STRATEGIE22. Juni 2026

AI und die Evolution der IT in Konzernen: Die SaaSpokalypse hat die Kapitalmärkte geprägt

Ralf Heim, apoera.ventures, Sprecher auf der KI Exchange, präsentiert sich in einem modernen Büro mit Glaswänden und urbanem Hintergrund. Sein schwarzes T-Shirt und der freundliche Ausdruck vermitteln Professionalität und Zugänglichkeit in einem dynamischen Umfeld.
Ralf Heim, apoera.venturesRalf Heim

Noch vor einigen Monaten wurden Softwareunternehmen mit Umsatz­multiplikatoren bewertet, die historisch beispiellos waren. Heute diskutieren Investoren, Analysten und Vorstände, welche Rolle klassische SaaS-Unternehmen in einer Welt spielen werden, in der Software zunehmend durch künstliche Intelligenz erzeugt, angepasst und betrieben wird.

von Ralf Heim, apoera.ventures

In der Softwareindustrie bietet diese Entwicklung für viele Anbieter ein potenzielles Aussterben. Nicht über Nacht, sondern über Jahre oder sogar eine Dekade. Für andere eröffnet sie die Chance, ihre Märkte deutlich auszuweiten, agentenbasierte Dienstleistungen hinzuzufügen und ihren Anteil an der Wertschöpfung ihrer Kunden zu erhöhen.

Für IT-Verantwortliche in Banken und Konzernen ist die spannendere Frage jedoch eine andere:

Wie verändert KI die Art wie eine Konzern IT operiert?

Vor einigen Monaten war ich auf einem exklusiven CTO-Event von McKinsey eingeladen. Dort diskutierten Technologie­verantwortliche großer Unternehmen aus verschiedenen Ländern über ihre Erfahrungen mit KI. Die Gespräche waren bemerkenswert offen.

Obwohl die Unternehmen sehr unterschiedlich waren, kristallisierten sich fünf wiederkehrende Evolutionspfade heraus.

1. Die Rückeroberung der Architektur

Viele CTOs möchten ihre Abhängigkeit von dem heutigen SaaS-Patchwork reduzieren.

Treffen Sie Ralf Heim am 23. Juni in Hamburg auf der KI Exchange
Das Bild präsentiert das Logo der KI Exchange (KEX26) in lebhaften Farben. Der Schriftzug "bite into the future of ai" unterstreicht den Fokus auf die Zukunft der Künstlichen Intelligenz. Die Gestaltung vermittelt Innovation und Dynamik.Ralf Heim ist nicht nur Founder und Investor bei Fincite und Apoera Ventures, sondern auch einer der Köpfe, die auf der KI Exchange (KEX) erklären, wo KI im Finanzsystem den Showroom verlässt und in den Maschinenraum wandert. Die KEX versteht sich nicht als klassische KI-Konferenz, sondern als Entscheidungskonferenz für Banking, Payment und Fintech. Die KI Exchange findet in diesem Jahr am 23. Juni im Prototyp Automuseum Hamburg statt. Weitere Details zur Konferenz finden Sie hier.

In der Vergangenheit wurden zahlreiche SaaS-Lösungen eingeführt, die sich zunächst wirtschaftlich rechneten. Über die Jahre entstanden jedoch oft komplexe Landschaften aus Anwendungen, individuellen Anpassungen, Integrationen und Lizenzmodellen. Was ursprünglich Agilität schaffen sollte, wurde teilweise zu einem schwer durchschaubaren Geflecht aus Abhängigkeiten.

KI verändert erstmals die ökonomischen Rahmenbedingungen dieser Architektur. Wenn Entwicklung, Integration und Wartung günstiger werden, entsteht die Möglichkeit, einzelne Bausteine wieder stärker selbst zu kontrollieren. Der eigentliche Treiber ist dabei nicht nur Kosteneffizienz. Es geht um Kontrolle.

2. Souveränität wird zum Architekturprinzip

Viele Unternehmen hinterfragen zunehmend ihre Abhängigkeit von US-amerikanischen Softwareanbietern und Hyperscalern. Interessanterweise gilt dieselbe Diskussion inzwischen auch für KI selbst.

Die Realität ist allerdings ernüchternd: Derzeit existieren nur wenige europäische Alternativen, die technologisch und wirtschaftlich auf Augenhöhe konkurrieren können.

Dennoch beobachten viele Unternehmen genau, welche Teile ihrer Wertschöpfung sie langfristig selbst kontrollieren möchten und wo sie weiterhin auf externe Plattformen setzen. Auf Software spezialisierte Venture Capital Investoren haben mir z.B. auf der Super Return letzte Woche berichtet, dass sie zunehmend in Lösungen investieren, die Souveränität auf Infrastruktur-, Datenhaltungs- und Applikationsebene unterstützen.

Souveränität wird damit zunehmend zu einer Architekturentscheidung.

3. Die Rückkehr von Build

Autor: Ralf Heim, apoera.ventures
Ralf Heim, Sprecher auf der KI Exchange, präsentiert sich in einem modernen Büro mit Blick auf eine Stadtlandschaft. Die Architektur des Raumes und die Fensterfront betonen die technologische Umgebung, in der er tätig ist.Ralf Heim ist Owner und Founder bei Apoera Ventures. Der Unternehmer und Investor baut und finanziert europäische Technologieunternehmen und ist zudem Gründer von FSR Capital mit Beteiligungen an mehreren Ventures. Zuvor gründete und leitete er Fincite, einen Anbieter cloudbasierter Wealth-Management-Software, und war im Corporate Development/Management bei cundus AG tätig. Er studierte Technology and Operations Management an der Universität Duisburg-Essen und schloss mit einem Master of Science ab.
Die vielleicht spannendste Entwicklung betrifft die Frage nach Build versus Buy. Mehrere Unternehmen haben bereits Projekte gestartet, bei denen einzelne Funktionsbereiche aus bestehenden Systemen herausgelöst und neu aufgebaut werden. Dabei geht es sowohl um klassische On-Premise-Systeme als auch um SaaS-Lösungen. Noch sind die Ergebnisse offen. Noch gibt es keine belastbaren Antworten auf den langfristigen Return on Investment.

Aber erstmals seit vielen Jahren wird die Frage wieder ernsthaft gestellt: Wenn wir dieses System heute neu bauen müssten – würden wir es überhaupt noch kaufen? Allein diese Frage zeigt, wie stark KI die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändert.

4. Agenten verändern die Softwareentwicklung

Agenten werden bereits heute zunehmend im Software Development Lifecycle eingesetzt. Viele CTOs erwarten erhebliche Produktivitätsgewinne durch agentengestützte Entwicklung und AI-native Entwicklungswerkzeuge. Dabei geht es nicht nur um schnellere Implementierung. Es geht um eine neue Arbeitsteilung.

Der Entwickler entwickelt sich zunehmend vom Programmierer zum Architekten, Reviewer und Orchestrator. Das Projektteam der Zukunft besteht dann eventuell aus einem Product Owner, einem Lead Developer einer Quality Assurance und 5 Agenten fürs coding.

Das Management von Agenten, also deren Einsatzsteuerung aber auch Weiterentwicklung, wird immer mehr zur Kernaufgabe des CTOs und hat teilweise mehr von Personalführung als von einer funktional-technischen Komponente.

Dies wird die Arbeit in der IT massiv verändern und den Engpass verschieben. Gerade für Banken deren Inhouse IT oftmals zu deutlich weniger als 20% aus eigentlichen Entwicklern besteht, die neue Software geschrieben hat, ist dies eine große Chance.

5. Services und Software verschmelzen

Aber auch in Zukunft wird es Unternehmen geben, die ihre Kernaufgabe nicht in der Technologie sehen. Und auch für „Buy“-lastige Unternehmen, die gerne Software einkaufen, verschiebt sich vieles.

So entsteht eine neue Generation an Softwareanbietern, die weitaus mehr technische und fachliche Dienstleistung erbringen unterstützt von Agenten.

Das klassische Beispiel: Früher lieferte ein Anbieter Software für Buchhalter. Morgen übernimmt die Software mit Hilfe von Agenten einen Großteil der Buchhaltung selbst. Der Kunde kauft nicht länger primär ein Werkzeug. Er kauft ein Ergebnis. Dieses Muster lässt sich inzwischen in vielen Branchen beobachten.

Aus Software-as-a-Service wird schrittweise Service-as-a-Software.“

Der Einkauf dieser Software, der zunehmend einen fachlichen Schwerpunkt hat, wird weiterhin stark von der IT geprägt sein. Ausschreibungsprozesse werden sich stark verändern müssen vor dem Kontext der neuen Entwicklung.

Die strategische Frage für Konzern-ITs

Für IT-Abteilungen ergibt sich daraus eine neue Grundsatzfrage:

Nutze ich KI, um mehr Kontrolle über meine Architektur zu gewinnen?
Oder:
Nutze ich die neue Generation KI-basierter Anbieter, um Aufgaben auszulagern, die ich heute noch selbst erbringe?“

Diese Entscheidung wird nicht binär ausfallen. Und sie hat weitreichende Implikationen.

Unternehmen, die Software eher eingekauft haben, haben sich auch best practices eingekauft. Eine Multi Tenant Software ist standardisiert, erprobt, wird für viele Firmen gleich gewartet. Lernkurven vieler hundert Unternehmen bildet ein etablierter SaaS Anbieter in der Software ab. Wenn ein SaaS-Anbieter ein Problem hat, sitzt die Aufmerksamkeit vieler Kunden drauf das zu lösen.

Traue ich mir als IT zu diese Aufgaben alle selbst zu übernehmen und eine „Software nur für mich zu bauen“. Diese Software wird oft viel personalisierter und schneller zu entwickeln sein. Aber wird sie gut wartbar sein oder viel fehlerbehafteter als professionelle Standard-Software.

Dies einzuschätzen wird eine große Herausforderung.

Core-Systeme, regulatorisch kritische Prozesse und strategische Differenzierungsmerkmale werden vermutlich andere Evolutionspfade einschlagen als Unterstützungsprozesse oder standardisierte Dienstleistungen. Dennoch zeigt sich bereits heute eine Entwicklung: Die Diskussion verschiebt sich von einzelnen KI-Anwendungen hin zur grundlegenden Architektur des Unternehmens.

Die eigentliche Frage lautet nicht mehr, welche KI eingesetzt werden soll.

Die eigentliche Frage lautet: Welche Rolle spielt ein System noch in einer Welt, in der Agenten Aufgaben, Prozesse und Entscheidungen übernehmen können?“

Die Antwort auf diese Frage wird die Konzern-IT der kommenden Dekade prägen.Ralf Heim, apoera.ventures

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