ANWENDUNG15. August 2018

Pinnen ja graag – Kartenzahlung in den Niederlanden: ein Praxistest zum Leben ohne Bargeld

Pinnen ist in den Niederlande sehr verbreitet
Rudolf Linsenbarth

Pinnen ist in den Niederlanden der häufig verwendete Ausdruck für das niederländische Kartenzahlungsverfahren PIN.NL. Es basiert auf den Schemes Maestro und VPAY von Mastercard und VISA und ist weit verbreitet. Nahezu jedes Geschäft akzeptiert dort Kartenzahlung, die allermeisten davon sind bereits auf kontaktlose Kartenzahlung eingestellt.

von Rudolf Linsenbarth

Pinnen funktioniert in den Niederlanden: Warum das so ist, haben wir Dr. Hugo Godschalk von der PaySys Consultancy gefragt. Von ihm erfuhren wir, wie unglaublich günstig Kartenzahlung für die Händler in den Niederlanden ist. Die nationalen Interchange-Gebühren waren dort schon bereits vor EU-Regulierung gedeckelt und zwar auf zwei Cent pro Zahlungsvorgang. Es soll aber auch Institute geben, die untereinander bilaterale Verträge von einem Cent vereinbart haben.

Dies führt dazu, dass die ABN AMRO Bank kleinen Händlern eine Kartenakzeptanz zu Vollkosten von 5,6 Cent je Zahlungsvorgang anbietet. Große Handelsunternehmen, die nach dem Interchange ++ abrechnen, kommen dabei noch wesentlich günstiger weg, so Godschalk.

Pinnen in der Praxis

Rudolf Linsenbarth
Rudolf Linsenbarth be­schäf­tigt sich mit Mo­bi­le Pay­ment, NFC, Kun­den­bin­dung und di­gi­ta­ler Iden­ti­tät. Er ist seit über 15 Jah­ren in den Be­rei­chen Ban­ken, Con­sul­ting, IT und Han­del tä­tig. Lin­sen­barth ist pro­fi­lier­ter Blog­ger im Fi­nanz­be­reich und kom­men­tiert bei Twit­ter un­ter @holimuk die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Rudolf Linsenbarth im eigenen Namen.
Während ei­nes zwei­wö­chi­gen Ur­laubs in un­se­rem Nach­bar­land woll­te ich tes­ten, ob bei der­art gu­ten Vor­aus­set­zun­gen be­reits ein Le­ben oh­ne Bar­geld mög­lich ist. Mehr noch wür­de es funk­tio­nie­ren, wäh­rend die­ser Zeit aus­schlie­ß­lich kon­takt­los zu be­zah­len? Schlie­ß­lich ha­be ich drei ver­schie­de­ne kon­takt­lo­se Kar­ten, die ge­nau zum An­for­de­rungs­pro­fil für Kar­ten­zah­lung in den Nie­der­lan­den pas­sen soll­ten.

Die Testkandidaten im einzeln sind die kontaktlose Maestro only Karte von N26. Weiterhin die girocard der Targobank mit kontaktloser VPAY Co-Badge Funktion. Sowie die girocard der Comdirect mit Kontaktlos-Funktion auf beiden Applikationen, girocard und VPAY.

Prinzipiell funktioniert in den Niederlanden jede deutsche girocard mit Co-Badge Funktion, egal ob Maestro oder VPAY. Prinzipiell …“

Wenn es aber daran geht, unter 25 € Kleinbeträge mit einem Tap zu pinnen (zu zahlen) und das kam in diesem Urlaub sehr häufig vor, trennt sich die Spreu vom Weizen. Außer den von mir oben erwähnten drei Karten gibt es noch ein Produkt von Revolut. Alle anderen deutschen Kunden mit einem Bankkartenprodukt müssen wohl oder übel die Steckvariante zum Bezahlen wählen.

Comdirect – Probleme mit Verifone

Rudolf Linsenbarth

Die erste handfeste Überraschung brachte dann die comdirect-Karte, ihr kontaktloser Einsatz war in den Niederlanden nahezu flächendeckend zum Scheitern verurteilt. Das am meisten verbreitete Terminal dort ist das VX 820 von Verifone. Hier war kontaktloses Bezahlen mit der comdirect-Karte unmöglich und lief immer auf eine Fehlermeldung. Im Falle eines weiteren älteren Terminals der Fa. Verifone konnte ich dieses sogar reproduzierbar zum Absturz bringen! Ein solches Verhalten mit der comdirect-Karte kenne ich bereits aus Deutschland, hier funktionieren ca. 10% der Terminals nicht mit dieser Karte. In den Niederlanden könnten es wahrscheinlich 90% sein. Wer ist hier eigentlich für die Qualitätssicherung zuständig? Derjenige, der eine solche Karte in den Verkehr bringt, meine ich! Interessant wäre zu erfahren, wie diese Karte in anderen Ländern funktioniert und ob sie auch in der Londoner U-Bahn zu verwenden ist.

Die zweite Karte im Feld von der Targobank war auch nicht nur die helle Freude. Bei jeder 5. Zahlung muss man stecken, damit der Kontaktlos-Zähler zurückgesetzt wird. Mitzählen oder niederländische Fehlermeldung auf dem Terminal inklusive. Wem das bei der ersten Kartenzahlung im Ausland passiert, tappt während des ganzen Urlaubs nie wieder! Einzig die Maestro-Karte von N26 konnte hier komplett überzeugen. Sicher, auch hier wird es ab Herbst 2019 eine Änderung geben müssen, aber hoffentlich entscheidet man sich dann dazu, den Zähler so zu gestalten, dass eine kumulierte Summe von 150€ erreicht werden muss und nicht für die Überraschungslösung mit jedem fünften Ei.

Die Ausnahme: Wenn es nicht geht … gibt es halt kein Eis.Rudolf Linsenbarth

Ach ja, meine No-Cash Challenge musste ich dann doch abbrechen. Es war nicht der Eisladen, da habe ich noch locker auf die Erfrischung verzichtet. Auch der nicht funktionierende Parkautomat, hier fühlte ich mich an eine einsame Bahnhaltestelle in Deutschland versetzt. Nein – das Ende war eine Fähre, bei der nur Barzahlung möglich war, mit einem Umweg von 50 km als Alternative!

Das Pinnen-Fazit

Sind die Niederländer in Sachen Kartenzahlung weiter als wir Deutschen? Ja und Nein!“

Rudolf Linsenbarth

Es gibt zwar eine nahezu flächendeckende Kartenakzeptanz und auch kontaktlose Terminals waren bis auf eine einzige Ausnahme immer vorhanden. Aber mobiles Bezahlen war nahezu unmöglich. Ich habe mit Google Pay und den Apps verschiedener Banken girocard, Mastercard und VISA auf meinem Smartphone. Nur das nützt mir in den Niederlanden recht wenig. Nach anfänglichen Mobile-Payment-Versuchen habe ich es aufgegeben. Wahrscheinlich hätte ich ca. 20% bis 30% meiner Urlaubskasse per Smartphone auf den Kopf hauen können, aber ständiges Nachfragen, ob das hier möglich wäre, nervt. Pinnen geht überall und ist gerne gesehen. Darauf stellt man sich dann ein.

Rudolf Linsenbarth

Ein wichtiger Punkt, den man hier mitnehmen kann ist, dass günstige Zahlverfahren vom Handel auch angenommen werden. Das sollten sich die Banken in Deutschland einmal vor Augen halten, wenn sie neue Zahlverfahren wie Instant Payments am Markt platzieren wollen.

Ein Preis von einem Cent je Transaktion scheint also durchaus machbar. Von massenhaften Banken-Pleiten in den Niederlanden durch fehlende Erlöse aus dem Zahlungsverkehr habe ich jedenfalls noch nie etwas gehört.“

In Sachen Kartenzahlung und Service-Orientierung sind mir übrigens noch zwei weitere Dinge aufgefallen. Erstens: In keinem Restaurant war es möglich, die Kartenzahlung am Tisch durchzuführen. Man wird immer gebeten, an die Theke zu kommen, um dort zu bezahlen. Zweitens: Weiterhin war ich verblüfft, dass außer im Lebensmitteleinzelhandel die Betragseingabe am Terminal immer noch Standard ist, Kassenanbindung ans Terminal – Fehlanzeige!

Rudolf Linsenbarth
Ach ja und wie man das Thema Mobile Payment auf dem iPhone in den Niederlanden löst, dürfte ebenfalls noch sehr spannend werden. An einem Anteil von nahezu nichts hat die Firma Apple wahrscheinlich auch kein Interesse!aj
 
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