INTERVIEW16. August 2017

„Es ist für uns un­wirt­schaft­lich, am Bargeld festzuhalten“ – Argin Keshishian Namagerdi (Public Coffee Roasters)

Argin Keshishian Namagerdi, Geschäftsführer Public Coffe Roasters
Argin Keshishian Namagerdi, Geschäftsführer Public Coffe RoastersFrank Siemers

In China verweigern die ersten Geschäfte das Bargeld, titelte die FAZ . VISA versucht in den USA mit der „Cashless Challenge“ ausgewählte Geschäfte aus dem Gastronomiebereich zu einem Verzicht auf das Bargeld zu bewegen. Ausgerechnet im Bargeld-Land Deutschland gibt es jetzt ein Unternehmen, das diesen Weg auf eigene Initiative beschreitet. Bei den Public Coffee Roasters in Hamburg Winterhude kann man Kaffee und Kuchen nur noch per Karte bezahlen. Rudolf Linsenbarth wollte vom Inhaber Argin Keshishian Namagerdi wissen, wie er auf diese für Deutschland doch sehr außergewöhnliche Idee gekommen ist.

Herr Keshishian, in ihrem Café können die Kunden nicht mit Bargeld, sondern nur noch mit Karte bezahlen. Was ist die Motivation für diese Entscheidung? Liegt es daran, dass das für Sie günstiger ist oder gibt es andere Gründe?

Im Endeffekt ist Kartenzahlung bei uns die günstigste Zahlart, das ist aber nicht der einzige Grund.

Dadurch, dass wir nur Kartenzahlung akzeptieren, sparen wir eine Menge Zeit. Keiner meiner Mitarbeiter muss am Ende des Tages Geld zählen. Den Weg zur Bank, um das Geld wegzubringen, sparen wir uns auch. Dazu kommt, dass alle Mitarbeiter auf allen Positionen arbeiten, da niemand mit Bargeld in Berührung kommt, haben wir das Hygiene-Problem auch gelöst.“

Kein Bargeld gewünscht: Public Coffe Roasters
Public Coffe Roasters

Wir als Public Coffe Roasters wollen als professionelles Unternehmen auftreten. Die Gastronomie-Branche in Deutschland hängt dem Trend hinterher und ist stellenweise im Verruf, die Schattenwirtschaft zu fördern. Als bargeldloses Unternehmen gibt es bei uns per se kein Schwarzgeld. Das senkt auch unsere Dokumentationsaufwände für das Finanzamt. Ich finde es auch gut, dass wir am Ende eines Geschäftstages unser Saldo sofort per Knopfdruck haben.

Verlassen eigentlich viele Kunden wieder ihr Geschäft, weil sie nicht mit Bargeld bezahlen können?
Gibt es auch Nachfragen, ob das überhaupt zulässig sei?

Die Frage, ob das zulässig ist, haben wir noch nie gehört. Aber einige Kunden hätten schon gerne eine Erklärung, weshalb wir das machen. Anschließend haben sie aber Verständnis für unsere Position.

Das Kunden das Geschäft verlassen haben, ist bisher vielleicht zwei- oder dreimal vorgekommen.“

Interview von Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth ist Seni­or Consultant für den Be­reich Mobile Payment und NFC bei COCUS Con­sul­ting. Zuvor war er elf Jah­re im Bank­bereich als Seni­or Technical Specia­list bei der TARGO IT Consulting (Crédit Mutuel Banken­gruppe). Linsenbarth ist ei­ner der pro­fi­lier­tes­ten Blog­ger der Fi­nanz­szene und kommentiert bei Twit­ter un­ter @holimuk die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt er im eigenen Namen.

Wann erkennt der Kunde, dass er hier ausschließlich mit Karte zahlen kann und wie weisen Sie darauf hin?

Bei Public Coffee Roasters bestellt und bezahlt der Kunde an der Theke. Anschließend bringen wir die Bestellung an den Tisch. Neben der Kasse an der Theke befindet sich ein großes Schild, das den Gästen auf die ausschließliche Kartenzahlung hinweist.

Gibt es auch positive Reaktionen? Kommen auch Kunden zu Ihnen, weil sie das mal sehen wollen?

Die positiven Reaktionen überwiegen eindeutig. Wenn die Gäste das einmal adaptiert haben, finden sie das praktisch.“

Welche Karten akzeptieren Sie und über welchen Dienstleister wickeln Sie die Transaktionen ab?

Wir haben ein Kartenterminal von iZettle und akzeptieren alle Karten, die darüber abgerechnet werden können.

In der Presse stand, für Ihre Kunden, die Probleme mit Kartenzahlung wegen des Tracking haben, wollen Sie ein Closed-Loop-Verfahren anbieten. Wie soll das realisiert werden? Kann der Kunde dann erst Bargeld auf eine Karte einzahlen? Das würde doch ihr eigentliches Modell konterkarieren.

Einige Gäste wollen nicht, dass jeder einzelne Kaffee auf ihrem Girokonto nachverfolgt werden kann. Dafür haben wir Verständnis. Es gibt zeitnah die Möglichkeit, einen größeren Betrag auf einmal auf eine Kundenkarte aufzuladen. Dann ist auch nicht mehr nachvollziehbar, wer, wann, wo, was getrunken hat. Allerdings wollen wir dafür vom Paradigma des bargeldlosen Bezahlens nicht abrücken.

Denken Sie, das Ihr Beispiel in Zukunft Schule machen wird? Haben wir vielleicht in 10 Jahren schwedische Verhältnisse?

Eindeutig ja! Ich glaube, daran führt kein Weg vorbei. Aus guten Gründen ist das bargeldlose Bezahlen in anderen Ländern stärker ausgeprägt. Es ist für uns unwirtschaftlich, am Bargeld festzuhalten.“

Herr Keshishian, vielen Danke für den sehr interessanten Einblick!Rudolf Linsenbarth

 
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