Tokenisierte Wertpapiere im Praxiseinsatz: Registerarchitektur statt Blockchain-Theater

Conda
von Dirk Littig, Co-Geschäftsführer, Conda Capital Market
In der Praxis lässt sich diese Trennung durch eine modulare Partnerschaft realisieren: Während das kaufmännische Emissionsportal die Kundenschnittstelle bedient, werden die technische Tokenisierung und die rechtskonforme Registerführung an einen spezialisierten Infrastrukturdienstleister ausgelagert. Diese Struktur trennt die regulatorischen, technischen und operativen Prozessebene strikt voneinander.
Multi-Chain-Architektur statt isolierter privater Blockchains
Die Infrastruktur setzt auf Schnittstellen, über die unterschiedliche Blockchain-Netzwerke angebunden werden können. Standardmäßig wird für den Handel digitaler Wertpapiere Polygon Proof of Stake (PoS), kurz: Polygon genutzt, zusätzlich lassen sich Netzwerke wie Stellar oder andere auf Ethereum basierende Layer 2-Blockchains integrieren. Gerade diese Multi-Chain-Fähigkeit ist für institutionelle Anwendungen relevant, weil sich die Anforderungen je nach Emissionsmodell unterscheiden können.
Polygon spielt dabei eine besondere Rolle, da es sich um ein Ethereum-kompatibles Layer-2- beziehungsweise Sidechain-Netzwerk handelt.
Die Idee hinter Layer-2-Infrastrukturen besteht darin, Transaktionen außerhalb der teils hoch ausgelasteten Ethereum-Hauptchain zu verarbeiten, ohne auf deren Sicherheitsvorteile vollständig zu verzichten.“
Dadurch lassen sich Transaktionskosten und Latenzen erheblich reduzieren, was ein entscheidender Faktor für Kapitalmarktanwendungen mit potenziell vielen Registeränderungen oder Transaktionen ist.
Layer-2-Netzwerke – für digitale Wertpapiere besonders relevant
Für digitale Wertpapiere ist das insbesondere deshalb relevant, weil jede Veränderung im Register – also beispielsweise die Übertragung eines Wertpapiers – technisch als Zustandsänderung verarbeitet werden muss. Auf der Ethereum-Blockchain wären solche Vorgänge aufgrund hoher Gebühren (Gas Fees) und begrenzter Skalierbarkeit wirtschaftlich kaum effizient darstellbar. Polygon ermöglicht dagegen deutlich höhere Transaktionsraten bei gleichzeitig niedrigen Kosten und bleibt über seine Kompatibilität eng an das Ethereum-Ökosystem angebunden.
Dirk Littig ist Co-Founder und Co-CEO der 2013 gegründeten Conda Capital Group (Webseite). Außerdem ist er Gründungsmitglied und Vorstand des Bundesverband Crowdfunding – Digital Invest Germany. Er hat seine Karriere im Banking gestartet und dort Erfahrung im Unternehmenskundengeschäft, im Vorstandsstab und im Investment Banking gesammelt. Vor Gründung von Conda war er mehrere Jahre als Investment Director im Private Equity tätig.Genau diese Trennung ist einer der zentralen Unterschiede zwischen institutioneller Tokenisierung und klassischen Kryptoanwendungen. Während öffentliche Blockchains ursprünglich für vollständig dezentrale Systeme konzipiert wurden, entstehen im regulierten Kapitalmarkt hybride Modelle: Die Basistechnologie bleibt öffentlich und interoperabel, die Zugriffs- und Kontrollschichten werden jedoch weiterhin reguliert und zentral ausgeführt.
Schnittstellen zur klassischen Finanzwelt bleiben entscheidend
Entscheidend ist dabei die Interoperabilität mit bestehenden Finanzsystemen. Denn die meisten Kapitalmarktprozesse existieren weiterhin außerhalb der Blockchain-Welt. Über entsprechende Schnittstellen können daher sowohl digital emittierte als auch klassisch verbriefte Wertpapiere innerhalb derselben Plattformstruktur verarbeitet werden. Auch hybride Emissionen sind möglich, bei denen ein Teil der Wertpapiere elektronisch im Register geführt wird, während andere weiterhin in traditionelle Depotinfrastrukturen eingebucht werden.
Besonders sichtbar wird dieser hybride Ansatz bei sogenannten Corporate Actions. Vorgänge wie Dividendenzahlungen, Hauptversammlungsabstimmungen oder Aktiensplits erfolgen derzeit beim Großteil der digitalen Wertpapierstrukturen weiterhin offchain. Technisch wäre die Automatisierung zwar über Smart Contracts möglich, in der Praxis stehen jedoch regulatorische Anforderungen, Bankenintegration und Nutzerakzeptanz im Vordergrund.
Ähnlich verhält es sich bei der Verwahrung. Die digitalen Schließfächer beziehungsweise Custody-Lösungen für Investoren werden über einen Custodian mit Sitz in Deutschland bereitgestellt. Dadurch bleibt die Benutzeroberfläche für Anleger näher an klassischen Depotmodellen, während die Blockchain-Technologie weitgehend im Hintergrund operiert.
Der Kapitalmarkt wird nicht ersetzt, sondern modular
Gerade darin zeigt sich aktuell die Entwicklungsrichtung des Marktes für digitale Wertpapiere: sie ist weniger ein radikaler Ersatz bestehender Kapitalmarktinfrastrukturen als vielmehr eine schrittweise technologische Entkopplung einzelner Funktionen. Blockchain-Netzwerke wie Ethereum und Polygon übernehmen dabei zunehmend die Rolle einer flexiblen Register- und Settlement-Schicht, während regulatorische Kontrolle, Verwahrung und Investorenzugang weiterhin offline stattfinden und stark an etablierte Finanzmarktstrukturen gekoppelt bleiben. Dirk Littig, Conda/dk
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/245785


Schreiben Sie einen Kommentar