STRATEGIE1. Dezember 2020

IBOR-Ablösung: Es eilt! IT-Systeme müssen innerhalb weniger Monate angepasst werden

IBOR
Dr. Lars A Ludwig, targenstargens

Im Kapitalmarkt steht die größte Veränderung seit der Einführung des Euro an – die Ablösung der Referenzzinssätze und damit auch von IBOR. Die durch den LIBOR-Manipulationsskandal hervorgerufene Umstellung stellt die Branche der Finanzdienstleister vor technische Herausforderungen: Etablierte Geschäftsprozesse müssen infrage gestellt, nachgelagerte IT-Systeme angepasst werden. Und all das innerhalb weniger Monate.

von Dr. Lars A. Ludwig, Geschäftsführer und Patricia Georgi, Managing Director, targens

Die EU Kommission hat Konsequenzen aus dem Bankenskandal um die Manipulation der zwei international bedeutsamen Zinssätze London Interbank Offered Rate (LIBOR) und Euro Interbank Offered Rate (EURIBOR) gezogen:

Die Referenzzinssätze werden Ende des kommenden Jahres gegen Risk Free Rates (RFR) abgelöst.

IBOR
Patricia Georgi. targenstargens

Für die Banken, Versicherer und Finanzdienstleister beginnt damit ein harter Wettlauf gegen die Zeit.“

Massive Auswirkungen auf IT-Prozesse

Denn die IBOR-Ablösung wirkt sich auf Abläufe in sämtlichen Kundenbereichen aus. Privat-, Firmen- und Geschäftskunden, institutionelle und Global-Markets-Transaktionen – nahezu alle damit verbundenen Prozesse wie die Steuerung von Zahlungsströmen (Treasury), das Risikomanagement und die Sicherstellung der Compliance sind von der Zinsreform betroffen. Als besonders aufwändig für einen reibungslosen Wechsel auf die neuen Referenzzinssätze erachten Finanzexperten die Einrichtung der erforderlichen institutionellen Infrastrukturen für den Handel oder das Clearing von Daten. Hier müssen die auf IBOR getrimmten IT-Anwendungen im Front- und Backoffice an die neuen Gegebenheiten angepasst werden. So gilt es unter anderem, die Schnittstellen und Abläufe zur Erfassung, Verarbeitung und Ablage der neuen RFRs und die nachgelagerten Datenhaushalte, Controlling- und Reporting-Systeme miteinander in Einklang zu bringen.

Konkret müssen unter anderem Marktdatensysteme modifiziert werden, um die neuen Zinssätze empfangen, validieren, verteilen und archivieren zu können.“

Für die Verwendung von Handels- und Risikomanagementsystemen ist es nötig, hochkomplexe Zinskurven-Hierarchien zur Preisstellung und zur fortlaufenden Bewertung anzupassen. Buchungs- und Bilanzierungssysteme wiederum benötigen Modifizierungen mit Blick auf das Hedge-Accounting.

Autor Dr. Lars A. Ludwig & Patricia Georgi, targens
Dr. Lars A. Lud­wig ist seit 2019 Ge­schäfts­füh­rer der tar­gens (Website). 2011 erhielt er die IT-Aus­zeich­nung „CIO des Jah­res“. Er ver­fügt über ein brei­tes Er­fah­rungs­spek­trum von KI-For­schung über Ma­nage­ment Con­sul­ting bis zum Soft­ware En­gi­nee­ring ins­be­son­de­re im Be­reich Fi­nanz­dienst­leis­tun­gen.

Den Ein­stieg in die Fi­nanz­welt hat­te Patricia Georgi mit dem dua­len Stu­di­um der Be­triebs­wirt­schafts­leh­re in Ko­ope­ra­ti­on mit der Lan­des­bank Ba­den-Würt­tem­berg (LBBW). Spä­ter folg­ten ein Ba­che­lor-Stu­di­um der Ma­the­ma­ti­schen Finanzökonomie so­wie ein be­rufs­be­glei­ten­des Mas­ter-Stu­di­um in Fi­nan­ce-Riskma­nage­ment an der Goethe Uni­ver­si­tät Frank­furt.

Auch Systeme für das Risiko-Controlling, in denen Berechnungen für das Value at Risk und Expected Shortfall laufen, müssen an die neue Bewertungslogik angepasst und mit aktualisierten Marktdaten sowie Proxies gefüttert werden. Hinzu kommt die Aufgabe, Back-Office-Systeme für die neuen Zinsen und Berechnungsmethoden fit zu machen, um korrekte Zinszahlungen auslösen zu können. Mit Blick auf Ende 2021 bedeutet das: Ein schnelles, frühzeitiges und zielgerechtes Handeln ist entscheidend, um operationelle Risiken und hohe Übergangskosten zu vermeiden.

Maßnahmen für die Umstellung

Zu den ersten Maßnahmen für Finanzinstitute und Assekuranzen sollten die Identifizierung relevanter Positionen und eine Auflistung der betroffenen Produkte sowie die Evaluierung finanzieller, rechtlicher, regulatorischer und betrieblichen Risiken zählen. Hier spielt eine zeitnahe Bestandsaufnahme der auf IBOR basierenden Altverträge eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig müssen interne Governance-Prozesse implementiert werden. Sie gewährleisten eine ordnungsgemäße Überwachung und Umsetzung der Anforderungen.

Ein weiteres Thema betrifft die Durchführung von Betroffenheitsanalysen.“

Rückfallklauseln (Fallbacks) müssen identifiziert und Verträge für Rückfallklauseln überprüft werden, bevor sich Szenarien für Aktionspläne und Auswirkungs- sowie Risikoanalysen ableiten und implementieren lassen. Hinzu kommt eine Sichtung relevanter Publikationen von IBOR-Arbeitsgruppen und die Ermittlung der Auswirkungen auf das Produktportfolio beziehungsweise die Wertschöpfungsketten des Unternehmens. Auch eine Ermittlung der erforderlichen Infrastruktur- und Prozessänderungen sowie die Entwicklung einer Kommunikationsstrategie mit Kunden zählt in diesen Aufgabenbereich. Sind diese Faktoren berücksichtigt, kann die Einführung eines IBOR-Reformprogramms inklusive Budget-, Human- und Ressourcenzuweisung in Angriff genommen werden. Fest steht: Eine IBOR-Ablösung kann mitunter mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Um rechtzeitig das gesamte Ausmaß bewerten zu können, sollten Finanzinstitute bereits jetzt sich in der Umsetzungsphase befinden.Dr. Lars A. Ludwig & Patricia Georgi, targens

IBOR
Die Interbank Offered Rates (IBOR) spiegeln als Benchmark den Durchschnittskurs wider, zu dem sich ausgewählte internationale Banken mit guter Bonität unbesichert Kredite auf dem Interbankenmarkt beschaffen können. Sie haben eine herausragende Bedeutung auf den internationalen Finanzmärkten und werden von zahlreichen Marktteilnehmern als Referenzzinssätze für eine breite Produktpalette verwendet. Ihre Funktion als Referenzgröße ist relevant, da IBORs als Basis von Finanzinstrumenten einen unmittelbaren Einfluss auf deren Wertentwicklung nehmen. Zudem haben die Referenzzinssätze aufgrund ihres hohen Marktvolumens eine besondere wirtschaftliche und geldpolitische Bedeutung.
 
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