KARRIERE5. August 2022

Commerzbank-Mitarbeiter kämpfen für mehr Homeoffice – mit diesem Argument

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Noch immer ist bei vielen Banken die Regelung zum Homeoffice reichlich rigide gehandhabt. Denn einerseits bemerkten Führungskräfte zu Beginn der Coronakrise, wie reibungslos vieles funktionierte, auch wenn die Mitarbeitenden nicht in den Büros saßen, andererseits befürchten viele Führungskräfte, dass die Mitarbeiter weniger fleißig sind, wenn man sie von daheim arbeiten lässt. Die Commerzbank hat jetzt nach Protesten gegen eine Anwesenheitsquote die Homeoffice-Regeln deutlich gelockert – und ein Argument des Betriebsrates war wohl besonders einleuchtend.

Dass Mitarbeiter besser zu überwachen sind, wenn man sie in Sichtweite im Büroturm sitzen hat, ist eines der hartnäckigsten Fehlurteile der alten Zeit vor Corona. Wohl jeder hat schon einmal den Kollegen oder die Kollegin gehabt, die auch im Großraumbüro (oder noch besser im Einzelbüro) unter dem Radar fliegen und unterdurchschnittlich intensiv arbeiten. Umgekehrt haben die (von der Pandemie verordneten) Homeoffice-Zeiten in vielen Unternehmen aufgezeigt, dass auch im Heimbüro der Betrieb gut und effizient weiterlaufen kann – und dass sich manche Tätigkeiten sogar besser verrichten lassen, wenn man nicht ständig aus der Arbeit gerissen wird.

Die Commerzbank hat sich jetzt den Unmut vieler Mitarbeiter zugezogen, als sie vor einigen Monaten neue striktere Regelungen für die Arbeit aus dem Homeoffice verkündete. Doch zumindest für die gut 10.000 Mitarbeiter der Frankfurter Zentrale hat der Betriebsrat jetzt eine Regelung erkämpft, die vorsieht, dass bis zu 70 Prozent der Zeit von daheim aus gearbeitet werden darf. Dies ersetzt die 50-Prozent-Quote, die das Unternehmen im März verkündet hatte, nachdem die Homeoffice-Pflicht im März ausgelaufen war.

Harte Diskussionen um Homeoffice-Quote bei der Commerzbank

Eplisterra/Bigstock

Das Thema soll bei Mitarbeitenden zu teilweise erbittert geführten Diskussionen geführt haben. Gefordert wurde unter anderem, das Thema flexibler in den einzelnen Abteilungen anzugehen und insbesondere Tätigkeiten, für die keine anderen Mitarbeiter vonnöten sind, auch aus dem Homeoffice heraus zu erlauben. Denn datenschutzrechtlich ist all das schon seit Jahren kein Problem, wie der Umgang anderer Banken und Versicherungen beweist.

Doch noch ein anderes Argument dürfte gezogen haben: Arbeitnehmervertreter hatten erklärt, dass die Bank zunehmend Arbeit in Niedriglohnländer wie Polen oder Rumänien auslagere, von wo aus diese schließlich auch digital erfolge. An den fehlenden Workflows läge es demnach nicht.

Das Unternehmen erklärt, es handele sich dabei um eine befristete Erweiterung für den Betriebsbereich Zentrale und die „bis zu 70 Prozent Homeoffice“-Regelung gelte erst einmal bis Ende 2024.

Die Gründe hierfür sind unter anderem die unterschiedlichen Möglichkeiten und Voraussetzungen zur mobilen Arbeit in zentralen Einheiten im Vergleich zum Beispiel zu Filialen, wo bestimmte Tätigkeiten nicht aus dem Homeoffice heraus geleistet werden können.“

Unternehmens-PR der Commerzbank gegenüber dem Handelsblatt

Allerdings gibt es ohnehin bereits Bereiche, in denen die Regelung gelte, etwa das Kundenmanagement der Comdirect sowie die digitalen Beratungscenter, die Privat- und Geschäftskunden künftig verstärkt betreuen werden. In den Filialen und einigen anderen Bereichen ließe sich dagegen die Regelung aus Präsenzgründen nicht umsetzen, was im Falle der Filialen auch einleuchtet.

Die Diskussionen um die Möglichkeiten für Homeoffice-Regelungen sind aktuell in vielen Unternehmen im Banking- und Finance-Bereich ein Thema, wie wir immer wieder von Lesern mitbekommen. Während andere Banken hier niedrigere Quoten haben (Deutsche Bank und KfW z.B. in der Regel bis 40 Prozent Homeoffice) sehen auch die aktuellen Tarifverhandlungen ein Recht von bis zu 40 Prozent bei öffentlichen Banken vor, während die Privatbanken dieses Recht gar nicht in den Verträgen haben wollen.

Lösungen mit Augenmaß beim Homeoffice

Doch gerade die Flexibilität sollte hier berücksichtigt werden – denn zum einen wollen und können aus räumlichen Gründen gar nicht alle Mitarbeitenden daheim ungestört arbeiten (von der entsprechenden Internetleitung einmal ganz abgesehen), zum anderen wollen viele Mitarbeiter auch die gewohnte Trennung zwischen Arbeit und Familie. Doch vieles ist Verhandlungssache – etwa bei bestimmten Personengruppen wie Behinderten oder Erziehenden – umgekehrt kann Homeoffice aber auch bei entsprechenden vorliegenden Datenschutzgründen gänzlich abgelehnt werden.

Homeoffice geht in mehr Fällen, als sich viele Vorgesetzte dies vorstellen – und wenn wir ehrlich sind, lässt sich gerade in Zeiten von Collaboration-Tools und Projektmanagement-Lösungen sehr gut nachvollziehen, wer wie erfolgreich sein Tagwerk verrichtet. Dazu braucht es freilich auch klare Absprachen und Vertrauen. Banken sollten daher mit Augenmaß entsprechend großzügig agieren und eine moderne Führungskultur auf Vertrauensbasis anwenden.

Über kurz oder lang könnte all das auch unumgänglich sein – wenn aufgrund fehlender Fach- und Führungskräfte die Mitarbeitenden Ansprüche stellen können und nicht nur überall Abteilungen verkleinert oder Filialen geschlossen werden. Diese Zeiten werden kommen, auch wenn sich in den Banken und Versicherungen viele heutige Fach- und Führungskräfte das mangels eigenen Erlebens nicht vorstellen können.tw

 
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