SB & FILIALE20. März 2019

Instant Payment verändert Cash-Management: Not­wen­di­ge Verfügbarkeit der Systeme überfordert die IT

Thomas Jepp sieht bei Instant Payment die Chance, dass Banken zu FinTechs aufschließen
Thomas Jepp, Director Sektor Financial Services CGICGI

Mit dem neuen SCT Inst können Banken verlorenes Terrain beim Instant Payment zurückgewinnen. Allerdings stellt das neue SEPA-Verfahren nicht nur die Banken vor große Herausforderungen, sondern auch die Unternehmen. Während Banken für ständig verfügbare Systeme im Zahlungsverkehr zu sorgen haben, müssen Unternehmen ihr gesamtes Cash- und Liquiditäts-Management neu organisieren.  

von Thomas Jepp, Director Sektor Financial Services CGI

Mit der Entwicklung von E-Commerce ist der Bedarf an schnellen Zahlungen enorm gestiegen. Kunden wollen bestellte Waren möglichst schnell bekommen, aber die Anbieter versenden meist erst, wenn die Zahlung eingegangen ist. In den letzten Jahren wurden Alternativen entwickelt, die die Anforderungen des E-Commerce nach schnellerem Zahlungsverkehr aufgreifen, so beispielsweise Paypal oder Amazon Payment.

Diese Lösungen bestechen durch das Inhouse-Konzept: alle Konten werden bei dem jeweiligen Anbieter gehalten und vermitteln dadurch den Eindruck einer unmittelbaren Verfügbarkeit der Liquidität, so dass der Lieferant gleich reagieren kann.“

Das Problem aus Sicht der Banken: Damit werden sie aus einer ihrer ureigensten Domänen ausgemischt, denn hier fungieren bankfremde Anbieter als Vermittlungsstellen. Eine gefährliche Entwicklung, weil mit der Übernahme des Zahlungsverkehrs ja noch nicht Schluss ist – schon gibt es etwa bei Amazon Überlegungen, Kunden nicht nur eine Bezahlmöglichkeit, sondern auch gleich eine Kontoverbindung zur Verfügung zu stellen, …

… und dann ist der Weg zur „Hausbank“ Amazon nicht mehr weit.“

Es ist daher für Banken eine strategische Herausforderung, den Kunden eine eigene Lösung für schnelle und vor allem einfache sowie sichere Zahlungen anzubieten. Mit dem neuen Bezahlverfahren SCT Inst (SEPA Credit Transfer Instant) sind nun – endlich – auch die europäischen Banken auf den Zug aufgesprungen. SEPA Instant Payment ist die ultraschnelle Form der SEPA-Überweisung, die entsprechenden Überweisungen sollen innerhalb von zehn Sekunden am Ziel sein. Ein E-Commerce-Händler erhält hier also nahezu in Echtzeit sein Geld und kann die bestellten Waren dann auch am selben Tag in den Versand geben. Sein Vorteil gegenüber anderen Verfahren besteht darin, dass das Geld tatsächlich auf seinem Konto gutgeschrieben wird, er erhält nicht nur eine Nachricht über den bevorstehenden Eingang.

Instant Payment mit SCT Inst zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
1. End-to-End-Verarbeitung innerhalb von maximal zehn Sekunden; Höchstbetrag 15.000 Euro;
2. Verfügbarkeit ohne Ausnahme rund um die Uhr, auch an Wochenenden und Feiertagen;
3. Bereitstellung in allen 34 Ländern möglich, die dem SEPA-Raum angeschlossen sind.

Herausforderungen für Banken und Unternehmen

Instant Payment kann auf diese Weise die wesentlichen Anforderungen des E-Commerce erfüllen. Allerdings stellt es die Banken vor keine geringen Herausforderungen. Heute sammeln Banken die Zahlungen und tauschen sie typischerweise in mehreren Zyklen während des Tages aus. Das Treasury- und Liquiditäts-Management ist ganz auf diese Zyklen abgestimmt. Ähnlich bei den Unternehmen: Im Laufe des Vormittages wurde die Liquiditätsposition ermittelt, dann disponiert und anschließend war für den Rest des Tages Ruhe. Natürlich gab es auch hier bei Banken und Unternehmen schon immer Ausnahmen für eilige oder durch besondere Umstände ausgelöste Zahlungen.

Liquidität kann sich sekündlich ändern

Das ändert sich nun mit Instant Payment grundlegend. Liquidität ist nicht länger eine sich lediglich täglich ändernde Größe, sondern kann sich sekündlich verändern, erklärtermaßen auch am Wochenende. Es muss daher auch ständig neu disponiert werden; zum Beispiel, wenn aus irgendeinem Grund größere Geldbeträge hereinkommen und – im Zeitalter der Strafzinsen auf Guthaben bei der Zentralbank – plötzlich teure Guthabenpositionen aufgebaut werden; Umgekehrtes gilt natürlich auch für den Fall von unerwarteten Geldabflüssen: Über Nacht gerät eine Bank dann möglicherweise ins Obligo. Das mag, solange die 15.000-Euro-Grenze gilt, noch keine gravierenden Folgen haben, aber schon bei monatlichen Gehalts- oder Rentenzahlungen könnte so etwas ganz anders aussehen. Immerhin liegt ein hoher Anteil aller Zahlungen unter der aktuellen Transaktionsgrenze und kann daher potenziell per SCT Inst überwiesen werden.

Autor Thomas Jepp, Director CGI
Thomas M. Jepp ist Director im Sektor Financial Services bei CGI in Deutschland. Er berät Kunden bei ihrer Cash Management-/Treasury-Strategie sowie der Spezifikation und Umsetzung von Projekten im klassischen Zahlungsverkehr. Er verfügt über umfangreiches Wissen in Payments, Cash Management, Treasury, Sanctions Process, Business Analyse, Business Process Management, Projekt- und Produktmanagement sowie Operational Risk und Governance.
Natürlich ist Instant Payment für Banken und Unternehmen nicht nur eine zusätzliche Last, sondern bietet dem, der es zu nutzen weiß, auch Chancen:

Der Echtzeit-Zahlungsverkehr und die damit einhergehende nun echt fluide Liquidität erlaubt es, Zahlungen wesentlich genauer zu disponieren; Unternehmen können Optimierungspotenziale etwa im Forderungsmanagement oder auch im Cash- und Liquiditätsmanagement proaktiv nutzen.“

Außerdem können Zahlungsziele in weit höherem Maße als bisher genutzt werden: Man kann nun wirklich in den letzten zehn Sekunden zahlen. Und nicht nur die Zahlungsprozesse, sondern auch der Kontenabgleich ließe sich durch Echtzeitzahlungen, insbesondere in Kombination mit einer elektronischen Rechnungsstellung, deutlich verbessern.

IT ist nicht vorbereitet

Allerdings ist die vorhandene IT von Banken und Unternehmen, also all die Systeme, die heute für Treasury-, Risiko-, Liquiditäts- und Forderungs-Management eingesetzt werden, in keiner Weise auf die neuen Erfordernisse von Instant Payment vorbereitet. Schon die permanente Verfügbarkeit der Systeme dürfte die meisten der derzeitigen Lösungen überfordern. Hier müssen entsprechende Lösungen noch geschaffen und ein entsprechendes Eco-System aus Partnern aufgebaut werden, möglicherweise unter Einbeziehung von FinTechs, von denen etliche gerade im Bereich des Instant Payment sehr aktiv sind. Die Verbindung zur Banken-IT kann dann über openAPI erfolgen, also über offene Schnittstellen, in die sich andere Systeme flexibel einklinken können. Damit lässt sich die Vielfalt und Heterogenität der bestehenden Systeme abfangen.

Es besteht aber nicht nur eine technische, sondern ganz wesentlich auch eine organisatorische Herausforderung: Um die Vorteile der Echtzeitzahlungen in vollem Umfang nutzen zu können beziehungsweise um unliebsame Überraschungen zu vermeiden, müssten die Treasury-Abteilungen nun rund um die Uhr besetzt sein, weil sie nur so entsprechende Maßnahmen wie eine ausreichende Kontodeckung gewährleisten können. Das würde freilich hohe Anforderungen hinsichtlich der zeitlichen Verfügbarkeit der Mitarbeiter und mittelfristig eine Verpflichtung entsprechender Fachkräfte bedeuten. Diesen Weg werden die Treasury-Abteilungen mit Sicherheit nur temporär beschreiten, auf Dauer werden sich hier automatisierte Systeme durchsetzen, die beispielsweise mit Unterstützung durch Künstliche Intelligenz in der Lage sind, eigenständig Liquidität zu disponieren – auch nachts oder an den Weihnachtsfeiertagen. Allerdings:

Auch solche KI-Systeme sind derzeit auf dem Markt noch nicht verfügbar, sie müssen dann noch implementiert und an individuelle Anforderungen und Prozesse angepasst werden.“

Derzeit bleibt die Attraktivität SCT Inst vor allem aufgrund der aktuell geltenden Betragsobergrenze noch leicht eingeschränkt. Zwar sieht der Standard ausdrücklich vor, dass die Teilnehmer bilateral oder multilateral höhere Transaktionsgrenzen vereinbaren können, aber erst wenn die Begrenzung auf breiter Basis fällt, wird SCT Inst nicht nur für E-Commerce und damit hauptsächlich für C2B- und B2C-Zahlungen, sondern auch für Zahlungen zwischen Unternehmen (B2B) interessant. Spätestens mit dem Fall der Transaktionsobergrenze wird Instant Payment nicht mehr ein zusätzlicher Service sein, sondern zum Standard im Zahlungsverkehr werden. Niemand wird mehr drei Tage auf die Ausführung einer Überweisung warten, wenn er anderswo in zehn Sekunden bedient wird.

Instant Payment wird zur Selbstverständlichkeit werden, mit der sich Banken dann nicht einmal mehr eine bessere Wettbewerbsposition verschaffen können – umso schlimmer für diejenigen, die dann noch nicht dabei sein können, weil sie die Systeme und Prozesse nicht durchgängig im Griff haben.

Instant Payment bringt den Zahlungsverkehr der Banken in die digitale Ära, also auf den Stand, der anderswo, etwa im E-Com­merce, längst erreicht ist. Das war angesichts des starken Aufkommens alternativer Player höchste Zeit, aber nun da mit SCT Inst eine Lösung vorhanden ist, sollte sie auch zügig genutzt werden.“aj

 
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