STRATEGIE19. Juli 2018

Telematik-Versicherungen werden einen neuen Preiskrieg auslösen – die aktuellen Entwicklungen

Telematik-Experte Grzegorz Obszański
Grzegorz Obszański, Lead Consultant Sollers ConsultingSollers Consulting

Anfang Juli hat der polnische Telematikanbieter Neptis einen Auftrag der Polen-Tochter des Volkswagen Versicherungsdienstes erhalten. Neptis wird für Volkswagen Anwendungen zur Gewinnung von Telematikdaten aus Autos entwickeln. Mit Hilfe von Big-Data-Anwendungen will Volkswagen Versicherungsdienst in Polen Telematik-basierte Versicherungen entwickeln. Andere Kfz-Hersteller sind in diesem Geschäft schon weiter.

von Grzegorz Obszański, Lead Consultant Sollers Consulting

Weltweit preschen die Autokonzerne in der Telematik vor. Ziel ist es, mit den vorhandenen technischen Möglichkeiten im Auto die Wertschöpfungskette auszubauen:

In Deutschland hat im Juni Toyota einen Telematik­tarif für das Modell Aygo gestartet, der von der Aioi Nissay Dowa Insurance Company of Europe getragen wird. Mercedes bietet einen Telematik-Tarif für die E-Klasse an. In den USA hat jetzt Mitsubishi verkündet, dass man zusammen mit LexisNexis Risk Solutions eine Smartphone-App gestartet hat, die Usage Based Insurance (UBI) ermöglicht. Mitsubishi wird interessierten Versicherern Fahrerdaten über eine Telematik-Plattform anbieten.

Mit diesen vielen kleinen Schritten tritt die in der Versicherungsbranche gefürchtete Wende ein, in der die Versicherer in ihrem wichtigsten Geschäftszweig zu relativ leicht austauschbaren Zulieferern werden.“

Die Telematik-Versicherung von Mitsubishi ist eingebettet in eine Assistance-Lösung und verspricht neben Prämiennachlässen auch Service-Vorteile, unter anderem durch ein maschinell erstelltes Feedback über den Fahrstil. Die Lösung sammelt und vereinheitlicht Daten aus mehreren Quellen und funktioniert in allen Autos, die nicht älter als fünf Jahre sind. Mitsubishi hat in den USA einen Marktanteil von 12 Prozent.

Applikation für 27.000 Geschwindigkeitsmesser

In Europa versuchen die Versicherer EU-Politiker davon zu überzeugen, dass die Daten aus Autos den Fahrern zuzuordnen sind und somit ihnen gehören und nicht den Automobilherstellern. Doch führende Automobilhersteller haben im Frühjahr gegenüber den Versicherern deutlich gemacht, dass die Daten den Herstellern gehören. Der Versicherungs-Dachverband Insurance Europe hat im Frühjahr eine Kampagne „data4drivers“ gestartet. Die Facebook-Seite dieser Kampagne zählt bislang lediglich 50 Likes (19.07.2018).

Die Technologie-Anbieter bereiten sich auf wachsende Aufträge vor. LexisNexis hat dazu eine Einheit in den USA aufgestellt, in China will sich das InsurTech Zhong An mit seinem Data Cube die Vorherrschaft über Telematik-Dienste sichern.

Die in Posen ansässige Neptis S.A., die jetzt mit dem Volkswagen Versicherungsdienst kooperiert, hat eine Anwendung namens Yanosik entwickelt, die Autofahrer vor Geschwindigkeitsmessern warnt. Nach Angaben von Neptis wurde die Anwendung 7 Millionen Mal runtergeladen. Die Applikation basiert auf einer Datenbank über 27.000 Radargeräte in Europa. Sie gibt es in Versionen für iOS, Android, Blackberry und WP7/WP8. Im Dezember hat Neptis für die polnische Ergo Hestia den Telematik-Tarif YU! an den Start gebracht, der eng mit der Yanosik-App verknüpft ist.

In Italien hat Telematik einen Marktanteil von 20 Prozent!

In Deutschland bieten Versicherer Telematik-Tarife seit drei Jahren an. Die S-Direkt ist bereits Anfang 2014 gestartet, stellte aber den Tarif 2016 wegen mangelnder Nachfrage wieder ein.

Derzeit bieten in Deutschland Admiral Direkt, Allianz, Axa, Huk Coburg, Signal Iduna (Sijox) und VHV Telematik-Tarife an, die R+V will im Herbst mit einem Telematik-Tarif an den Markt. Allerdings wurden die Tarife der Versicherer bisher kaum angenommen.“

Italien ist das einzige Land, in dem sich Telematik signifikant durchgesetzt hat. 20 Prozent aller Kfz-Versicherungen in Italien sind Telematik-basiert. Vorreiter ist der Versicherer Unipol. Nach Italien folgt Großbritannien, wo etwa 5 Prozent aller neuen Kfz-Policen auf Telematik beruhen.

Es ist bereits jetzt zu erkennen, dass es zu Verschiebungen auf dem Markt für Kfz-Versicherungen kommen wird. Die Volkswagen Autoversicherung gehörte zu den wachstumsstärksten Kfz-Versicherern in den letzten sechs Jahren. Toyota lockt jetzt Telematik-Kunden für den Aygo mit ausgesprochen niedrigen Prämien. Auf dem Versicherungsmarkt ist man sich einig, dass die Preise für Kfz-Versicherungen bereits zurückgehen. Sollte es zu einem erneuten Preiskrieg kommen – und es deutet sich an, dass es dazu auch wirklich kommt – wird der Druck auf die Versicherer wachsen, die mit zu hohen Kosten operieren. Von dem Ratenanstieg auf dem deutschen Versicherungsmarkt seit 2010 haben die Direktversicherer und die Versicherer mit Mischvertrieb (Geschäftsstellen, Direkt und andere) profitiert. Beide Gruppen operieren mit geringeren Kosten und können so ihren Kunden günstigere Prämien anbieten. Sie sind am besten für die neue Marktphase gerüstet.

Der Druck im Markt steigt

Die Allianz hat angekündigt, dass sie Anteile an der ADAC Autoversicherung übernehmen wird, die seit 2010 dank günstiger Kosten ein sehr gutes Wachstum verzeichnet hat.“

Gleichzeitig gehört der Allianz-Direktversicherer Allsecur zu den wachstumsstärksten Kfz-Versicherern am Markt. Die Bewegungen werden den Druck auf den Markt für Kfz-Versicherungen weiter erhöhen.

Noch ist es nicht ausgemacht, dass die Autohersteller den Kampf im Kfz-Versicherungsgeschäft für sich entscheiden werden. Telematik wird sich nur langsam ausbreiten, weil die meisten Autos gebraucht gekauft werden.

Autos werden heutzutage viel länger gefahren als noch vor dreißig Jahren. Das schränkt die Verwendung von Telematik ein.“

Es ist zudem bemerkenswert, dass sich die reinen Außendienstversicherer in der zurückliegenden Marktphase so gut gehalten haben. Dank wettbewerbsfähiger Prämien ist es ihnen gelungen, stärker zu wachsen als der Rest des Marktes. Reine Außendienstversicherer vertreiben ihre Policen ausschließlich über ihr Vertriebsnetz und verzichten auf Direktvertrieb, Aggregatoren, Makler-Geschäft und Banken-Kooperation. Die regionale Präsenz und die dadurch gestärkte Marke erleichtern es ihnen, auf dem hart umkämpften Markt zu bestehen.Grzegorz Obszański

 
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