EVENTS & MESSEN18. Mai 2017

Carl-Ludwig Thiele: Smartphones als Geldbeutel & mit FinTechs gegen globale Technologiekonzerne

Bundesbank Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele<q>Manjit Jari/Bundesbank</q>
Bundesbank Vorstandsmitglied Carl-Ludwig ThieleManjit Jari/Bundesbank

Was sind die Innovationen der Bankenlandschaft, was die Treiber? Einen Einblick gab Carl-Ludwig Thiele, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank in seiner Keynote. Schauplatz war die PSD2-Konferenz der Kanzlei GSK im Palmenhaus in Frankfurt am 17. Mai. Ein Fazit: „Inzwischen geht es längst nicht mehr darum, dass das Geld aus dem Automaten kommt, sondern darum, wie es in Sekundenschnelle den Weg in die Smartphones findet“.

Thiele sieht drei Trends. Erstens seien die Menschen gewöhnt, ihr mobiles Endgerät in den unterschiedlichen Lebensbereichen einzusetzen. Damit sei zweitens die Erwartung verbunden, dass Zahlungen in Echtzeit stattfinden. Drittens gebe es viele neue technische Funktionen, die es grundsätzlich ermöglichen, Zahlungen komfortabler anzustoßen. Denn: „Wer möchte schon auf seinem Smartphone oder Tablet die IBAN eintippen, um eine Rechnung zu bezahlen?“

Kürzere Warteschlangen mit „Tap-and-go“

Das Zahlen mit dem Smartphone im Handel sei eine große Seltenheit, aber möglich. Verschiedene Verfahren der Kreditwirtschaft und des Handels würden erprobt, von Blue Code, über QR-Code bis hin zu Zahlencodes, die der Kunde an der Kasse erfährt und in sein Handy eingibt, um die Zahlung zu initiieren. Der Knackpunkt aus Thieles Sicht:

Bislang ist noch keines der mobilen Zahlverfahren genügend weit verbreitet.“

Für vielversprechend hält das Vorstandsmitglied die NFC-Technologie, die kontaktloses Zahlen ermöglicht. „Mit „Tap-and-go“ könnte sich die Geschwindigkeit an der Kasse somit deutlich erhöhen. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass Bequemlichkeit und Schnelligkeit der Methode Zahler und Händler überzeugen“. Die technischen Voraussetzungen dafür seien im Wesentlichen erfüllt – bis 2018 sollen alle Terminals im Handel NFC-fähig sein. Und weiter:

Nach den Plänen der Deutschen Kreditwirtschaft sollen bis 2020 alle girocards kontaktlos funktionieren. Zudem arbeitet die Deutsche Kreditwirtschaft daran, die girocard ins Smartphone zu integrieren.“

Allerdings seien noch einige Hürden zu überwinden. „Eine größere, nicht technische Hürde besteht nach Aussagen von Marktteilnehmern u. a. in der Zusammenarbeit mit einem US-amerikanischen Smartphone-Anbieter, der seine Schnittstelle nicht öffnen möchte, sondern eher planen dürfte, selbst ein Zahlungsverfahren auf dem attraktiven deutschen Markt einzuführen“, bedauert Thiele und spielt damit auf Apple an, die mit ApplePay bisher einen Bogen um Deutschland machen.

ERPB: Gemeinsames Verzeichnis mit Mobilfunknummern und IBAN

In puncto P2P-Zahlungen nannte er exemplarisch das Unternehmen paydirekt, das kürzlich die Erlaubnis des Bundeskartellamtes erhalten habe, zusätzlich eine P2P-Zahlungsfunktion einzuführen. Sein Ausblick: „Wenn es zumindest europaweit um mehrere P2P-Lösungen für einen Markt geht, ist ein gewisses Maß an Kooperation zwischen den Anbietern notwendig. Damit Zahlungen von einem P2P-Dienst zum anderen fließen können, braucht es etwa ein gemeinsames Verzeichnis mit Mobilfunknummern und IBANs. Daran wird zurzeit in einer Arbeitsgruppe des ERPB (Euro Retail Payments Board) gearbeitet.“

Daneben thematisierte Thiele Instant Payments. Denn beim Bezahlen an Kasse oder bei P2P erhalte der Zahlungsempfänger zwar sofort eine Bestätigung über die Zahlung und ggf. eine Garantie. Aber die Buchung erfolge nicht in Echtzeit. Mit Instant Payments sieht er neue Chancen im Liquiditätsmanagement. Zulieferer könnten demnach Liquiditätsreserven besser ausschöpfen und das „Just-in-time“-Prinzip würde in der gesamten Wertschöpfungskette verankert.

Die Vorbereitungen für ein europäisches Echtzeit-Zahlungssystem sind in vollem Gange. Die Spielregeln für Instant Payments unter den Banken sind bereits geklärt. Der European Payments Council (EPC) hat das Regelwerk für Echtzeitzahlungen auf Basis von SEPA-Überweisungen Ende November 2016 finalisiert, es tritt im November 2017 in Kraft.“

Noch sei aber nicht ganz klar, wie die verschiedenen Clearinghäuser europaweit zusammenarbeiten sollen. Zur Unterstützung der geldlichen Abwicklung von Instant Payments prüfe das Eurosystem derzeit, ob man einen speziellen Settlement-Service täglich rund um die Uhr anbieten sollte. Thiele zufolge führt die EZB mit der Unterstützung einiger Clearinghäuser und Banken eine Voruntersuchung durch, in der die Möglichkeiten für einen TARGET Instant Payment Settlement Service – TIPS – analysiert werden. Der entwickelte Vorschlag sei mit den Marktteilnehmern konsultiert worden, eine Entscheidung über die Durchführung des Projekts werde der EZB-Rat im Juni dieses Jahres treffen.

Mit FinTechs gegen globale Technologiekonzerne

Und natürlich durfte der Bereich FinTechs nicht fehlen, von denen je nach Quelle um die 300 in Deutschland existieren würden. Sie brächten Inspiration, Innovation und Ideen in den Markt. Und das sei gut so angesichts des zunehmenden Wettbewerbs durch globale Technologiekonzerne. Neben den Internet-Giganten Google, Apple, Facebook, Amazon nannte er die großen drei Anbieter aus China: Baidu, Alibaba und Tencent. „Mit Baidu durchsuchen fast 700 Millionen Chinesen das Internet von ihrem Smartphone aus, mit Alibabas Alipay zahlen über 400 Millionen Käufer mobil, und über 800 Millionen Mobilfunknutzer erhalten und senden Geld über Tencents WeChat, ein Messaging Dienst mit integrierter P2P-Zahlungsfunktion“, resümiert Thiele. Thiele ist überzeugt:

Manche regulatorischen Konzepte der Vergangenheit – beispielsweise die Bereiche Kooperation und Wettbewerb, Datensouveränität und Sicherheit – sollten im Lichte der neuen Realitäten überprüft werden.“

Und erinnerte daran, dass sich Marktteilnehmer bis zum 15. Juni an einer Konsultation der Europäischen Kommission zu FinTechs beteiligen können.sp

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https://www.it-finanzmagazin.de/?p=50304
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