STRATEGIE2. September 2019

BigTechs – GameChanger für Finanzindustrie und Zahlungsverkehr?

Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank und verantwortlich für den Themenbereich Zahlungsverkehr
Deutsche Bundesbank

Am 29. August 2019 sprach Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, in der Hauptverwaltung Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt der Deutschen Bundesbank in Hannover zum Thema BigTechs. Er referierte über Plattformen, Ökosysteme, die Kundenschnittstelle und Pläne zu Libra. Dabei betonte er die Notwendigkeit einer europäischen Antwort auf die BigTechs. Eine Zusammenfassung seiner Rede.

von Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank

Als BigTechs bezeichnet man die großen internationalen Technologiekonzerne und Plattformen wie Apple, Amazon, Google und Facebook aus den USA sowie Alibaba und Tencent aus China. Schon seit längerer Zeit drängen diese in den Zahlungsverkehr und längerfristig auch in den gesamten Finanzmarkt.

Besonderheiten der BigTech-Plattformen

Das wesentliche Kennzeichen dieser Plattformen sind Netzwerkeffekte. Sie können rasch Marktanteile in immer neuen, angrenzenden Geschäftsfeldern gewinnen. Sie können so Skalen- und Verbundeffekte realisieren. Für Kunden ist dies meistens sehr komfortabel.

Große Technologiekonzerne erweitern sukzessive ihr „Ökosystem“ – mit dem Ziel, weitere Nutzer auf die Plattform zu ziehen und sie immer länger dort zu halten. Netzwerk-, Skalen- und Verbundeffekte begünstigen, dass sich Monopole bilden können.

Werden zusätzlich die anfallenden Daten durchgängig analysiert und den Kunden passende Produkte und Services angeboten, dann verschwinden Alternativen aus ihren Blickfeldern.

In diesen Märkten gilt: ‚the winner takes it all‘.“

Im Online-Handel lässt sich das heute schon beobachten. Über Amazon wird inzwischen laut Hochrechnungen mehr als die Hälfte des E-Commerce in Deutschland abgewickelt. Bei den Internetbezahlverfahren sehen wir einen ähnlichen Trend.

Käufer können bereits in über neun von zehn der 1.000 umsatzstärksten Onlineshops PayPal nutzen. Ungefähr 40% des Umsatzes der Top-1.000 Händler, mit Ausnahme von Amazon, wird mittels PayPal bezahlt.

Angesichts des Expansionsdrangs dieser BigTechs besteht die Gefahr, dass die Kunden sich nur noch innerhalb ihrer geschlossenen Ökosysteme bewegen. Welchen Umfang diese Plattformen im alltäglichen Leben einnehmen können, sieht man bereits besonders eindrücklich in China, wo man über WeChat oder Alipay Essen bestellen, Taxis rufen und Terminabsprachen treffen kann.

Innerhalb dieser Ökosysteme kann das dahinterstehende Unternehmen eine marktbeherrschende Stellung einnehmen und so technische Standards, Preise und Vorgaben für die Datennutzung einseitig festlegen.

Zudem rücken in solchen Systemen die eigentlichen Anbieter „in die zweite Reihe“ – sie werden austauschbar und ihre bislang etablierten Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr.

BigTechs besetzen die Kundenschnittstelle

Längst besetzen die Technologieriesen auch die Kundenschnittstelle im Zahlungsverkehr und sorgen dafür, dass die eigentlichen Zahlungsanbieter und -instrumente in den Hintergrund rücken. Der Zahlungsverkehr ist aber für die Banken das traditionelle Ankerprodukt für die Kundenbeziehung.

Google Pay und Apple Pay sind im deutschen Markt bereits seit ungefähr einem Jahr aktiv und – wenn man den Marktbeobachtern glaubt – auch durchaus erfolgreich.

Aus Kundensicht verschwimmen die Grenzen und das zugrundeliegende Zahlungsinstrument verschwindet hinter der starken Markenpräsenz der BigTechs:

Hat der Kunde beispielsweise bei Amazon Pay erstmal eine präferierte Zahlungsart ausgewählt, so sind weitere Zahlungen nahtlos in den Kaufvorgang integriert. Auch wenn der Kunde mit Paypal bezahlt, so werden die Verrechnungen im Hintergrund mit Kreditkarte oder Lastschrift abgewickelt.

Das Thema „mobiles Bezahlen“ nimmt mit jedem Tag mehr an Fahrt auf und die BigTechs sind Treiber dieser Entwicklungen. Auch im Unternehmenskundengeschäft verstärken die BigTechs die Bindung an ihre Kunden, zum Beispiel mit kleinen Geschäftskrediten an „ihre“ Händler.

Es ist davon auszugehen, dass die BigTechs im Bereich der Finanzdienstleistungen weiter an Bedeutung gewinnen werden. In der Folge könnten die BigTechs immer mehr Gatekeeper zum Zahlungsverkehr werden.“

Wer zahlt, hätte den Eindruck, nur noch mit den BigTechs in Kontakt zu treten. Gleichzeitig sollte man sich die Geschäftsphilosophie vieler BigTechs vor Augen führen: Der Zahlungsverkehr könnte nur als Mittel zum Zweck dienen, um den Rohstoff für ihr datengetriebenes Geschäftsmodell zu gewinnen. Folglich sind viele der Dienste für den Kunden nur vermeintlich kostenfrei.

Zurzeit verlassen sich die von den BigTechs angebotenen Dienste für die Abwicklung der Zahlungen zumeist noch auf die etablierten Zahlungsinstrumente und hierbei vor allem auf (Kredit-)Karten.

BigTechs mit alternativen Systemen wie Libra

Das Libra-Projekt unter Führung von Facebook könnte ein geschlossenes alternatives System sein. Wir als Bundesbank sprechen bei Libra übrigens absichtlich nicht von Währung. In Deutschland wie im Euroraum ist nur der Euro gesetzliche Währung – während Libra ja von privaten Stellen herausgegeben würde.

Libra ist in der Position eines starken Angreifers und könnte andere Wettbewerber verdrängen oder schwächen.“

Zwar könnte Libra für viele private Nutzer durchaus interessant sein, doch aus meiner Sicht überwiegen zurzeit die offenen Fragestellungen.

1.Wie ist Libra im Detail ausgestaltet?
2.Wie sicher ist es technologisch?
3.Wie bewertet man ein solch globales System
4.Wie kann man es sicher und effektiv beaufsichtigen und durch wen?
5.Weiterhin gibt es offene Fragen im Zusammenhang mit der Bekämpfung von Geldwäsche.

Völlig klar ist aber, dass sowohl der Gesetzgeber, die Zentralbanken als auch die etablierten Marktakteure sich dieser Herausforderung schnell und gründlich annehmen müssen. Im Rahmen der G7 laufen erste Standortbestimmungen zu Fragen von Aufsicht und Überwachung unter Mitarbeit der Bundesbank.

Uns interessiert außerdem, was es für herkömmliche Zahlungsverkehrssysteme oder für Banken bedeutet, wenn zukünftig mehr und mehr Zahlungen jenseits der bislang üblichen Kanäle abgewickelt werden.

Eine europäische Antwort auf die BigTechs

Der deutsche Markt hat mit der Girocard ein sehr gutes, konkurrenzfähiges und auch technisch gut aufgestelltes Zahlungsverkehrsprodukt. Aber: Die Girocard endet an unseren Landesgrenzen. Noch ist die Girocard auch im E-Commerce nicht einsetzbar.

Aus meiner Sicht wäre es an der Zeit, eine unabhängige europäische Lösung unter Einbindung der starken, effizienten nationalen Systeme zu schaffen. Das würde den Wettbewerb beleben, sowie europäische Zahlungsmittel und deren Anbieter stärken.

Wir sollten nicht in die Situation kommen, in der die europäischen Verbraucher nur noch zwischen den Zahlungsdiensten amerikanischer und chinesischer BigTechs auswählen können.“

Durch Instant Payments haben wir heute schon eine gute Grundlage geschaffen, um ein europäisches Zahlungsverkehrssystem zu entwickeln.

Am 30. November 2018 startete außerdem das TARGET Instant Payment Settlement System des Eurosystems, abgekürzt TIPS. Es kann die pan-europäische Erreichbarkeit aller Institute sicherstellen und trägt dazu bei, dass Instant Payments der neue Normalfall im europäischen Zahlungsverkehr werden können.

Auch die neuen PSD2-Schnittstellen können die Grundlage für eine europaweite Interaktion der Banken im Zahlungsverkehr bilden.

Wichtig ist mittelfristig die Nutzbarkeit in möglichst vielen verschiedenen Bezahlsituationen – von der Ladenkasse bis zum E-Commerce. Karten sind mit einem Transaktionsanteil von mehr als 50% heute das wichtigste elektronische Zahlungsmittel. Doch sie müssen sich der zunehmenden Konkurrenz durch mobile und Internetbezahlverfahren stellen.

Die Anstrengungen der Banken können dann auch in einer europäischen Marke münden. Ein europäisches Logo könnte sowohl an der Ladenkasse als auch im E-Commerce genutzt werden und so die Akzeptanz bei den Verbrauchern fördern.

Fazit

Die BigTechs werden die Finanzindustrie im Allgemeinen und den Zahlungsverkehr im Speziellen tiefgreifend verändern und sie tun dies bereits heute.“

Die deutschen Banken und Sparkassen haben schon viel getan, um sich darauf einzustellen. Sie haben neue moderne und mobile Bezahlverfahren vorgestellt, frische Ideen aus den Innovationslaboren in ihr Angebot integriert und die Umsetzung von Instant Payments vorangetrieben.

Das Ergebnis muss aber eine europäische Lösung, ein europäisches System sein. Im Zahlungsverkehr wird es noch viel mehr darauf ankommen, grenzüberschreitend zusammenzuarbeiten und die Stärken Europas auszuspielen.

Schließlich ist Unternehmen, Händlern, Behörden wie auch Verbrauchern gedient, wenn sie ihre geschäftlichen und privaten Belange mit modernen, sicheren, effizienten Bezahlverfahren regeln können, die europäischer Governance, Kontrolle, Datenschutz und Aufsicht unterliegen.

Die vollständige englische Rede können Sie hier nachlesen.pp

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/94251 
 
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