ANWENDUNG22. Februar 2022

Raiffeisen Bank International arbeitet als einzige Bank in Österreich am Quantum Computing – das Interview

Nahaufnahme des optischen CPU-Prozesslichtsignals. Quantum Computing aus leuchtenden Qubits. Laserstrahlsignal, das digitales Signal in Chip oder Prozessor überträgt. Abstrakter Technologiehintergrund.
Quantum Computing: Grafische Darstellung einer Nahaufnahme des optischen CPU-Prozesslichtsignals.bigstock/Andrey Suslov

Die Raiffeisen Bank International – kurz: RBI (Website) arbeitet seit 2019 als einzige Bank in Österreich am Einsatz von Quantum Computing. Begleitet wird die RBI auf diesem Pionierweg von den Technologie-Experten des zur Reply Gruppe gehörenden Unternehmens Machine Learning Reply (Website). IT Finanzmagazin fragte bei Vjekoslav Bonic (Geschäftsführer des Group AI Lab der Raiffeisenbank International und Head of Digital Channel Interactions & AI) und Hans-Peter Sailer (Associate Partner bei Machine Learning Reply) nach Learnings, Erwartungen und erreichbaren Zielen des Quantum Computing.

Herr Bonic, welches Ziel verfolgt die RBI mit dem Einsatz von Quantum Computing? 

Vjekoslav Bonic ist Geschäftsführer des Group AI Lab der Raiffeisenbank International<q>RBI
Vjekoslav Bonic ist Geschäftsführer des Group AI Lab der Raiffeisenbank InternationalRBI

Vjekoslav Bonic, RBI: Zusammen mit einem kleinen, internationalen Team aus IT-Enthusiasten erforschen wir aktuell die Möglichkeiten und Einsatzgebiete von Quantum Computing im Bankwesen. Ein positiver Nebeneffekt des Projekts beinhaltet unter anderem die intensive Förderung unserer internen Fachkräfte.

Neben dem praktischen Vergleich unterschiedlicher Anbieter im Bereich Quantum Computing auf Basis des Quantencomputerdienstes AWS Braket haben wir den Fokus im Jahr 2021 auf die Portfolio-Optimierung speziell im Private Banking bzw. Wealth-Management gelegt. Dabei war Reply unser Partner.

Welche Vorteile sollen dabei für die RBI und ihre Kunden gewonnen werden? Was genau verändert der Einsatz von Quantum Computing für beide Seiten?

Für uns bedeutet der Einsatz der Quantencomputer eine deutliche Effizienzsteigerung gewisser Algorithmen bzw. Modelle – …

… Stichworte sind hier Quantum Machine Learning, Simulationen und Optimierungen.”

Für den Kunden besteht der Vorteil darin, dass er in kürzerer Zeit das bestmöglich optimierte Ergebnis erhält und dieser Geschwindigkeitszuwachs resultiert in einer verbesserten Customer Experience. Quantum Computing kann und wird hier tatsächlich für den vielzitierten ‚Quantensprung‘ sorgen.

Gibt es dabei für die Bank und ihre Kunden auch Risiken? Wenn ja – wie wird hier vorgesorgt?

Vjekoslav Bonic:

Der Sicherheitsaspekt spielt bei Quantencomputern eine entscheidende Rolle.”

Durch die gigantische Rechenleistung könnten gewisse Verschlüsselungen geknackt werden. Zwar sind aktuell genutzte Verfahren noch auf absehbare Zeit als sicher zu betrachten, aber wir sehen auch die rasante Entwicklung im Quantum Computing. Cybersicherheit hat für uns eine sehr hohe Priorität, daher beschäftigen wir uns bereits jetzt mit Quantum Encryption bzw. neuen Verschlüsselungsverfahren.

Hans-Peter Sailer, Reply: Gerade Finanzinstitute arbeiten mit sensiblen Daten. Wo immer sich diese Daten befinden – es muss stets durch entsprechende Entscheidungen sichergestellt sein, dass strenge Sicherheitsstandards eingehalten werden. So sind zum Beispiel strikte Zugangskontrollen absolut unerlässlich.

Was ist der aktuelle Stand des Projekts? Wann geht die Anwendung live?

Vjekoslav Bonic: Wir haben im vierten Quartal 2021 entschieden, den neuen Algorithmus noch nicht in Produktion zu setzen, sondern weiter zu optimieren.

Aufgrund des Quantencomputers haben wir nun die Möglichkeit, weitere „Assetklassen“ in die Kalkulation einfließen zu lassen und somit deutlich mehr Variationen auszurechnen.”

Dadurch können wir dem Kunden ein optimaleres Ergebnis liefern. Dieser Vorteil wiegt mehr als die kürzere Kalkulationszeit, die wir initial erreicht haben. Eine konkrete Angabe, wann die Anwendung live gehen wird, können wir momentan noch nicht machen.

Handelt es sich beim Quantum Computing um einen Nischentrend oder haben wir es mit dem möglichen Next Big Thing für die Branche zu tun?

Hans-Peter Sailer, Associate Partner bei Machine Learning Reply<q>Reply
Hans-Peter Sailer, Associate Partner bei Machine Learning ReplyReply

Hans-Peter Sailer:

Quanten Computing besitzt tatsächlich ein enormes Disruptionspotenzial.”

Die vormalige Zukunftstechnologie ist ein gutes Stück näher gerückt. Gerade in der Finanzbranche wird sie immer wichtiger und eröffnet hier völlig neue Perspektiven. Quantencomputer sind in der Lage, die Dauer von Rechenprozessen von Jahren auf Stunden oder Minuten zu reduzieren. So lassen sich Probleme lösen, bei denen selbst die leistungsstärksten konventionellen Computer an ihre Grenzen stoßen. Quantencomputer sind in der Lage, hochkomplexe Problemstellungen deutlich schneller und präziser als klassische Rechner zu bewältigen.

Darüber hinaus können sie auch exponentielle, nicht-lineare Probleme analysieren. In der kombinatorischen Optimierung ist es Quantencomputern möglich, die beste Vorgehensweise herauszufinden, also diejenige mit dem höchsten geschäftlichen Nutzen. Dazu beziehen sie ein Vielfaches der Möglichkeiten ein – mit sehr geringer Fehlerquote. Im Finanzdienstleistungssektor gibt es zahlreiche Optimierungschancen – über die Erkennung instabiler Marktkonstellationen und der Portfolio-Optimierung bis hin zu Finanzprognosen, Marktsimulationen, der Bestimmung von Vermögenswerten und der Neugewichtung von gesetzlichen Reserven im Versicherungsbereich.

Ein weiterer Anwendungsbereich für Banken könnte die Optimierung von Rückstellungen sein. Das Einsparungspotenzial liegt hier bei rund zehn Prozent.”

Schaut man auf die bereitstehenden staatlichen Fördergelder, wird deutlich, dass es sich hierbei definitiv nicht um einen Nischentrend handelt – In Österreich stehen beispielsweise 107 Millionen Euro aus dem EU-Wiederaufbaufonds bereit, in den USA sogar eine noch gigantischere Summe von 180 Milliarden Dollar. In Deutschland werden bis 2025 insgesamt 2 Milliarden Euro an Fördermitteln verteilt.

Vjekoslav Bonic (Raiffeisenbank International) und Hans-Peter Sailer (Machine Learning Reply)
Vjekoslav Bonic ist Geschäftsführer des Group AI Lab der Raiffeisenbank International AG und Head of Digital Channel Interactions & AI. Der gelernte Wirtschaftsinformatiker verfügt über 20 Jahre internationale Erfahrung im Bereich Banking, IT und Innovation. Bonic hat federführend die Transformation der RBI in Richtung AI sowie die Verwendung von Cloud und Daten sowie Customer Engagement und Personalisierung gestaltet. Aktuell liegt der Fokus auf der Modernisierung der Kundeninteraktion sowie Innovation im Retail-Bereich.

Hans-Peter Sailer ist Associate Partner bei Machine Learning Reply (Website). Seit 2018 treibt Sailer in dieser Rolle die Transformation seiner Kunden in Richtung KI- und Quantencomputing-Anwendungen voran. Als Partner für den Geschäftsbereich Machine Learning arbeiten mehr als 60 Mitarbeiter im deutschsprachigen Raum an der Ende-zu-Ende-Bereitstellung von AI- und Big-Data-Lösungen. Zudem verantwortet er gemeinsam mit seinem Team das Key Accounting der Top-Tier-Finanzdienstleistungskunden in der gesamten DACH-Region.

Vjekoslav Bonic:

Es ist definitiv eines der „Next Big Things“

Das gilt sowohl für die Finanzindustrie als auch für die Pharma-, Automotive- und Logistikbranche – nur um einige Beispiele zu nennen. Die Chipfertigung gerät an die Grenzen der Physik und muss in den subatomaren Bereich vordringen. So kommt die ca. 100 Jahre alte Quantentheorie ins Spiel. Die Hersteller beherrschen die Technologie noch nicht in voller Skalierung, jedoch beobachten wir die Entwicklung genau und es ist enorm, was in den letzten Jahren erreicht wurde. Vor allem konnten wir in mehreren internen Hackathons selbst die Möglichkeiten beobachten und tatsächlich so manche Hypothese beweisen.

Die Komplexität in der Anwendung ist jedoch fast so hoch wie die Chancen, die sie bietet. Deshalb widmen wir uns bereits frühzeitig diesem Thema.”

Wie sieht es mit der Konkurrenz aus? Ist die RBI Vorreiter? Gibt es weitere Anwender oder andere Herangehensweisen?

Vjekoslav Bonic: International sind manche Großbanken noch wesentlich aktiver als wir. Auf regionaler Ebene konnten wir jedoch keine Konkurrenz ausmachen. In diesem Bereich dürften wir inzwischen einen guten Vorsprung erreicht haben.

Das bezieht sich insbesondere auf unser wichtigstes Asset, die hochintelligenten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, vor denen ich sprichwörtlich den Hut ziehe.”

Hans-Peter Sailer: In den letzten Jahren hat die Investitionstätigkeit stetig zugenommen: Viele Branchengrößen investieren bereits in die Quantum-Computing-Technologie und führen die ersten Proofs-of-Concept durch. Banken können sich mithilfe des Quantum Computings im Markt differenzieren, schneller Services anbieten und umsetzen. Wer schon jetzt in Anwendungen oder sogar in Geschäftsmodelle investiert und dabei die geeigneten Experten einbezieht, wird bald deutliche Vorteile erkennen können. Der vorhandene Know-how-Vorsprung gegenüber dem Wettbewerb wird spätestens dann deutlich sicht- und messbar sein.

Gibt es Planungen, die Zusammenarbeit und den Einsatz von Quantum Computing auszuweiten?

Vjekoslav Bonic: Aktuell arbeiten wir gemeinsam an einer wissenschaftlichen Publikation und auch in Zukunft freue ich mich auf eine Zusammenarbeit. Gute Partner in diesem Umfeld sind rar.

Hans-Peter Sailer: Bei Reply verfolgen wir die Fortschritte im Bereich Quantum Computing aufmerksam und tragen etwa durch Publikationen selbst zur Community bei. Letztlich geht es uns darum, neue Technologien für unsere Kunden wertschöpfend zum Einsatz zu bringen. Daher freuen wir uns besonders, dass wir die Raiffeisenbank International in ihrer Pionierrolle unterstützen dürfen.

Herr Bonic, Herr Sailer – vielen herzlichen Dank für das spannende Interview und halten Sie uns bitte weiter auf dem Laufenden.aj

 
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