STRATEGIE6. Januar 2020

Sieben Thesen gegen das „Lex Apple-Pay“

Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth

Nein, ich habe meine Meinung zum Thema „Lex Apple-Pay“ nicht geändert. Dieser Beitrag ist Antwort und Detailbetrachtung auf spannende Nachfragen und Lesermeinungen zu meinem Artikel. Da ich viele der Argumente auch aus anderen Richtungen (hauptsächlich von Apple-Fans) zu hören bekomme, möchte ich an dieser Stelle sieben Stichpunkte aufgreifen:

von Rudolf Linsenbarth

1. Sicherheit per Secure Element

Ein besonders geschickter Schachzug von Apple, hier die Sicherheitskeule zu schwingen. Richtig ist, dass das von Apple Pay im iPhone genutzte Secure Element einen etwas höheren Sicherheitslevel aufweist als die sogenannte Host Card Emulation. Allerdings wird das Sicherheitsniveau von HCE in der Android-Welt als ausreichend eingestuft. Warum das für das iPhone nicht ausreichen sollte, erschließt sich mir nicht.

Es dürfte den Fachleuten in Cupertino auch nicht gelingen darzulegen, warum durch die Öffnung der NFC-Schnittstelle Apple-Pay selber unsicherer werden sollte.

2. Die offene Schnittstelle führt zu einem schlechteren Nutzererlebnis

Apple-Pay
Apple-Pay: Alles in einem System – die Klebewirkung bindet KundenApple

Ja, offene Schnittstellen führen zu einer komplexeren Umgebung. Allerdings trifft das nur diejenigen, die diese neue „Freiheit“ im vollen Umfang ausnutzen. Da ich diese Ängste bisher nur von Apple-Fans gehört habe, die sich lieber in den verlängerten Rücken beißen, bevor Sie ein „Fremdprodukt“ nutzen würden, ist das für sie ja kein Problem. Außerdem sieht man bei Android-Welt, dass es für diese Probleme auch eine Lösung gibt.

3. Die offene Schnittstelle führt zu weniger Angeboten bei Apple Pay

Wenn das so kommt, ist das gut und richtig! So etwas nennt man Wettbewerb und genau diesem versucht sich Apple durch das Blockieren seiner Schnittstellen zu entziehen.

Das System, bei dem alle Angebote durch den Flaschenhals von Apple müssen, führt dazu, dass es viele Angebote auf dem iPhone gar nicht gibt, bzw. dass die Anbieter gezwungen sind, ihr Angebot komplett auf eine andere Technologie wie den QR Code umstellen müssen.

Jeder Payment-Anbieter kann am Ende des Tages selber entscheiden, ob er sein Angebot über Apple-Pay oder eine eigene App realisiert. Der Kunde kann dann immer noch entscheiden, welches Angebot ihm passt.

Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth be­schäf­tigt sich mit Mobile Payment, NFC, Kundenbindung und digitaler Identität. Er ist seit über 15 Jahren in den Bereichen Banken, Consulting, IT und Handel tätig. Lin­sen­barth ist profilierter Fachautor und Praktiker im Finanzbereich und kommentiert bei Twitter unter @holimuk die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Linsenbarth im eigenen Namen.

4. Die Zahlungsdienste-Richtlinie ist nicht der richtige Ort, um das zu regeln

In diesem Punkt stimme ich mit den Kritikern des Lex Apple-Pay überein. Wir haben hier ein wettbewerbsrechtliches Thema und das sollte am besten sogar auf europäischer Ebene behandelt werden. Ich bin gespannt, wie es weitergeht, wenn der erste Anbieter sich auf dieses Gesetz beruft und Zugang auf dem iPhone beantragt. Das wird auf jeden Fall vor Gericht gehen und Apple wird das dann sowieso bis vor den Europäischen Gerichtshof bringen.

5. Banken fehlt die moderne Denke, um ein gutes Mobile Payment zu entwickeln

Richtig ist, dass die meisten Banken beim Thema Mobile Payment eher getriebene als Treiber sind. Ich sehe hier die Banken auf mittlere Sicht auch nicht wieder an der Spitze der Bewegung.

Das Gesetz nutzt ja nicht nur den Banken. Es gibt aber genügend Anbieter abseits der Banken, wie Bluecode, Payback und der Handel, die Innovationen auf dem Payment-Markt vorantreiben.“

6. Deutsche Banken setzen zu einseitig auf die girocard und wollen deshalb die Öffnung

girocard statt Apple-Pay?
girocard statt Apple-Pay … oder bald girocard in Apple-Pay?BVR

Die girocard ist derzeit Marktführer am physischen POS. Warum sollten die Banken dieses Asset ohne Not aufgeben? In diesem Punkt decken sich übrigens die Interessen der Banken und von Apple. In Cupertino ist man immer darin interessiert, starke lokale Schemes mit einzubinden. Das galt sowohl für China Union und auch die Carte Bancaire und gilt selbstverständlich auch für die girocard.

Für die Beurteilung, ob ein internationaler Scheme-basierter Ansatz für die Banken wirklich günstiger als eine nationale Karte ist, fehlen mir die Zahlen. Ich gehe aber davon aus, dass die Banken schon aus eigenem Interesse auf die wirtschaftliche Tragfähigkeit ihrer Lösungen achten.

7. Die Nutzer wollen lieber mit den in die Betriebssysteme integrierten Methoden bezahlen

Mal abgesehen davon, dass es ‚den Nutzer‘ gar nicht gibt und die Meinungswelt hier extrem bunt sein dürfte, gilt hier wohl eher das geflügelte Wort von Henry Ford:

Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.“Rudolf Linsenbarth

 
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