ANWENDUNG17. Oktober 2017

Angetestet: Die kontaktlose girocard der Targobank – erste Erfahrungen und eine handfeste Überraschung

Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth

Bei der Targobank gibt es nach den Genossen­schafts­banken und Sparkassen jetzt auch die ehemalige EC-Karte in der kontaktlosen Variante. Allerdings mit zwei Besonderheiten. Zum einen, Targobank-Kunden erhalten das Produkt nicht automatisch, zum anderen, die Targobank-Karte ist auf der kontaktlosen Schnittstelle derzeit noch gar keine girocard!

von Rudolf Linsenbarth

Bereits im Sommer kamen Gerüchte auf, dass für die kontaktlose girocard eine Gebühr in Höhe von 10 € fällig wird. Wem das zu viel ist oder wer meint, diese Technik am POS sowieso nicht einsetzen zu wollen, kann weiter die „Standard“-Version ohne Aufpreis erhalten.

Zunächst gab es etwas Verwirrung, ob die Targobank das Verfahren als Opt-Out (alle Kunden zahlen 10 € für die neue Karte, es sei denn man widerspricht) oder als Opt-In (nur Kunden, die eine kontakt­lose Karte beantragen, erhalten das Produkt) eingeführt wird.

Die bessere Lösung: Opt-In statt Opt-Out

Targobank

Wer glaubte, der Prozess würde so gestaltet, dass man die 10 € bei der trägen Masse von Kunden abgreift, die eh auf keine Nachricht reagiert, wurde überrascht. Per Brief und auch beim Einloggen im Online Banking wurde man aufgefordert, sich als Interessent für die neue kontakt­lose girocard zu registrieren. Ansonsten würde man beim nächsten Austausch eine Karte ohne Funkoption erhalten. Wer später feststellt, dass eine Karte ohne Kontaktlos-Option doch nicht ausreicht, kann jederzeit gegen die Gebühr von 10 € einen Modellwechsel beantragen.

Nachdem wir uns selbstverständlich für eine kontaktlose girocard entschieden hatten, traf diese dann am 11. Oktober ein. Das Anschreiben war mit dem Hinweis versehen, dass vor Nutzung des kontaktlosen Bezahlens erst eine kontaktbehaftete Transaktion stattfinden muss. Der übliche Schutz vor Missbrauch, um sicherzustellen das die Karte auch beim rechtmäßigen Besitzer eingetroffen ist. Der Versuch, die kontaktlose Version durch Bargeldbezug am Geldautomaten freizuschalten, funktionierte auch.

Große Verwunderung: Die Zahlung im Stadion des BVB 09 wurde als kontaktlose VPAY Zahlung ausgewiesen.Rudolf Linsenbarth

Das kontaktlose Bezahlen im Handel mit der girocard erfolgt im Prinzip analog zu den bekannten Prozeduren beim Einsatz der Karten von Mastercard und VISA. Nach dem ersten erfolgreichen Zahlvorgang bei Kaufland stand aber auf dem BON „POZ“ (Point of Sale ohne Zahlungsgarantie). Dies verbuchten wir zunächst unter „Fehlerhafter Terminal-Konfiguration“. Als aber nach einer Zahlung im Stadion des BVB 09 eine kontaktlose VPAY Zahlung ausgewiesen wurde, war die Verwunderung sehr groß. Zumal bei Zahlung mit einer Sparkassen-Karte, die „richtige“ Bezeichnung girocard kontaktlos angegeben wurde. Noch kurioser wurde der Vorgang, als eine kontaktlose Transaktion bei einer Star-Tankstelle überhaupt nicht funktionierte und bei Fressnapf das Ergebnis wieder „VPAY kontaktlos“ lautete.

Der Verdacht: Ist die kontaktlos-Karte gar nicht girocard kontaktlos?“

Ein Anruf bei der Targobank brachte dann die Aufklärung. Dort hatte man sich entschieden, im ersten Anlauf nur die VPAY-Schnittstelle zu aktivieren, da hiermit den Kunden derzeit eine bessere Akzeptanz geboten wird. Man sei aber jederzeit in der Lage, per Skript auf der Karte die zweite Applikation ebenfalls zu aktivieren und diese auch als bevorzugtes Applet an die erste Position zu stellen. Wahrscheinlich ist das aus pragmatischer Sicht keine schlechte Wahl. Bemerken wird das der „normale“ Kunde sowieso nicht.

Rudolf Linsenbarth
Rudolf Linsenbarth beschäftigt sich mit Mobile Payment, NFC, Kundenbindung und Digitaler Identität. Er ist seit über 15 Jahren in den Bereichen Banken, Consulting, IT und Handel tätig. Linsenbarth ist profilierter Blogger der Finanzszene und kommentiert bei Twitter unter @holimuk die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Rudolf Linsenbarth im eigenen Namen.

Die Entscheidung der Targobank, ein Feature, das in der Kartenproduktion einen Preisunterschied von ca. 50 Cent ausmacht, mit 10 € zu bepreisen, kann man als mutig bezeichnen. Die Targobank hat laut Geschäftsbericht 2016 etwas über eine Million Girokonten. Wenn alle Kunden sich also für die kontaktlose girocard entscheiden, spült die Aktion 10 Mio € zusätzlich in die Kasse. Bei einem Opt-In Verfahren wird der Wert aber deutlich niedriger liegen. Dazu kommen noch die Kosten für die Kommunikation dieser Maßnahme sowie das aufwändigere Handling in der Logistik. Trotzdem wird sich die Kampagne wahrscheinlich gut rechnen, wenn bereits 5% der Kunden eine kontaktlose Karte bestellen.

Aber letztendlich bekommt die Targobank hier eine Information, die wesentlich wertvoller ist. Sie kennt jetzt das Potenzial der Kunden, die für neue Zahlverfahren affin sind. Auf dieser Grundlage lässt sich besser eine Entscheidung treffen, ob der Zeitpunkt für die Investition in neue Mobile-Payment-Innovationen bereits gekommen ist.Rudolf Linsenbarth

 
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