STRATEGIE18. März 2022

Neue Player im Versicherungsmarkt – eher Chance als Risiko?

Amazon und Google, IKEA und Tesla – branchenfremde Big Player drängen ins Geschäft mit Versicherungen, indem sie ihr Kerngeschäft mit dem Abschluss von Policen erweitern. Doch sind die Konzerne mit ihrer Kapitalmacht und den Datenmengen, die ihre Kunden fast schon zu gläsernen Bürgern machen, wirklich eine Bedrohung für die Versicherungsbranche? Oder bieten sie Assekuranzen nicht vielmehr unerwartete Entwicklungsmöglichkeiten?

Branchenfremde Big Player nutzen ihre Digitalkompetenz, um den Versicherungsmarkt aufzumischen. <Q>TierneyMJ / Bigstockphoto
Branchenfremde Big Player nutzen ihre Digitalkompetenz, um den Versicherungsmarkt aufzumischen. TierneyMJ / Bigstockphoto

 

Es besteht kein Grund zur Panik, ist sich René Schoenauer, Director Product Marketing EMEA bei Guidewire Software (Website), sicher. In seinen Augen haben sich die Wogen aus dem Markteintritt einiger Großunternehmen wieder geglättet. Beispiel Amazon: Der Online-Händler und Cloud-Riese hat im vergangenen Jahr in den USA den Amazon Insurance Accelerator etabliert. Das Netzwerk aus Versicherern, zu denen unter anderem Munich Re, Hiscox und Chubb gehören, stellt Verkäufern auf der Handelsplattform eine Betriebshaftpflichtpolice zur Verfügung, mit denen finanzielle Schäden des Kunden abgedeckt werden, die aus defekter Ware entstehen. Doch dieses Angebot blieb bislang der einzige große Coup Amazons.

Partnerschaften sind gefragt

Nachdem Ikea mit der Swiss-Re-Tochter Iptiq in der Schweiz und zwei asiatischen Ländern in den Markt für Hausratversicherungen eingestiegen war, gab es auch hierzulande entsprechende Kooperationen. So hat sich zum Beispiel die Sparkassen Direktversicherung mit der Bochumer Möbelhauskette Möbel Hardeck zusammengeschlossen. Auch hier können Kunden jetzt beim Online-Möbelkauf schnell und einfach eine Hausratversicherung abschließen; dabei stehen zwei Varianten zur Wahl.

Der Markt werde also nicht nur von den versicherungsfremden Großunternehmen verändert, konstatiert Schoenauer. Vielmehr strebten auch etablierte Versicherer nach Partnerschaften, um ihr Geschäft auszubauen.

Ein weiterer Vorstoß kam in diesem Jahr von Tesla (IT-Finanzmagazin berichtete). Der Autobauer darf nun auch hierzulande Kfz-Versicherungen anbieten. Ob er das Prämienmodell aus den USA zwischen Flensburg und München etablieren kann, ist allerdings noch fraglich, da die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland andere sind als beispielsweise in Texas, Arizona oder Illinois. In Kalifornien, wo die Privatsphäre der Kunden ebenfalls strengen rechtlichen Maßstäben unterliegt, ist Tesla auf einen Kooperationspartner aus der Versicherungsbranche angewiesen.

Verschiedene Modelle im Test

Trotz neuer Zusammenschlüsse und Geschäftsmodelle seien die befürchteten Veränderungen der Branche ausgeblieben, hält René Schoenauer fest, und verweist darauf, dass längst nicht alle Vorstöße in den Versicherungsmarkt von Erfolg gekrönt worden seien. Er sieht dies als Indiz, dass sich branchenfremde Unternehmen wie die Tech-Giganten Amazon, Google & Co. immer noch in einer Orientierungsphase befinden und ihre Möglichkeiten ausloten. Amazon dränge zwar einerseits auf den Versicherungsmarkt, um neue Geschäftsfelder zu erschließen, positioniere sich aber andererseits selbst als Vermittler zwischen Versicherern und Online-Händlern.

Die Zurückhaltung solcher BigTechs führt der Guidewire-Manager auf fehlende Erfahrung und das mangelnde Branchenwissen zurück. Die neuen Player nähmen jene Segmente in den Fokus, die bei einfachen Produkten hohe Margen versprechen. Dazu zählen beispielsweise Reiserücktritt- und Hausratversicherungen. Je komplexer das Produkt sei, desto unwahrscheinlicher werde der Markteintritt der branchenfremden Konzerne. Denn hier erwarteten Kunden im Sinne einer optimalen Customer Experience, dass persönliche Ansprechpartner zur Verfügung stehen – Digitaltechnik kann in diesem Fall den Faktor Mensch nicht ersetzen, deshalb wären dafür zusätzliche Ressourcen nötig.

<Q>Guidewire
Guidewire

Es zeichnet sich zunehmend ab, dass sich die Tech-Giganten eher als Kooperationspartner denn als Konkurrenten der etablierten Versicherer verstehen. Die einzelnen Geschäftsmodelle variieren dabei sehr stark. Allerdings bleibt abzuwarten, ob Amazon und Co. sich auf Dauer mit der Rolle als Partner zufriedengeben oder doch wieder stärker in die Angriffsposition wechseln.“

René Schoenauer, Director Product Marketing EMEA bei Guidewire Software

Kooperation statt Wettbewerb

Zusammenschlüsse mit den potenziellen Konkurrenten können durchaus sinnvoll sein. Tech-Giganten und Global Player sind erfahren im Aufbau von digitalen Ökomodellen und Plattform-Modellen – davon könnten klassische Versicherer in Kooperationen profitieren. René Schoenauer weiß jedoch, dass dazu in der Branche erst noch ein Umdenken einsetzen muss.

Laut World InsurTech Report 2021 ist die Mehrheit der InsurTechs an einer Zusammenarbeit mit großen Tech-Unternehmen interessiert und wird sowohl von diesen als auch von Rückversicherern mit reichlich Kapital versorgt. Die etablierten Versicherer geben ihre verhaltene Position dagegen nur zögerlich auf. Immer noch diskutieren viele die Frage „build or buy“ – und fallen derweil im Digitalisierungsrennen immer weiter zurück.

Eine erfolgreiche Innovationsstrategie könnte in Greenfield-Modellen liegen, die es ermöglichen, mit einem Spin-off ein neues Produkt zu entwickeln und erfolgreich zu vermarkten. Schnelligkeit und Skalierbarkeit seien Kernattribute für alle digitalen Innovationen, mahnt Schoenauer und verweist zugleich auf ein konkretes Beispiel.

Ein SaaS-Modell, das von einem externen Partner bereitgestellt wird, der sich um die laufende Modernisierung der IT-Infrastruktur kümmert, biete viele Vorteile. Dazu gehören der Zugriff auf Data-Analytics- und KI-Lösungen, schnellere Produkteinführungen, ein optimiertes Kundenerlebnis sowie der Aufbau eines Partner-Ökosystems. So aufgestellt könnten Versicherer selbstbewusst auf Mitbewerber zugehen und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit ausloten. hj

 
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