KOMMENTAR13. Juli 2018

Payment- und Forderungs­management – welche Anbieter machen das Rennen?

Nicolas Kipp ist Director Risk Management bei RatePAY - Payment
Nicolas Kipp ist Director Risk Management bei RatePAYRatePAY

eCommerce-Giganten wie Amazon, Google oder Alibaba dringen in rasantem Tempo in den Finanz­dienst­leistungs­sektor vor. Branchenexperten wittern und twittern bereits das Ende des traditionellen Bankings. Auch wenn diese Prognosen in erster Linie provozieren sollen, ist eines sicher: Der Zahlungsverkehr/Payment und das Forderungsmanagement werden sich fundamental verändern.

Nicolas Kipp (RatePay), Björn Hanneke und Dr. Matthias Sattler (beide BLC)

Neben den big-playern des eCommerce tummelt sich eine kaum überschaubare Anzahl von FinTechs auf dem Markt für Zahlungsverkehrs und Forderungsmanagement.

Björn Hanneke, Manager bei Berg Lund & CompanyBerg Lund & Company

Während die klassischen Platzhirsche wie EOS, arvato und Co. ihre Kernkompetenzen traditionell in effizienten Prozessen und wirkungsvollem Risikomanagement sehen, nehmen die neuen Akteure vor allem den Kunden in den Blick.

Kundenorientierte Lösungen zu Rechnungserstellung (billing), Zahlungsverkehr (payment), Factoring und Finanzierungsdienstleistungen wachsen dabei rasant zu einem End-to-End-Service zusammen. Während das klassische Debitoren- und Risikomanagement zu einem Hygienefaktor verkommt, gewinnt der „added value“ für Konsumenten, z. B. die Möglichkeit zum spontanen Abschluss eines Online-Ratenkredites, an Bedeutung. Die gute Nachricht des aktuellen Anpassungsprozesses steht somit schon heute fest:

Dr. Matthias Sattler, Partner bei Berg Lund & CompanyBerg Lund & Company

Kundenzentrierung funk­tio­niert über al­le Ebe­nen der Wert­schöp­fung. Of­fen bleibt hin­ge­gen, wel­che An­bie­ter die über­zeu­gends­te Lö­sung prä­sen­tie­ren: In­ter­na­tio­na­le eCom­mer­ce-Gi­gan­ten, smar­te Fin­Techs oder doch die be­kann­ten Platz­hir­sche – und was pas­siert ei­gent­lich mit den Ban­ken?“

Börsengänge und Fusionen: Die Payment-Branche rüstet sich für den globalen Wettbewerb

Im Mai und Juni 2018 überschlugen sich die Fusionsnachrichten in der europäischen Payment-Branche – neben BS-Payone, dessen Mehrheitsanteile vom französischen Zahlungsdienstleister Ingenico übernommen wurden, schlüpfte der Eschborner Zahlungsabwickler Concardis unter das Dach des dänischen Nets-Konzerns. Den niederländischen Zahlungsdienstleister Ayden zieht es an die Börse, während das schwedische FinTech iZettle vom US-Bezahldienst Paypal übernommen wird.

BLC

Haben diese Unternehmen ihren Ursprung primär im Online-Handel, so weiten sich die Aktivität zunehmend auch auf das stationäre Geschäft aus.“

Die Autoren
Dr. Matthias Sattler, Partner bei Berg Lund & Company begleitet seit 2010 Geschäftsbanken, Sparkassen und Spezialinstitute bei der Vorbereitung von strategischen Partnerschaften, Transaktionen und Post-Merger-Integrationen. Darüber hinaus ist Matthias Sattler Experte für die Modernisierung von Bankregelwerken und die Begleitung innovativer Digitalisierungsinitiativen. Er war nach dem Wirtschaftsingenieurwesen-Studium und der Promotion in Darmstadt und Singapur mehrere Jahre bei einer internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft tätig.

Nicolas Kipp ist Director Risk Management bei RatePAY, dem Anbieter für Payment-Lösungen im Factoringmodell mit Zahlungsgarantie für den Händler. Er ist Experte für digitale Factoringprodukte und Echtzeit-Risikomanagement auf Basis von künstlicher Intelligenz. Er war davor nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften als Strategieberater für die Finanzindustrie tätig.

Björn Hanneke, Manager bei Berg Lund & Company begleitet seit 2014 private und öffentlich-rechtliche Finanzdienstleister bei strategischen Fragestellungen in den Bereichen Corporate Banking und Operations. Seine inhaltlichen Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung von Vertriebs- und Markteintrittsstrategien sowie Effizienz- und Kostenprogrammen unter Nutzung von Chancen durch die Digitalisierung. Vor seiner Beratungstätigkeit gründete der studierte Wirtschaftswissenschaftler ein Unternehmen im Bereich Data Analytics.

Verfügt ein Zahlungsdienstleiter zudem über eine Banklizenz, so bestehen keine relevanten Hürden, weitere klassische Bankprodukte – wie etwa den Ratenkredit für Konsumenten – ins Produktportfolio aufzunehmen. Dabei kann der Kunde auch noch nach dem Kauf spontan über eine Lending-Plattform die fällige Zahlungsverpflichtung in einen Ratenkredit wandeln. Die Authentifizierung (KYC) erfolgt mobil und ohne den zeitintensiven Filialbesuch oder lästiges PostIdent.

Zahlungsdienstleister wissen mehr über ihre Kunden und können Risiken besser bewerten

Durch die umfassende Kenntnis des Zahlungsverhaltens der Kunden und Konsumenten ist der Zahlungsdienstleister zudem in der Lage, die mit einer Forderung verbundenen Ausfallrisiken besser zu bewerten als der Leistungserbringer. Der Schritt zum Angebot von Factoring-Leistungen als zusätzliches Serviceangebot, so dass der Leistungserbringer bereits mit der Faktura über die entsprechende Liquidität verfügt, liegt auf der Hand. Die Bewertung der Ausfallrisiken erfolgt dabei inzwischen auch im B2C-Geschäft in real-time.

Eine zentrale Voraussetzung für die hohe Geschwindigkeit bei der Entwicklung derartig kundenzentrierter Paymentlösungen wird durch (API-)Banking-Plattformen – wie sie etwa Wirecard oder Solarisbank als White-Label-Lösungen bereitstellen – gewährleistet.“

Die üblichen Einstiegshürden in das Finanzdienstleistungsgeschäft werden somit aufgehoben. Während die klassischen Kreditinstitute das Niedrigzinsniveau, den regulatorischen Rahmen oder die Folgen eigener Vergehen in der Vergangenheit beklagen, können sich technologie-getriebene Unternehmen voll auf die Kundenbedürfnisse und deren Zahlungsbereitschaft fokussieren.

Wie und mit wem bezahlen wir in Zukunft?

Somit verwundert es nicht, dass Payment im Online-Geschäft zwischen wenigen Großen und einigen kleinen Zahlungsdienstleistern aufgeteilt ist. Im stationären Handel und im klassischen Dienstleistungsbereich sind die Payment-Entwicklungen hingegen noch nicht vollständig absehbar. Es bleibt also abzuwarten, wie wir in zwei Jahren den Friseur, den Bäcker, den Handwerker und den Diesel bezahlen werden und bei wem wir spontan und mobil den Ratenkredit abschließen – sofern es am Monatsende mal knapp wird.

Ähnlich wie beim Online-Vertrieb wird auch im stationären Geschäft entscheidend sein, welcher Payment-Anbieter die komfortabelste Lösung anbietet oder bereits heute über einen belastbaren Zugang zum Dienstleister und Verbraucher verfügt. Genau an dieser Stelle haben die klassischen Kreditinstitute ihre Chance, aus der historischen Kundenbeziehung heraus am stark wandelnden Paymentmarkt zu partizipieren.“

Die Kooperation zwischen der Commerzbank und GooglePay ist in diesem Sinne zu interpretieren. Ähnlich verfolgen die Sparkassen eine Integration von Girocard und Kreditkarte in das Smartphone, dies wird Mitte 2018 zunächst für Android-Geräte erfolgen.

Apple hingegen scheint die Öffnung der entsprechenden Schnittstellen für die Sparkassen hinauszuzögern – die Rolle der Banken im Payment bleibt somit weiterhin vage.“

 
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