KOLUMNE13. Apr. 2015

Das neue Gesicht der Disruption

iqoncept/bigstock.com
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Kaum eine Theorie hat in den vergangenen Jahrzehnten in Wirtschafts- und Medienkreisen so viel Resonanz ausgelöst, wie die vom sog. Innovator’s Dilemma von Clayton Christensen. Kern der Argumentation darin ist, dass auffallend viele Unternehmen, die über lange Jahre an der Spitze der technologischen Entwicklung standen, durch die Verbreitung umwälzender, disruptiver Technologien aus dem Markt gedrängt werden. Was sie einst erfolgreich machte, entpuppt sich als Hemmschuh für die weitere Entwicklung.

von Ralf Keuper, Blogger und Kolumnist

Statt in den guten Jahren, Gelder in die Erforschung alternativer Technologien und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle zu investieren, werden die Ressourcen für die Bewahrung des Bestehenden verwendet. So lange sich mit dem alten Geschäftsmodell, den alten Produkten, Verfahren und dem vorhandenen Know How noch auskömmliche Gewinne erzielen lassen, sehen viele Unternehmen keinen Anlass dazu, in Bereiche zu investieren, die, sollten sie einmal Gewinne erwirtschaften, erst nach einigen Jahren ein festes Standbein sein können. Durch die risikoaverse Ressourcenallokation, in Form von Kapital, Bildung und Technologien, verstärkt sich über die Jahre der Hang zur Bewahrung des Status Quo. Gefördert wird diese Haltung häufig noch dadurch, dass auch die Mitbewerber, die man seit Jahren, Jahrzehnten kennt und beobachtet, denselben Weg eingeschlagen haben. Weitere Bestätigung kommt häufig aus dem näheren Umfeld des Unternehmens, beispielsweise von den Zulieferern. Das alles geht so lange gut, bis technologische und soziale Innovationen die eigenen Produkte und Dienstleistungen obsolet zu machen drohen. Kurzerhand betreten neue, dynamische Unternehmen ohne Altlasten das Spielfeld. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Innovationsgeschwindigkeit, wie Steven Johnson in Woher gute Ideen kommen zeigt, eine neue Dimension erreicht. Galt in der Zeit vor dem Internet die Regel, dass neue Technologien zehn Jahre für ihre Entwicklung und weitere zehn für ihre Durchsetzung am Markt benötigen, wie beim Videorecorder, beträgt dieser Zeitraum heute nur noch jeweils ein Jahr – Beispiel YouTube. 

Innnovator’s Dilemma korrigieren

Insofern ist die These vom Innnovator’s Dilemma weiterhin gültig. Indes: Jede halbwegs seriöse Theorie muss sich der Überprüfung in der Praxis stellen und ständig damit rechnen, widerlegt, d.h. falsifiziert zu werden. Und hier sieht es ganz danach aus, als müsste die Theorie des Innnovator’s Dilemma an einigen Stellen korrigiert werden. In letzter Zeit ist die Kritik an Christensen Paradigma der Disruption lauter und ein wenig schärfer geworden, wie z.B. in The Disruption Myth und Clayton Christensen should really disrupt his own innovation theories

Demnach unterschätzt Christensen Formen von Innovationen, die weniger disruptiv sind, als vielmehr Züge der Systeminnovation zeigen, wie beispielsweise bei Apple. Auch werde der Effekt technologischer Neuerungen und daraus entstandener Konzerne wie Google, facebook und Amazon überschätzt. In der Summe sei die Zahl der Unternehmensgründungen und neuen Jobs im Technologiesektor keineswegs so hoch, wie immer angenommen wird. Dem Verlust von Arbeitsplätzen in traditionellen Branchen stehen keine adäquaten Zugewinne in der disruptiven Branchen gegenüber. Diese, und noch weitere Kritik, hat ihre Berechtigung – keine Frage. 

Nur leider belassen es die meisten Kritiker bei der Diagnose der Mängel, ohne Hinweise darauf zu geben, wie sich das Phänomen technologischer und sozialer Innovationen besser interpretieren lässt. 
Denn, anders als in der Zeit vor dem Internet, oder sagen wir, vor 2010, sind es heute große Plattformen, digitale Ökosysteme, die die Rolle der Treiber technologischer und sozialer Innovationen übernommen haben, vom Crowdsourcing, Crowdfunding, Open Innovation, P2P-Netzwerken bis hin zur Blockchain. Wie Greg Satell in How Power Is Shifting From Corporations To Platforms feststellt, hat sich die Macht von den alten Großkonzernen, die die gesamte Wertschöpfungskette unter ihrer Kontrolle haben, hin zu Plattformen verlagert. Hinter vielen Plattformen stehen nicht selten Großkonzerne, die für das Management, das Zusammenspiel der Teile und die Pflege des Ökosystems zuständig sind. Daneben gibt es weitere Plattformen, die mittels Open APIs immer mehr Geschäft von traditionellen Anbietern in ihre Kanäle lenken.

Das bekommen derzeit die Banken zu spüren

Ohne dass es ihnen lange Zeit bewusst war, sind große  (Apple, Google, facebook Amazon, PayPal, Alibaba) und zahlreiche kleine digitalen Plattformen dabei, ihnen wortwörtlich das Wasser abzugraben. Für die Banken bleiben irgendwann nur die Reste, die die anderen übrig gelassen haben, d.h. Back End Services und Teile der Middleware. Es ist kaum noch zu übersehen, dass die Produktion immer informationsintensiver wird; selbst im Automobilbau. Die Connected Cars sind erst der Anfang. Als eine Branche, deren Kerngeschäft,  wie kaum das einer anderen, von der Informationsverarbeitung abhängt, und die dazu keine Urheberrechte wie die Musikindustrie oder Inhaberstolz wie die Automobilindustrie für sich geltend machen kann, gilt dieser Befund um so mehr.
Die Disruption erfolgt heute nicht mehr so sehr durch einzelne Personen oder Unternehmen, sondern durch intelligente Netzwerke, in deren Zentrum nicht selten ein großer Player steht. Paradoxerweise verdanken große Unternehmen ihre Vormachtstellung der Fähigkeit, auf unterschiedlichsten Gebieten mit anderen zu kooperieren und damit Macht und Kontrolle aufzugeben. Daneben spielen auch Übernahmen eine nicht zu unterschätzende Rolle. 
Banken dagegen, zeichnen sich noch immer durch ein Denken und Agieren in geschlossenen Systemen aus. Doch selbst die größte Bankengruppe verfügt heute nicht mehr über eine annähernd so große Reichweite im Netz wie die großen sozialen Netzwerke. Die Mediennutzung hatte schon immer einen großen Einfluss auf das Bankgeschäft. In der Vergangenheit reichte es für die Banken aus, die neuen Technologien in ihre eigenen Kanäle einzubauen; ein Glaube, der heute durch das Modell der Multikanalbank am Leben gehalten wird. 
Jedoch haben sich die Zeiten gewandelt. Die Ära der großen monolithischen Blöcke, der Universalbank (nur auf den ersten Blick ein Widerspruch), neigt sich dem Ende zu. Auslöser war weder ein einzelnes Unternehmen noch eine bestimmte Technologie. Es war die Summe verschiedener Einflüsse/Stilelemente aus Technologie, Gesellschaft, Zeitgeist, Recht und Wissenschaft. Ihre Wirkung lässt sich noch immer zutreffend mit disruptiv beschreiben.rk


Ralf Keuper (Bank-, Diplomkaufmann und FinTech-Experte)

Blog-Autor Ralf Keuper ist Bank- und Diplomkaufmann. Bild: Xing
Ralf Keuper

Ralf Keuper ist Bank- und Diplomkaufmann und seit rund 15 Jahren in verschiedenen Positionen beratend im Bankenumfeld tätig. Er gehört zudem mit seinem Blog bankstil zu den Top10-Bloggern im FinTech-Bereich und berät Banken bei der digitalen Transformation sowie  FinTech-Startups bei ihrem Markteintritt. Keuper hat unter anderem als Senior Consultant Banking bei der COR&FJA AG und Senior Consultant Banking & Financing bei Steria Mummert Consulting AG gearbeitet.

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