STRATEGIE18. Mai 2021

Super Apps: Warum deutsche Banken einen Vorteil gegenüber FinTechs haben

Björn Goß, Co-Gründer und CEO von Stocard Stocard

In Asien sind sie nicht mehr wegzudenken: Super Apps. Das sind Apps, die (fast) alles können. AliPay oder WeChat, sie alle bündeln unzählige Dienstleistungen unter einem Dach: von Social Media über Einkäufe, Spiele und Mobilität bis hin zu Finanzdienstleistungen. Dabei wollen sie insbesondere Nutzern alle Dienstleistungen in einer App anbieten, sodass sie im Alltag die App nicht mehr verlassen müssen. Doch wie sieht der Stand der Dinge in Deutschland aus? Björn Goß, CEO und Mitgründer von Europas führendem digitalen Wallet Stocard geht in diesem Artikel auf die Grundlagen und die Möglichkeiten einer Super App in Deutschland und Europa ein, wie die Produktstrategie der Unternehmen dafür ausgerichtet sein muss und wo gerade traditionellen Bankenhäuser einen Vorteil gegenüber FinTechs haben können.

von Björn Goß, Co-Gründer und CEO von Stocard

Was sind eigentlich Super Apps?

Super Apps zeichnen sich dadurch aus, ständige Berührungspunkte mit den Nutzern im Alltag zu erzeugen. Dadurch steigt die Kundenbindung und vor allem das Vertrauen in die Dienste. Fühlen sich Nutzer einmal im Ökosystem wohl und nutzen die Services regelmäßig, ist die stetige Zugabe neuer Dienste mehr als Willkommen. Die Ursache ist schnell gefunden: da zusätzliche Dienste nur wenige Fingertipps entfernt sind, sparen sich Nutzer lästige Onboarding-Schritte:

Kein Herunterladen neuer Apps, kein Erstellen unzähliger Accounts. Ist ein neuer Dienst innerhalb der App, der häufig genutzt wird, nur einen Klick entfernt, dann liegt es sehr nahe, dass Nutzer diesen Dienst auch nutzen.“

Entgegen der häufigen Annahme ist Grundlage einer erfolgreicher Super App also nicht das bloße Anhäufen von Services, sondern auch die hohe Frequenz der Kundenkontaktpunkte. Nur um ein Beispiel zu nennen, mit dem sich vielleicht jeder identifizieren kann: Wie oft hat man noch Yelp genutzt, nachdem Google Maps umfassende Ratgeber- und Bewertungsfunktionen rund um Restaurants weiter ausgebaut hat? Das Wichtigste und damit allem vorausgesetzt ist, dass die App immer und überall zuverlässig seine Dienste erledigt.

Warum Super-Apps in Asien nicht mehr wegzudenken sind

Erfolgreich sind bisher ganzheitliche Super-Apps in Asien. Durch zahlreiche Angebote in ein und derselben App, die enorm tief in den Alltag der Nutzer integriert ist, können und wollen die Nutzer den Alltag fast gar nicht mehr ohne diese meistern. Allen voran WeChat: ursprünglich eine Messenger-App mit täglich mehreren Kontaktpunkten zu Nutzern heute viel mehr als das. Neben weiteren Social Medias ist die App auch Marktplatz, Dreh- und Angelpunkt zum Buchen von Dienstleistungen wie Friseur- oder Arztterminen bis hin zu Mobilitäts-App samt Navigation. Und allem voran: eine Finanz-App.

Bezahlen, Investieren, Sparen – egal ob privat oder geschäftlich, ohne WeChat geht gar nichts.“

Berührungspunkte schaffen statt reine Geldverwahrung

Autor Björn Goß, Stocard
Experte für Super Apps: Björn Goß Björn Goß ist gebürtiger Heidelberger. Er studierte an der Uni Mannheim und der London School of Economics and Political Science. Im Jahr 2012 rief Björn Goß gemeinsam mit seinen Kollegen David Handlos und Florian Barth das Unternehmen Stocard ins Leben, und baute es zum heute führenden Mobile Wallet auf. Um Stocard zu gründen, brach Goß seinen PhD ab und verließ McKinsey.

Der FinTech-Boom der letzten Monate und Jahre hat weitestgehend nur eines bewirkt: bestehende Modelle haben sich ins Digitale verlagert. Neobroker und -banken sind aus dem Boden geschossen. Das grundlegende Konzept von Banking oder Trading hat sich jedoch nicht verändert. Die wirklich fundamentale Disruption fängt gerade erst an. Denn jetzt gilt es, möglichst viele Kontaktpunkte mit dem Kunden zu erzielen. Im Finanzsektor ist der häufigste Anwendungsfall das Bezahlen. Egal ob online oder (kontaktlos) am POS, mit Karte oder dem Smartphone, über P2P-Payments bis hin zu Überweisungen, bezahlt wird immer und ständig. Ein herkömmliches Bankkonto hingegen ist zum Verwahren von Geld da, also das komplette Gegenteil eines stark frequentierten Anwendungsfalls. Sowohl für junge FinTech-Unternehmen als auch für etablierte Banken ist es wichtig, den Zugang zum Kunden, zu behalten. Um mal Klartext zu sprechen: Banken, egal ob Neobank oder das traditionelle Pendant, drohen sonst aus dem Alltag der Kunden in den Hintergrund zu verschwinden, sobald wir alle mit Apple Pay, Google Pay oder einem anderen Wallet bezahlen oder beispielsweise über WhatsApp Geld versenden.

Daher müssen Services um das klassische Bankkonto herum geschaffen werden. Während mit dem Bezahlen der wohl häufigste Berührpunkt an die Wallets abgegeben wurde, müssen Unternehmen die mobilen Apps sukzessive mit neuen Diensten anreichern, die ein ähnliche Relevanz im Alltag der Kunden haben. Strategisch hoch relevant sind dabei Services rund um das Einkaufen, da diese in puncto Frequenz dem Bezahlen in nichts nachstehen, denn: Bezahlt wird nun mal am Ende eines Einkaufs.

Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt: von Shopping-Plattformen, Rabatt Portalen, Vorteilen beim Einkaufen bis hin zu Buy Now Pay Later – an Experimenten im Markt mangelt es derzeit nicht.“

Klarna, die sich von einer Bezahlmethode mittlerweile zur Shopping App mit starker Präsenz bei Kunden gewandelt haben, ist nur eines von vielen prominenten Beispielen. Im Vergleich zu bisherigen Modellen im Retail Banking ist hierzu aber ein mutiges Umdenken gefragt.

Über Stocard
Stocard (Webseite) ist ein Mobile Wallet (lt. Unternehmen mit mehr als 60 Millionen Nutzern). Stocard will die Zukunft des Einkaufens und des Bankings gestalten. Das digitale Verwalten von Kundenkarten sowie mobiles Bezahlen sind dabei zwei Funktionen der Stocard-App.
Ziel sei es, das Angebot um innovative „on the go“-Finanzdienstleistungen zu erweitern und so die physische Geldbörse überflüssig zu machen. Stocard wurde 2012 von Björn Goß, David Handlos und Florian Barth in Mannheim gegründet. Neben seinem Hauptsitz Mannheim ist Stocard in Sydney, Mailand, Rotterdam, Paris und London vertreten. Insgesamt beschäftige das Unternehmen über 100 Mitarbeiter.

Neben dem Kampf um den hochfrequenten Kundenzugang können heute auch typisch banknahe Produkte vom Versicherungsprodukt bis hin zur Trading-Lösung dank aus dem Boden sprießender Whitelabel-Lösungen in wenigen Wochen vollumfänglich integriert werden. Am Ende genießen End-Nutzer verschiedenste Lösungen aus einer Hand.

Dank der kurzen Implementierungszeiten können immer weitere neue Dienste hinzugefügt und ausgetestet werden. Mein Kredo: einfach ausprobieren.“

Hier müssen Konzerne ihren jungen Vehikeln Raum zur Entfaltung geben und sie nicht in starren Prozessen oder Bedenken, dass es nicht klappen könnte im Keim ersticken. Denn schließlich können Unternehmen nur so herausfinden, was Nutzer benötigen und den Alltag erleichtert. Und in kurzer Zeit zu wissen, was Kunden möchten und entsprechende Prioritäten zu setzen, ist in der aktuellen Marktphase erfolgsentscheidend. Erst dann ist Weg zur Super App geebnet.

Strukturelle Vorteile für traditionelle Banken

Doch gerade im Bereich Finanz- sowie Versicherungsprodukte haben Banken durch das breit gefächerte Tätigkeitsfeld mit den nötigen Lizenzen einen entscheidenden Vorteil: Während eine ausgelagerte Wertschöpfung in der Zusammenarbeit mit Partnern anfänglich Geschwindigkeitsvorteile bringen kann, bedeutet es langfristig auch, nicht die volle Wertschöpfung im eigenen Unternehmen abzubilden. Dies kann geringere Kontrolle über das Produktangebot oder geringere Margen und am Ende potentiell höhere Preise für den Kunden bedeuten. Wenn man ganz genau weiß, was der Kunde will, rentiert es sich auch, das allerkleinste Detail zu optimieren. Möchte man seinen Kunden zum Beispiel bestimmte Asset-Klassen zur Geldanlage anbieten, kann man dies im Partner-Modell nur, wenn der Partner dies auch unterstützt und selbstverständlich auch nur zu Preisen, welche die Kosten des Partners decken. Eine enorme Chance für Banken, langfristig Boden zu gewinnen.

Die nächsten ein bis zwei Jahre werden zeigen wie und vor allem welche Anbieter in Europa große Schritte in Richtung Super App machen werden. Schon jetzt ist sicher:

Nutzer integrieren neue Lösungen enorm schnell in den eigenen Alltag. Das Potenzial ist daher riesig.“

Traditionellen Finanzinstituten wird häufig nachgesagt, dass sie langsamer als ihre neuen Konkurrenten seien. Falls sie dies mit einigen mutigen Entscheidungen widerlegen, ist es gut möglich, dass sie strukturelle Vorteile aus ihrem etablierten Kerngeschäft in Form von Produkten und Lizenzen langfristig nutzen können, um damit Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Trotzdem gilt es nun erstmal schnell neue Lösungen zu implementieren und die so wertvollen Kontaktpunkte mit den Kunden zu erreichen. Denn Super Apps werden schon bald eine Vielzahl von Bereichen unseres Lebens prägen – und aktuell sieht es eher noch danach aus, dass Kunden andere Apps häufiger zum Bezahlen, Geld senden, Einkaufen und für alles rund um Finanzen nutzen als die App ihrer Bank.Björn Goß, Stocard

 
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