FINTECH17. Januar 2018

Personenbezogene Daten sind Vermögenswerte – idento.one-Gründer Hannes Bauer im Interview

idento.one-Gründer Hannes Bauerprivat

idento.one ist die FinTech-Kon­kur­renz zu YES, Verimi und CAS. Das Unternehmen will Iden­ti­täten per Blockchain und Smart-Contracts verwalten (mehr…). Ralf Keuper (Bankstil) hat für IT Finanzmagazin dem idento.one-Gründer Hannes Bauer auf den Zahn gefühlt.

Herr Bauer, was war der Anlass für die Entwicklung von Idento.one?

Idento.one ist in gewisser Hinsicht die Quintessenz der Erfahrungen, die ich als Unternehmer in den letzten 25 Jahren sammeln konnte. Mit meiner Suchmaschine Kolibri, der ersten ihrer Art in Deutschland, war ich hautnah dabei, als das Internet kommerzialisiert wurde und amerikanische Konzerne die Führung übernahmen, die bis heute andauert, Stichwort: GAFA.

Zuletzt war ich in der „Fraud-Prävention“ mit einem Joint Venture mit Bertelsmann, der Arvato Infoscore Tracking Solution, aktiv; davor im Online-Marketing und mit dem „Freunde werben Freunde“ Programm der Deutschen Telekom, das eine Firma von mir eingeführt und bis 2014 betrieben hat.

Mittlerweile wird vielen in Europa bewusst, dass wir in eine zu große Abhängigkeit von amerikanischen und asiatischen Internet- und Technologiekonzernen geraten sind.“

Diese Unternehmen profitieren davon, dass wir als Verbraucher im Internet bei der Nutzung ihrer häufig kostenlosen Services mit unseren Daten bezahlen. Die Daten werden zu Profilen verfeinert und an die Werbeindustrie verkauft. Insofern sind wir das Produkt. Das wollen wir mit Idento.one ändern, indem wir die Nutzer in die Lage versetzen, die Hoheit an ihren Daten zurückzuerlangen. Unternehmen haben mit Idento.one die Möglichkeit, direkt mit ihren Kunden zu interagieren und Daten auszutauschen.

Was genau verstehen Sie unter „Personal Data Banking“ – was ist daran neu?

Neu daran ist: Daten sind das Geld der Zukunft.“

Wir haben heute das Phänomen, das Geld zu Daten wird. Banken wurden früher genutzt, um Geld sicher zu verwahren. „Der Safe der Bank war einfach dicker als mein eigener.“ Nun sind wir im Zeitalter vom „Personal Data Banking“ angekommen, die Sicherheit meiner Daten wird in dem komplexen und immer schnelleren Zeitalter besser durch eine „Data Bank“ gewährleistet.

idento.one

Gleichzeitig gibt es auch die Entsprechung der Überweisung aus der heutigen Bankenwelt. Bis heute gelten Banken als sicherer Verwahrungsort für unser Geld, Wertpapiere oder andere Vermögensgegenstände. Genau wie die Banken mit dem Geld heute wird der Datenaustausch durch „Personal Data Banking“ sicher, einfach und schnell für mich. Natürlich kann ich durch Datenfreigabe auch Geld verdienen.

In der Datenökonomie sind die personenbezogenen Daten ebenfalls Vermögenswerte, die entsprechend geschützt werden müssen.“

Personal Data Banking vor diesem Hintergrund bedeutet, dass die personenbezogenen Daten der Nutzer an einem sicheren Ort im Internet verwaltet und vor unberechtigtem Zugriff oder gar Diebstahl beschützt werden – wie heute in einer „echten“ Bank in Sachen Geld und Finanzanlagen.

Welche Funktionen übernehmen digitale Identitäten dabei?

Die digitale Identität ist nach unserer Auffassung der Dreh- und Angelpunkt in der Datenökonomie. Digitale Identitäten dienen dazu, sich im Netz je nach Bedarf zu identifizieren und/oder zu authentifizieren.“

Das ist gerade dann von großer Bedeutung, wenn die Transaktionspartner sich nicht kennen. Digitale Identitäten stellen das nötige Vertrauenslevel her. An die digitalen Identitäten sind die personenbezogenen Daten gekoppelt. Die digitale Identität muss eine eineindeutige, nicht fälschbare digitale Repräsentanz sein. Um das sicherzustellen, gibt es heute drei Dinge, die ich nachweisen muss:
1. Besitztum ( z.B. Personalausweis)
2. Gedächtnis (Pin)
3. Das „Sein“ ( z.B. Identifizierung des Fotos auf dem Personalausweis durch eine andere Person).

Mit idento.one kann ich auch abgeleitete Identitäten erzeugen, die zwar an meine eineindeutige Identität gekoppelt, aber nicht unbedingt für jeden zuordenbar sind (z.B. Mein Kühlschrank oder mein Wearable müssen nicht preisgeben, wem sie gehören oder wer sie nutzt).

Warum ist der Zeitpunkt jetzt günstig – was ist anders als sonst?

Ich finde, der Zeitpunkt ist nicht günstig, es ist höchste Zeit, die Kontrolle über seine eigenen Daten wiederzuerlangen. Die quasi „kostenlos“-Welt , die die großen „Eco-Systeme“ wie Google, Amazon oder Facebook etc. vortäuschen, existiert real nicht.“

Man bezahlt mit seinen Daten, die dann unkontrolliert vermarktet und verwertet werden. Sieht man sich die Börsenbewertungen an, kommt man schnell zu einem Datengegenwert pro User von 200 $ – 500 $ pro Jahr. Es wird Zeit, dass mir geholfen wird, meine Daten kontrolliert weiterzugeben und an dem Verwertungsgegenwert beteiligt zu sein. In den letzten Jahren hat in Deutschland, wie überhaupt in Europa, das Bewusstsein für den Wert der Daten sowohl für den Einzelnen wie auch für die Wirtschaft zugenommen. Initiativen mit dem Ziel, die Datensouveränität der Verbraucher zu stärken, wie PSD2, Industrial Data Space, die DSGVO und ePrivacy, sind Ausdruck dieses Wandels. Wir sind davon überzeugt, dass wir uns in der Datenökonomie in Europa an einem Wendepunkt befinden.

Was hat der Nutzer, was haben Unternehmen davon?

Der Nutzer kann seine eineindeutige digitale Identität und beliebig viele digitale Identitäten, sicher, einfach, schnell und bequem verwalten, nutzen und in Zukunft sogar Geld damit verdienen. Er sieht vollkommen transparent, wer wann und welche der freigegebenen Daten nutzt und wie lange die Freigabe gültig ist. So einfach wie heute ein Kontoauszug einer Bank.

Für ein Unternehmen ist idento.one ebenso eine sichere, preiswerte vor allem aber eine ohne großen Aufwand schnell realisierbare GDPR-Lösung.“

Sie hat den Vorteil, dass sie wie eine Art Affiliate funktioniert und so der GDPR – konforme – Betrieb (jede Nutzereinwilligung und Auffrischung) sich für das Unternehmen drastisch vereinfacht, da die Aufwände des Einholens der Bewilligung von idento.one vorkonfektioniert und übernommen wird. Auch BigData und/oder SmartData-Analysen werden dadurch erstmals ohne großen Aufwand mit User-Einwilligung möglich. Sowie viele weitere Geschäftsmodelle, die sich für Unternehmer durch die neuen Möglichkeiten ergeben können.

Die Fragen stellte Ralf Keuper
Ralf Keuper ist Bank- und Diplomkaufmann und seit rund 15 Jahren in verschiedenen Positionen beratend im Bankenumfeld tätig. Er gehört zudem mit seinem Blog bankstil zu den Top10-Bloggern im FinTech-Bereich und berät Banken bei der digitalen Transformation sowie  FinTech-Startups bei ihrem Markteintritt. Keuper hat unter anderem als Senior Consultant Banking bei der COR&FJA AG und Senior Consultant Banking & Financing bei Steria Mummert Consulting AG gearbeitet.

Kurz formuliert, der Nutzer kann mit idento.one selbst bestimmen, wem er welche Daten, für welchen Zeitraum und für welchen Zweck zur Verfügung stellt. Die Unternehmen können mit Idento.one direkt mit den Kunden in Verbindung treten und ihre Kundenbeziehung intensivieren und ihre Angebote personalisieren. Dabei können sie sicher sein, dass die datenschutzrechtlichen Bestimmungen eingehalten werden. Beide Seiten profitieren also.

Welchen Stellenwert haben neue Technologien wie die Blockchain für Idento.one?

Die Idee der Blockchain ist so revolutionierend, dass ich überzeugt bin, dass wir gerade etwas erleben, das mindestens genauso groß ist wie die Entstehung des Internet an sich. Natürlich stehen wir hier noch am Anfang einer Entwicklung, die den ersten Evolutionsschritt dank „Bitcoin“ gerade hinter sich lässt und aus dem viel gelernt wurde. Das wird nun gelöst oder ist schon gelöst und es wird noch viele weitere Verbesserungen geben. Das Geniale der Blockchain wird bleiben und Vieles revolutionieren. Die Blockchain-Technologie, wie überhaupt die Distributed Ledger Technologies, sind somit von strategischer Bedeutung. Das liegt zum einen an dem betont dezentralen Ansatz der Blockchain wie auch daran, dass es damit möglich ist, Beziehungen zwischen Partnern herzustellen und zu protokollieren, die sich nicht persönlich kennen und dennoch auf die Einhaltung von Verträgen vertrauen können.

Wir bevorzugen die Permissioned Blockchain, da sie unserer Ansicht nach für den Schutz personenbezogener Daten am besten geeignet ist.“

Welche Rolle will Idento.one in der Datenökonomie übernehmen?

idento.one strebt eine Vermittlerrolle in der Datenökonomie an. Es ist die des vereinfachenden sicheren Dienstleisters zur Kontrolle und Verwaltung seiner persönlichen Daten. Man kann es im weitesten Sinne wie ein Ökosystem für Daten sehen, dem sich beispielsweise Identity-Service-Provider, ebenso wie FinTechs oder Regtech-Startups sowie Startups aus dem Bereich LegalTech und Industrie 4.0 anschließen können. Überall dort, wo es um die sichere Verwahrung und den Austausch von Daten, um Personal Data Banking geht, kommt idento.one ins Spiel.

Wie sieht das Geschäftsmodell aus?

Wir starten mit einer Transaktionsgebühr, denke aber es werden sich bald vollkommen neue Geschäftsmodelle ergeben. Es wird sich wahrscheinlich zu einem Affilate-Banken- ähnlichen Geschäftsmodell entwickeln.“

Bislang sind die Nutzer bei der Überlassung ihrer Daten recht freigiebig, obwohl Umfragen immer wieder belegen, dass sie den Eindruck haben, nicht mehr zu wissen, wer was mit ihren Daten macht. Können Lösungen wie idento.one daran tatsächlich etwas ändern?

idento.one mit den entsprechenden Gesetzen wird etwas ändern können. Parallel dazu hat die Sensibilität für den Wert der Daten in Politik, Wirtschaft, Medien und nicht zuletzt bei den Verbrauchern zugenommen. Insgesamt also sind die Voraussetzungen gegeben, damit eine Lösung wie idento.one als Hebel wirken kann. Ein System alleine, isoliert betrachtet, kann natürlich wenig daran ändern. idento.one kann Daten sichern, Freigaben von Daten verwalten und nachweisen. Absichtlicher Datenmissbrauch kann zwar nicht vollkommen verhindert aber mit idento.one leicht nachgewiesen werden. Die Datenfreigabe und der erlaubte Datennutzungszeitraum ist damit unwiderruflich gespeichert und abrufbar.
Eine entsprechende Gesetzesregelung zur Ahndung solcher Datenmissbräuche wird eingeführt.

In diesem Jahr sorgt PSD2 dafür, dass die Kunden die Hoheit an ihren Bankdaten zurückgewinnen und selbst entscheiden können, wer auf ihre Daten zugreifen darf. Ist es damit nicht schon genug, d.h. warum brauchen wir Lösungen wie Idento.one?

Mit PSD2 erhalten die Verbraucher die Hoheit an ihren Bankdaten. Das ist aus unserer Sicht ein richtiger Schritt. Jedoch besteht derzeit noch ein Konflikt zwischen den Bestimmungen von PSD2 und der DSGVO. Die DSGVO geht unserer Meinung in Sachen Schutz der personenbezogenen Daten weiter als PSD2, die sich noch an der alten DSGVO orientiert.

Abgesehen davon sehen wir die Gefahr, dass sich das Ungleichgewicht mit der PSD2 verstärkt, wenn die großen Internetkonzerne, nach Einwilligung der Verbraucher, den Zugriff auf die Bankdaten erhalten. Open Banking ist daher nur eine Vorstufe zum Personal Data Banking.“

Was ist das Alleinstellungsmerkmal von Idento.one?

Mit Idento.one erhält der Nutzer auf seinem Dashboard eine Übersicht seiner Daten und der Transaktionen (Anzahl Zugriffe, Art der Datenzugriffe, Erlöse aus der Überlassung der Daten, Einwilligungen für die Überlassung der Daten). Unternehmen können u.a. die Einwilligungen der Kunden verwalten und sehen, mit welchen Kunden sie Daten getauscht haben.

Inwieweit unterscheidet sich Idento.one von sog. Datenaggregatoren?

Wir sind schlichtweg keiner. Die stellen Nutzern Ressourcen zur Verfügung, um ihre Daten selbst zu verwalten und packen ein nutzerfreundliches Interface sowie Mehrwertfunktionen obendrauf.“

Gibt es schon Kooperationen?

Idento.one kooperiert mit dem TÜV Saarland, der seine Expertise im Datenschutz, in der Überwachung und als Zertifizierungsstelle einbringt. Bereits im Endstadium befinden sich die Gespräche mit der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, vertreten durch Prof. Dr. Thorsten Bonne. Prof. Bonne arbeitet momentan an einem Buch über die Einsatzmöglichkeiten der Blockchain-Technologie.

Wo will Idento.one in fünf Jahren stehen?

In fünf Jahren will Idento.one der führende Provider im Bereich Personal Data Banking sein. Immer dann, wenn es um den sicheren und datenschutzkonformen Austausch von Daten zwischen Verbrauchern und Unternehmen geht, kommt Idento.one automatisch ins Spiel.

Herr Bauer, vielen Dank für das Gespräch!Ralf Keuper

 
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