Europa hat gute digitale Zahlungsdienste, aber es fehlt das gemeinsame Fundament – Kommentar von Dr. Wengel, G+D Netcetera

G+D
von Dr. Carsten Wengel, CEO G+D Netcetera
Im Checkout entscheidet nicht die Herkunft
Wer Europas Zahlungsverkehr souveräner aufstellen will, muss deshalb bei der Leistung ansetzen. An Zahlungsdiensten mangelt es dabei nicht. Ganz im Gegenteil: Systeme wie girocard in Deutschland, TWINT in der Schweiz oder Bancontact in Belgien sind in ihren Heimatmärkten bestens etabliert. Was diesen Zahlungsdiensten aber fehlt, ist eine relevante Reichweite über Länder und Kanäle hinweg. Ein Zahlungssystem, dass nur im heimischen Online-Handel funktioniert, kann nicht mit einem globalen Schema konkurrieren, das gleichzeitig an der Ladenkasse, im E-Commerce, in der Wallet und künftig auch in agentischen Zahlungskontexten präsent ist. Immerhin gewinnt Wero als teilweise internationale Lösung langsam an Boden.
Souveränität entsteht auf der Infrastrukturebene
Eine europäische Zahlungsoberfläche, die zu großen Teilen auf außereuropäischer Infrastruktur betrieben wird, ist genau das – eine Oberfläche, mehr nicht. Der eigentliche Wettbewerbsfaktor liegt eine Ebene tiefer in der Infrastruktur, genauer gesagt in einem gemeinsamen Trust Layer, in dem Tokenisierung, Authentifizierung und Betrugserkennung in Echtzeit dieselben Signale teilen. Wer diese Ebene betreibt, entscheidet über Datenhoheit, Betrugsquoten und am Ende über die Kundenbeziehung. Dabei muss die Branche sich nicht komplett neu erfinden, es existieren bereits globale Standards, auf denen man aufsetzen kann. EMVCo-Tokenisierung, FIDO oder ISO 20022, beispielsweise, sind vorhanden und anschlussfähig.
Was europäische Zahlungsdienste jetzt brauchen, ist eine gemeinsame Token- und Authentifizierungsbasis, auf die jedes nationale System aufsetzen kann. Interoperabilität ist entscheidend und gehört als Standardanforderung an den Anfang einer Architekturentscheidung, nicht als späterer Integrationsschritt im Prozess.
In der Aufholjagd um die Gunst der Kunden sollte Europa sich beeilen
Regulierung war in Europa wiederholt Innovationstreiber. SEPA hat den einheitlichen Zahlungsraum überhaupt erst möglich gemacht, PSD2 hat starke Kundenauthentifizierung und Open Banking zum Standard erhoben und die Instant Payments Regulation hat mit der verpflichtenden Empfängerprüfung innerhalb weniger Monate einen Markt für Verifikationslösungen entstehen lassen. PSD3/PSR und FiDA haben dieselbe Wirkung, sobald der Rahmen steht. Derzeit werden sie allerdings noch immer verhandelt und verhindern so Klarheit über den rechtlichen Rahmen. Marktanteile entstehen aber erst durch Produkte. Je länger diese regulatorischen Fragen also offenbleiben, desto teurer wird die Investitionsentscheidung für jedes europäische Produkt.Dr. Carsten Wengel, CEO G+D Netcetera
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