ANWENDUNG5. November 2026

EU will bei FIDA den Stecker ziehen: Weniger Regulierung, mehr Datensilos?

Die EU-Kommission will FIDA zurückziehen.
ChatGPT

Die EU-Kommission will die geplante Finanzdatenverordnung FIDA doch noch zurückziehen. Viele Banken und Versicherer begrüßen das Ende eines kostspieligen Regulierungsvorhabens, dagegen fürchten Fintechs um die Wettbewerbsfähigkeit und die digitale Souveränität Europas. Denn ohne FIDA fehlt in Zukunft auch weiter ein verbindlicher Rahmen für den Datenaustausch über Unternehmensgrenzen bei Bank- und Versicherungsunternehmen hinweg. Was bedeutet das Aus für Open Finance, digitale Souveränität und den KI-gestützten Zugang zu Finanzdaten?

Mit dem angekündigten Rückzug der Financial Data Access Regulation (FIDA) vollzieht die EU-Kommission nun eine gleichermaßen unerwartete wie bemerkenswerte Kehrtwende. Denn das im Arbeitsprogramm für 2027 angekündigte Aus betrifft eines der ambitioniertesten europäischen Digitalisierungsvorhaben im Finanzsektor der letzten Jahre. FIDA sollte nicht weniger sein als das Unterfangen, das aus der Zahlungs­dienste­richt­linie PSD2 bekannte Open-Banking-Prinzip auf weitere Finanzdaten zu übertragen – beispielsweise auf Wertpapierdepots, Kredite sowie Altersvorsorgeverträge und Sachversicherungen.

Die Finanzdienstleister sollten im Kern auf Wunsch der Verbraucher Daten über standardisierte Schnittstellen (APIs) bereitstellen. Klare Regeln für Datenformate, Zugriffsberechtigungen und deren Verwaltung sollten es Drittanbietern ermöglichen, Informationen aus unterschiedlichen Systemen miteinander zu kombinieren. Auf diese Weise wären etwa anbieterübergreifende Finanzübersichten, automatisierte Vermögensanalysen oder neue KI-gestützte Beratungsdienste leichter realisierbar gewesen. Dagegen dürfte es nun also eher bei einem Flickenteppich aus bestehenden Schnittstellen, proprietären Lösungen und bilateralen Vereinbarungen bleiben – kurzum: Stückwerk.

Hohe Kosten und Sorge vor Big Tech

Die Banken und Versicherer hatten FIDA von Beginn an kritisch begleitet. Sie verwiesen auf erhebliche Investitionen in Schnittstellen, IT-Infrastruktur und Berechtigungsmanagement bei aus ihrer Sicht ungewissem Kundennutzen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wertet den Rückzug deshalb als überfälligen Kurswechsel.

Gut, dass die Kommission bei FIDA die Reißleine zieht. Es ist ein klares Signal, dass Brüssel die Wettbewerbsfähigkeit Europas stärken möchte. Unternehmen teure Datenautobahnen vorzuschreiben, nach denen kein Kunde gefragt hat, bringt Europa nicht voran.“

Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV)

Die gebundenen Ressourcen würden nach Meinung des Verbands besser für Themenfelder wie Cybersicherheit und Künstliche Intelligenz investiert. Darüber hinaus gibt und gab es Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und der europäischen digitalen Souveränität. So könnten internationale Technologiekonzerne durch den Zugang zu umfangreichen Finanzinformationen ihre ohnehin starke Marktposition weiter ausbauen.

Europäische digitale Souveränität bedeutet, Abhängigkeiten zu reduzieren, nicht neue zu schaffen. FIDA hätte großen außereuropäischen Tech-Konzernen die Tür zu europäischen Finanzdaten geöffnet. Deshalb ist der Rückzug konsequent und richtig.“

Tanja Müller-Ziegler, Vorstandsmitglied, Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR)

Auch der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) plädiert dagegen für marktgetriebene Lösungen wie die GiroAPI der Deutschen Kreditwirtschaft. Das auf Standards der Berlin Group aufbauende Schnittstellenmodell ermöglicht zusätzliche Dienste rund um Kontoinformationen und Zahlungsverkehr auf vertraglicher Grundlage. Im Gegensatz zu FIDA entstehen so allerdings keine europaweit verbindlichen Zugangsrechte für die unterschiedlichen Finanzdatenbestände.

Fintechs warnen vor dem Gegenteil

Deutlich anders sehen dies erwartungsgemäß viele Fintechs. Denn dass gerade der Verzicht auf FIDA die digitale Souveränität Europas stärken soll, beurteilen die europäischen Fintech-Verbände anders. Bereits im März hatten 25 Organisationen gemeinsam vor einem Scheitern des Vorhabens gewarnt, ähnlich wie seinerzeit bei den Vorstufen dazu. Ohne verbindliche Zugangsregeln drohe die Kontrolle über Finanzdaten bei den etablierten Instituten zu verbleiben. Die neuen Anbieter wären weiter auf individuelle Vereinbarungen und die technische Kooperationsbereitschaft der Datenhalter angewiesen.

Die European Third Party Providers Association (ETPPA) versteht das Scheitern sogar als Problem für die europäische Wettbewerbsfähigkeit. In einem Positionspapier vom Oktober verweist sie ausdrücklich auf die wachsende Bedeutung autonomer KI-Agenten, die künftig im Auftrag ihrer Nutzer Finanzinformationen abrufen, auswerten und Transaktionen vorbereiten könnten. Hierfür seien diskriminierungsfreie Schnittstellen und vergleichbare Zugangsbedingungen unumgänglich. Ansonsten könnten gerade jene außereuropäischen Plattformkonzerne oder Digitalkonzerne profitieren, vor denen die Bankenverbände warnen.

Geht Open Finance ohne FIDA?

Das Ende von FIDA ist allerdings noch nicht wirklich das Ende von Open Banking. Denn die bestehenden PSD2-Schnittstellen für Zahlungskonten bleiben ja durchaus ebenso erhalten wie die Weiterentwicklung des Zahlungsdienste-Rechtsrahmens durch PSD3 und PSR. Dennoch fehlt für den darüber hinausgehenden Datenaustausch weiterhin eine vergleichbare europäische Grundlage. Und so verlagert sich die Entscheidung über die technische Zukunft von Open Finance – zumindest vorläufig – zurück in den Markt. Banken und Versicherer gewinnen vorerst Gestaltungsspielraum und vermeiden zusätzliche regulatorische Kosten. Doch Fintechs verlieren die Aussicht auf einen einheitlich geregelten Zugang zu Finanzdaten.

Nicht vergessen werden darf, dass der wirkliche Konflikt weiterhin bestehen bleibt. Denn wem gehören die wirtschaftlichen Vorteile der Finanzdaten wirklich – den Instituten, die sie verwalten, den Kunden, die sie erzeugen, oder den Unternehmen, die daraus neue Dienstleistungen entwickeln? FIDA sollte wenigstens die technischen und rechtlichen Voraussetzungen für einen wettbewerblichen Datenaustausch schaffen, doch ob freiwillige Branchenstandards das ebenfalls leisten können, muss sich erst noch zeigen.tw

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert