FINTECH28. Januar 2020

Getsafe: „Die meisten Sachversicherungsprodukte un­ter­schei­den heute stark nach Postleitzahl – ist das fair?“

Konrad Heimpel, Head of Data bei Getsafe
Konrad Heimpel, Head of Data bei GetsafeGetsafe

InsurTech Getsafe ist angetreten, um Versicherungen – wie sie sagen – zu revolutionieren. Einfach, unkompliziert und transparent soll es sein. Wir haben mit Konrad Heimpel, Head of Data bei Getsafe gesprochen – über Ideen, KI und wie Versicherer fair zu Kunden sein könnten.

Herr Heimpel, die Branche mit Technologie revolutionieren? Das sind große Worte. Warum glauben Sie, dass Daten die Versicherungswelt ändern werden?

Daten sind und waren schon immer der Kern von Versicherungen: Anhand beobachteter Schadensfälle werden Modelle gebildet, welche die Eintrittswahrscheinlichkeit bestimmter Risiken vorhersagen. Darauf aufbauend wird der Preis für ein Versicherungsprodukt bestimmt. Dieses grundlegende Prinzip ändert sich zukünftig nicht.

Digitale Technologien bieten jedoch neue Möglichkeiten der Preisbestimmung, die wir zukünftig deutlich personalisierter und fairer gestalten möchten.“

Bisher wurden die Preismodelle vor allem anhand weniger statischer und demographischer Daten gebildet, die man von allen Kunden hatte, also z. B. Alter, Geschlecht und Wohnort.

Dadurch, dass wir unsere Kunden schon heute über ihr gesamtes Versicherungsleben komplett digital begleiten, können wir deutlich mehr Informationen über die Risikoneigung unserer Kunden sammeln und einen auf den persönlichen Versicherungsbedarf abgestimmten Schutz zu einem fairen Preis bieten.“

Und wie wirkt sich das auf Ihre Angebote aus?

Aktuell bieten wir Versicherungsprodukte, die unsere Kunden bereits von traditionellen Versicherern kennen. All das geschieht rein digital und über eine App. Dank dieses Ansatzes und den dabei entstehenden Daten werden wir zukünftig sehr genau vorhersagen können, welche Komponenten einzelner Versicherungen ein Kunde benötigt und ihm einen auf seine Bedürfnisse zugeschnittenen und holistischen Versicherungsschutz zu bieten. All das zu einem günstigeren Preis als bisher, da für den Kunden nicht relevante Risiken auch nicht in die Versicherungsprämie eingepreist werden müssen.

Wo stehen Sie in puncto Digitalisierung? Wo sehen Sie Vorteile gegenüber traditionellen Versicherern, was Ihre technische Infrastruktur betrifft?

Wir haben die gesamte Wertschöpfungskette der Versicherungswirtschaft schon heute komplett digitalisiert und sind damit in der Lage, das Versicherungsleben unserer Kunden lückenlos zu erfassen.

Damit können wir unser Angebot dynamisch und in Echtzeit an die Bedürfnisse unserer Kunden anpassen.“

Wenn sich der Versicherungsschutz nach dem Verhalten des Individuums richtet, entstehen neue Herausforderungen. Zahlt mehr, wer häufiger in Risikogebiete reist oder in einem gefährlichen Bezirk zuhause ist? Ist ein Android User ein besserer Kunde als ein iPhone-Besitzer? Wie wollen Sie diese Probleme lösen?

Das sind berechtigte und sehr gute Fragen. Am Ende geht es doch darum, einen optimalen Versicherungsschutz zu einem fairen Preis zu bieten und beides sollte von der persönlichen Risikoneigung und den Lebensplänen einer Person abhängen. Mit den heutigen Versicherungsmodellen und der aktuell von den meisten Versicherungsunternehmen genutzten Preisbildung funktioniert beides nicht. Heutige Versicherungspolicen bündeln den Schutz gegen eine Vielzahl von Risiken in einem einzigen Versicherungsprodukt, unabhängig davon, ob eine Person allen Risiken ausgesetzt ist oder gegen bestimmte Risiken speziell abgesichert werden möchte.

Konrad Heimpel, Head of Data Getsafe
Konrad Heimpel, Head of Data bei GetsafeFormeln und Zahlen ist die Sprache, die Konrad Heimpel am liebsten spricht. Er liebt es, neueste Daten-Technologien und KI-Algorithmen mit einem iterativen Ansatz zu kombinieren, um so schnell wie möglich neue Lösungen und Erkenntnisse zu erschaffen. Nach seinem Abschluss als Diplom-Physiker an der Universität Heidelberg arbeitete Konrad Heimpel mehrere Jahre als Unternehmensberater und Data Scientist, bevor er als Head of Data zu Getsafe (Website) kam.
Gleichzeitig wird der Preis anhand der wenigen vorhandenen Merkmale festgesetzt, was nicht unbedingt fair sein muss. Nehmen Sie den Wohnort als Beispiel:

Die meisten Sachversicherungsprodukte unterscheiden heute in der Preisbildung stark nach Postleitzahl – ist das fair?“

Wie stark hängt der Wohnort denn von den Startbedingungen ab, die eine Person für ihr Leben mitbekommen hat? Wir glauben, dass eine Preisbildung auf Basis etwa von Verhaltensweisen fairer ist als auf Basis äußerer Merkmale.

Lösen Sie damit nicht den Solidaritäts-Grundgedanken einer Versicherung auf?

Nein, wir machen ihn fit für das 21. Jahrhundert.

Generell ist doch die Frage: Wie individuell darf und soll Versicherung sein?“

Bei der Beantwortung dieser Frage im Rahmen der heutigen technologischen Möglichkeiten steht die Versicherungswirtschaft noch komplett am Anfang. Wir müssen uns als Branche aktiv mit diesen Fragen beschäftigen und uns gemeinsam auf Prinzipien einigen, nach denen wir handeln. Hier ist natürlich auch der Gesetzgeber gefragt. Getsafe möchte in dieser Frage allerdings proaktiv vorangehen.

Sie wollen Prozesse mit einer künstlichen Intelligenz automatisieren. Wie können Sie sicherstellen, dass die Algorithmen nicht diskriminierend sind?

Auch hier wird uns moderne Technologie helfen, Entscheidungen zukünftig noch fairer zu gestalten als heute. Am Ende möchten wir ja nach persönlicher Risikoneigung unterscheiden, gleichzeitig jedoch nicht nach persönlichen Merkmalen wie Herkunft, Hautfarbe, Sexualität etc. diskriminieren.

Diese Fragestellung ist seit einigen Jahren eine der aktivsten Gebiete der KI-Forschung und es gibt schon jetzt eine Vielzahl an Lösungsansätzen, mit denen man Entscheidungswege von Modellen transparent und die Vorhersagen auf Fairness prüfen kann.“

Auch hier möchten wir eine Vorreiterrolle einnehmen und diese Methoden zum Standardwerkzeug unserer täglichen Entwicklung machen.

Und wie halten Sie die KI-Ergebnisse transparent?

Aktuell haben wir kein KI-Modell im echten Einsatz, welches den Leistungsumfang oder die Preisbestimmung für unsere Kunden beeinflusst. Sobald wir das haben, werden wir unseren Kunden transparent machen, in welchem Schritt solche Modelle zum Einsatz kommen und auf welcher Datenbasis diese entstanden sind.

Herr Heimpel, vielen Dank für das Interview.aj

 
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