STUDIEN & UMFRAGEN19. November 2019

Frauen in der Finanz­wirtschaft: Der Weg zur Diversity bei Führungs­positionen ist weit

Oliver Wyman

Der Anteil von Frauen in den Vorständen deutscher Finanzdienstleister ist in den vergangenen drei Jahren um fünf Prozentpunkte gewachsen (von 10 Prozent in 2016 auf 15 Prozent heute). Deutschland liegt damit allerdings weiterhin unter dem weltweiten Durchschnitt von 20 Prozent und mit Platz 24 von 37 untersuchten Ländern im unteren Mittelfeld. Um aufzuschließen, raten die Consulting-Experten von Oliver Wyman den Unternehmen zu einem ganzheitlichen Ansatz und zu mehr Diversity. Sie sollten insgesamt auf eine bessere Vertretung und Ansprache von Frauen achten. Finanzdienstleister könnten, so die Schätzung der Berater, ihre Umsätze jährlich um 700 Milliarden Dollar weltweit steigern, wenn sie Frauen als Kundinnen besser verstehen und bedienen würden.

Die Finanzbranche hat sich unzweifelhaft in den vergangenen Jahren zunehmend um die Förderung von Frauen gekümmert – auch und gerade in Führungspositionen. Das spiegelt sich in einem moderaten, aber kontinuierlichen Anstieg des Anteils von Frauen in Spitzenpositionen wider. Die dritte Ausgabe der „Women in Financial Services“-Studie der Strategieberatung Oliver Wyman zeigt jedoch, dass ein Themenbereich derzeit zu wenig Aufmerksamkeit erfährt: Frauen als Kundinnen. Durch ein besseres Verständnis und eine bessere Ansprache von Frauen als Kundinnen könnten Finanzdienstleister jährlich Umsatzsteigerungen von mehr als 700 Milliarden US-Dollar weltweit erzielen, so ein Ergebnis der aktuellen Ausgabe.

Frauen stellen die größte unterversorgte Kundengruppe der Finanzdienstleistungsbranche dar. Die Unternehmen lassen sich erhebliche Umsatzchancen entgehen, weil sie ihren Kundinnen nicht richtig zuhören und ihre Lebenssituation und Anforderungen an Finanzprodukte nicht wirklich verstehen.“

Astrid Jäkel, Partnerin bei Oliver Wyman

Wie die Oliver-Wyman-Studie zeigt, sind Frauen zunehmend einflussreiche Käuferinnen von Bank-, Investitions- und Versicherungsprodukten – sowohl im privaten als auch im geschäftlichen Bereich. Um dieses Potenzial auszuschöpfen, sei es nicht ausreichend, Frauen als ein einziges Kundensegment zu betrachten, erklären die Initiatoren der Studie. Vielmehr gehe es darum, Besonderheiten im Lebensweg von Frauen und die Auswirkungen auf ihre Anforderungen an Bank- und Versicherungsprodukte besser zu analysieren und dann speziell darauf zugeschnittene Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln.

Oliver Wyman

Dabei gibt es eine Reihe von Merkmalen im Kundenprofil, in denen sich Frauen derzeit im Durchschnitt von Männern unterscheiden: weniger lineare Einkommensentwicklung und familiär bedingte Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit, andere Risikopräferenzen und anders gewichtete Ziele jenseits des bloßen Vermögensaufbaus, um nur einige Beispiele zu nennen. Wenn Banken, Vermögensverwalter und Versicherer diese Unterschiede im Detail besser verstehen wollen und in der Produktentwicklung berücksichtigten, könne dies letztendlich zu besseren Produkten für alle Verbraucher führen.

Diversity: Frauen in Führungspositionen sehen Verbesserungspotenzial

Ein ähnliches Bild im Hinblick auf die Diversity zeigt sich bei den Geschäftskunden: Eine Befragung von Finanzvorständinnen und weiteren weiblichen Führungskräften in Finanzabteilungen ergab, dass die Mehrzahl von ihnen deutliches Verbesserungspotenzial bei der Betreuung durch Geschäfts- und Investmentbanken sehen. Mehr als die Hälfte der Befragten waren der Meinung, dass Teams mit einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis für sie einen besseren und innovativeren Service liefern könnten. Zugleich erklärten sie, dass die Finanzdienstleister, mit denen sie geschäftlich zu tun haben, in diesem Punkt hinter ihren Erwartungen zurückbleiben. Nicht wenige wiesen darauf hin, dass sie als Geschäftskundinnen nicht mit dem gleichen Respekt behandelt werden wie ihre männlichen Kollegen.

Der Anteil von Frauen in den Vorständen der größten deutschen Finanzdienstleister ist in den vergangenen drei Jahren auf niedrigem Niveau gewachsen: von zehn Prozent in 2016 auf 15 Prozent heute. Damit liegt Deutschland fünf Prozentpunkte unterhalb des weltweiten Durchschnitts von 20 Prozent und belegt im internationalen Vergleich ausgewählter Industrieländer Platz 24 von 37. Bei der Vertretung von Frauen in Aufsichtsräten der Finanzbranche konnte Deutschland immerhin einen Zuwachs von sieben Prozentpunkten auf 28 Prozent verbuchen und liegt damit über dem weltweiten Durchschnitt von 23 Prozent.

Oliver Wyman

Im weltweiten Vergleich hat Israel bei der Vertretung von Frauen in Vorständen die Nase vorn: Hier liegt der Anteil von Frauen in Vorständen in der Finanzbranche bei 38 Prozent, auf den Rängen folgen Australien, Schweden, Finnland, Thailand, Norwegen, Kanada und Südafrika (jeweils 30 oder mehr Prozent). Am geringsten ist der Frauenanteil erwartungsgemäß in Saudi-Arabien und Südkorea mit jeweils gerade einmal vier Prozent.

Diversity: Gesellschaftliche Erwartungen schaffen Konflikte

An den Problemen rund um Frauenkarrieren hat sich laut der Unternehmensberatung Oliver Wyman bisher nicht viel geändert. Nach wie vor geraten Frauen in der Mitte ihrer Karriere in einen Konflikt, in dem – auch aufgrund von gesellschaftlichen Erwartungen – die Kosten einer Karriere den Nutzen zu überwiegen scheinen. Laut Oliver Wyman seien die Gründe vor allem halbherzige Unterstützung von Familien, wenig flexible Arbeitszeiten, intransparente und als ungerecht empfundene Beförderungsprozesse und Gehaltsstrukturen sowie unbewusste Vorurteile und Ressentiments – all dies sind Punkte, an denen Finanzunternehmen nach wie vor in Sachen Diversity arbeiten. Um eine bessere Repräsentanz von Frauen zu erreichen, sollten Unternehmen einen ganzheitlichen Ansatz wählen und die Themen Frauen als Arbeitnehmerinnen und Führungskräfte, Frauen als Kundinnen sowie die Bedeutung des Frauenanteils für Anteilseigner und Aufsichtsbehörden miteinander verknüpfen.

Oliver Wyman

Ein ausgewogenes Verhältnis der Geschlechter ist für verschiedene Gruppen im und um das Unternehmen von Bedeutung: Arbeitnehmer und Führungskräfte, Kunden, Aufsichtsbehörden und Shareholder. Unternehmen müssen dies erkennen und einen ganzheitlichen Ansatz wählen. So wird Geschlechterausgewogenheit ein Thema für die CEO-Agenda und schlägt sich letztlich in besseren Unternehmensergebnissen nieder.“

Thomas Schnarr, Partner bei Oliver Wyman

Die Studie „Women in Financial Services“ hat die Zusammensetzung von Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen von mehr als 460 Firmen in 37 Ländern analysiert. Zudem führten Oliver-Wyman-Experten mehr als 100 Interviews mit Führungskräften aus allen Teilen der Finanzbranche (Banken, Versicherungen, Vermögensverwalter, FinTech-Unternehmen, Aufsichtsbehörden). Die Studie kann kostenlos als englischsprachiges PDF (ohne Angabe persönlicher Daten) heruntergeladen werden.tw

 
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