KI, DALL-E

Die Studie „Agentic AI im Finanzsektor – Potenzial durch Business Process Outsourcing” des Handelsblatt Research Institute (HRI) im Auftrag des Schweizer Technologieunternehmens SPS zeigt: Kritische Entscheidungen sollen beim Menschen bleiben. Mehr als zwei Drittel der befragten 159 Entscheidungsträger aus dem Finanz- und Versicherungswesen sehen in spezialisierten Partnern eine Möglichkeit, Agentic AI schneller und sicherer einzuführen und zu skalieren.

Wie die Studie weiterhin deutlich macht, kommen KI-Agenten am häufigsten in der Privatkundenberatung (37,7 Prozent), im Firmenkundengeschäft (32,1 Prozent) und in der IT (31,4 Prozent) zum Einsatz. Seltener werden sie zur Betrugsbekämpfung (19,5 Prozent) oder für Compliance-Aufgaben (16,4 Prozent) genutzt.

Den größten Mehrwert sehen die Befragten in höherer Effizienz (44 Prozent), besseren Datenanalysen (35,2 Prozent) sowie höherer Produktivität (31,4 Prozent). Jeweils 30,8 Prozent erwarten geringere Kosten und weniger Fehler. Umsatzsteigerungen (16,4 Prozent) und die Ansprache neuer Kundensegmente (11,3 Prozent) spielen eine geringere Rolle.

Kritische Entscheidungen bleiben beim Menschen

Bei Entscheidungen mit hohen finanziellen oder rechtlichen Folgen ziehen die für die Studie interviewten Experten klare Grenzen. KI-Agenten könnten Prüfungen vorbereiten, Auffälligkeiten erkennen und standardisierte Abläufe übernehmen. Die abschließende Bewertung komplexer Fälle sollte jedoch bei qualifizierten Mitarbeitern bleiben, so der Tenor der Befragten.

Das größte Risiko besteht darin, der Technologie zu schnell zu vertrauen. Wenn Mitarbeitende mehrfach gute Erfahrungen machen, entsteht leicht der Eindruck, die Ergebnisse seien grundsätzlich richtig.”

Nils Abels, Vorstand der Hamburger Volksbank

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Technische und regulatorische Anforderungen erschweren die Einführung von KI-Agenten. 36,5 Prozent der Befragten nennen mangelnde Datenqualität, jeweils 32,1 Prozent Schwierigkeiten bei der Integration in bestehende IT-Systeme sowie Sicherheits- und Compliance-Anforderungen.

Einen unzureichenden Business Case sehen dagegen nur 15,7 Prozent als Hindernis. Bei kleineren Instituten könnten begrenzte Ressourcen die Einführung und Skalierung von KI-Agenten erschweren. Davon gehen 58,5 Prozent der Befragten aus, die kleinere Häuser gegenüber größeren Instituten im Nachteil sehen.

Externe Partner sollen fehlende Ressourcen ausgleichen

Vor diesem Hintergrund gewinne die Zusammenarbeit mit spezialisierten Dienstleistern an Bedeutung. 68 Prozent der Befragten sind demnach der Ansicht, dass Banken und Versicherer KI-Agenten mithilfe spezialisierter Partner im Bereich Business Process Outsourcing (BPO) schneller und sicherer einführen und skalieren können. Ebensoviele sehen für kleinere Institute einen besonderen Vorteil im Zugang zu spezialisiertem Know-how und zusätzlichen Ressourcen.

Kleinere und mittlere Banken können nicht alle erforderlichen KI-Kompetenzen selbst aufbauen. Deshalb werden spezialisierte Partner zunehmend an Bedeutung gewinnen.”

Hendrik Freund, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisenbank im Grabfeld

Gleichzeitig betont er im Studien-Interview: Zentrale Steuerungsaufgaben wie Strategie, Risikomanagement und Kreditentscheidungen müssten bei den Instituten bleiben.

Die Untersuchung macht zudem deutlich, dass die Zusammenarbeit mit externen Partnern für viele Finanzdienstleister bereits ein konkretes Thema ist. 41,5 Prozent haben bereits geprüft, welche Prozesse sich mit KI-Unterstützung an externe Dienstleister auslagern lassen, und setzen entsprechende Vorhaben um. Weitere 28,9 Prozent befinden sich in der Analysephase, 18,9 Prozent planen entsprechende Schritte. Ob sie mit externen Partnern zusammenarbeiten, hängt vor allem von den Kosten (39,6 Prozent), der Skalierbarkeit und Flexibilität (39,0 Prozent) und dem internen Fachwissen (37,7 Prozent) ab.

Stärkere Rolle von BPO-Dienstleistern?

Über die klassische Prozessauslagerung hinaus könnten BPO-Dienstleister künftig eine stärkere Rolle bei der Entwicklung und Umsetzung neuer KI-Lösungen übernehmen. Finanzinstitute würden dabei die Verantwortung für strategisch wichtige Prozesse und geschäftskritische Entscheidungen behalten.

Externe Partner würden dabei nicht nur standardisierte Aufgaben übernehmen, sondern auch ihre Technologie- und Prozesskompetenz einbringen. 63,5 Prozent der Befragten befürworten es, vor- und nachgelagerte Prozesse an BPO-Partner auszulagern, um internen Aufwand zu vermeiden.

Agentic AI wird die Zusammenarbeit zwischen Finanzinstituten und BPO-Anbietern verändern. Aus der klassischen Auslagerung einzelner Prozesse wird zunehmend eine Innovationspartnerschaft.”

Oliver Wibbe, Geschäftsführer der SPS Germany

Banken und Versicherer müssten nicht mehr jede technologische Entwicklung allein bewältigen, sondern könnten gemeinsam mit spezialisierten Partnern neue Lösungen entwickeln, schneller in die Praxis bringen und kontinuierlich verbessern, betont Wibbe.

Die Studie mit allen Ergebnissen und Experteninterviews ist hier verfügbar.dw

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