STRATEGIE15. Februar 2018

„Was die solarisBank suchte, ist quasi SIAs Kern­geschäft“ – Doppelinterview zur Zukunft des Payments

Christiane Neumüller, SIA Country Manager Germany
Christiane Neumüller, SIA Country Manager GermanySIA

SIA und FinTech solarisBank wollen europaweit ins Card Issuing einsteigen. Eine FinTech-Bank als Partner für Regulierung statt einer etablierten Bank? Da mussten wir nachfragen. Im Doppelinterview standen uns Christiane Neumüller, Country Manager Germany bei SIA (Website) und Jörg Howein, Chief-Produkt Officer bei solarisBank (Website) Rede und Antwort.

Frau Neumüller, warum hat sich SIA ausgerechnet die solarisBank als Partner ausgewählt? Wäre da nicht eine große Retailbank der bessere Partner (auch für die Reichweite) gewesen?

Christiane Neumüller:

Was die solarisBank suchte, ist quasi SIAs Kerngeschäft.“

Jörg Howein, solarisBank Chief-Produkt Officer
Jörg Howein, solarisBank Chief-Produkt OfficersolarisBank

Das macht uns zu idealen Partnern. Darüber hinaus glauben wir, dass wir sie durch die Bereitstellung unserer technischen Infrastruktur bei der Entwicklung ihres Firmenkundengeschäfts unterstützen können. Ähnlich wie wir bereits anderen Finanzinstituten, die zu unseren Kunden zählen, zur Seite stehen.

Wie funktioniert die Plattform, die Sie für die Abwicklung der Transaktionen der von solarisBank ausgestellten Zahlungskarten zur Verfügung stellen? Haben Sie die Plattform eigens für solarisBank entwickelt?

Christiane Neumüller: Das Processing von SIA basiert auf einer Single-Source-Plattform. Das heißt, dass unsere Kunden alles aus einer Hand erhalten und ihnen alle unsere innovativen Entwicklungen und Compliance-Lösungen unmittelbar zur Verfügung stehen. Damit verkürzen wir die Zeit bis zur Markteinführung, auch „time to market“ genannt, und erzielen Skaleneffekte.

Hinter dem Single-Source-Ansatz steht eine dezidierte physische Datenbank mit individualisierten Funktionen hinsichtlich der Produkteigenschaften. Das Processing und die physische Datenbank sind voneinander unabhängig und getrennt.

Für die solarisBank haben wir eine auf den Kunden zugeschnittene Partition der Single-Source-Plattform mit spezifischen Funktionen erstellt, die von dem Unternehmen angefordert wurden.

Die Plattform arbeitet mit einem Multichannel-Ansatz: Durch den umfassenden Einsatz von Programmierschnittstellen ist sie mit jedem System des Unternehmens in Echtzeit verbunden.“

Herr Howein – ist es für Sie nicht ungewöhnlich, auf eine komplexe Plattform eines anderen Anbieters zurückgreifen?

Jörg Howein: Ganz im Gegenteil, die Kooperation mit SIA steht exemplarisch für unseren Ansatz, mit Experten zusammenzuarbeiten, anstatt jede Komponente der Plattform selbst zu bauen. Eigene Infrastruktur und Produkte bauen wir nur dort, wo wir als solarisBank selbst einen entscheidenden Vorteil mitbringen oder eine Marktlücke füllen. An anderen Stellen integrieren wir die besten Lösungen im Markt und stellen sie unseren Partnern damit zur Verfügung.

Wie ist die Kooperation bis jetzt angelaufen?

Christiane Neumüller: Die Zusammenarbeit mit der solarisBank ist von Beginn an sehr positiv verlaufen: Alle Meilensteine des Projektes wurden sowohl im festgelegtem Kosten- als auch Zeitrahmen erreicht, sodass wir letztendlich ein erfolgreiches Go-Live hatten.

Jörg Howein: Wir sind sehr zufrieden mit den ersten Monaten. Der Prozess mit SIA, wozu auch der Schutz vor und die Aufklärung von Betrugsfällen gehört, läuft absolut reibungslos. Die technische Integration des Kernproduktes ist komplett abgeschlossen und die ersten Kunden unserer Partner nutzen bereits das Angebot.

Deutschland ist das Bargeldland – selbst Apple macht bisher einen Bogen um uns. Wie hoch schätzen Sie die Relevanz von kontaktlosen Zahlungen in Deutschland für 2018 ein?

Jörg Howein: Es stimmt, dass Cash in Deutschland trotz aller Fortschritte beim bargeldlosen Bezahlen nach wie vor das dominierende Zahlungsmittel ist. Es ist aber nicht so, dass Deutschland damit in der Eurozone alleine dasteht. Dennoch:

Der Schritt zum kontaktlosen Bezahlen scheint größer, als er es ist. Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Verbraucher sich von dem überlegenen Prozess und der Einfachheit schnell begeistern lassen.“

Dazu gehört beispielsweise auch, dass eine Mastercard weltweit akzeptiert wird und für den Kunden volle Transparenz und Flexibilität bietet. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich kontaktlose Terminals auch in Deutschland immer mehr verbreiten – von Supermärkten bis zu Tankstellen. Damit wird eine wichtige Akzeptanzschwelle überschritten. Und dass es funktioniert, zeigen Beispiele aus dem Ausland. In Großstädten wie London beispielsweise ist kontaktloses Bezahlen heute schon die Regel, Bargeld die Ausnahme.

Christiane Neumüller:

Deutschland ist zwar ein Land, in dem häufig mit Bargeld bezahlt wird, jedoch sehen wir ein großes Wachstumspotenzial bei E-Payments.“

Mit der kürzlich verabschiedeten PSD2-Richtlinie nimmt der digitale Zahlungsverkehr deutlich an Fahrt auf. Denn mit der Umsetzung der Richtlinie öffnet sich der Markt für neue Player mit innovativen Ideen und Services. Des Weiteren führt die technologische Entwicklung zu einer nahtlosen Integration von Bezahlfunktionen und -möglichkeiten, etwa durch In-App-Käufe. Außerdem ist die Einführung von Instant Payments, also das Bezahlen und Überweisen in Echtzeit, in den SEPA-Ländern ein zusätzlicher Schlüsselfaktor.

Wie erklären Sie sich, dass in anderen Ländern viel mehr Menschen kontaktlos zahlen als in Deutschland?

Christiane Neumüller: Wenn wir die regionalen bzw. kulturellen Faktoren, wie die in Nordeuropa stark ausgeprägte Affinität zur Nutzung neuer Technologien, einmal außen vor lassen, liegen die Gründe vor allem in der Infra- und Kostenstruktur:

Andere Länder haben viel mehr in die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs investiert, um die Akzeptanz in den Geschäften zu erhöhen und zugleich die Gebühren für Händler zu senken.“

Wir glauben, dass solche Initiativen – gemeinsam mit sichereren Zahlungstransaktionen aufgrund der kürzlich eingeführten starken Kundenauthentifizierung – die Akzeptanz von E-Payments beschleunigen werden.

Jörg Howein: Angeblich hinken wir Deutsche ja immer hinterher. Ob bei der Nutzung von mobilem Internet oder eben beim bargeldlosen Bezahlen.

Ich finde aber, dass man es nicht so pessimistisch sehen sollte: deutsche Verbraucher erwarten insbesondere bei ihren Bank- und Geldgeschäften höchste Sicherheitsstandards. Sobald ein Produkt sich bewiesen hat, wird es auch angenommen.“

Wie schätzen Sie die Geschwindigkeit der Zahlungsinnovationen weltweit ein? Werden uns chinesische Anbieter wie WePay überholen?

Jörg Howein: Die Kunden bewegen sich in Richtung des einfachsten Prozesses – wenn WePay gemeinsam mit deutschen Banken ein leicht zugängliches Angebot liefern kann, dann ist es durchaus möglich, dass sie sich am Markt etablieren. Das Ziel muss doch immer sein, den Kunden einen Mehrwert zu bieten.

Christiane Neumüller: Der digitale Zahlungsverkehr wächst insbesondere in Asien schnell, wo die Volumina, die von Tech-Giganten wie Alipay und WePay verarbeitet werden, im Vergleich zu denen in Europa riesig sind. Diese neuen Zahlungsdienste sind eine Herausforderung. Wenn die europäischen Banken ihre Position im Zahlungsverkehr sichern wollen, müssen sie sich entsprechend wappnen.

Darüber hinaus wird die Einführung der PSD2 dazu führen, dass sich die europäischen Länder zunehmend zu einem wichtigen Standort für den Zahlungsverkehr entwickeln.“

Gleichzeitig wird der Wettbewerb durch FinTechs und große Tech-Konzerne, die ebenfalls in den Payment-Markt eintreten, weiter verstärkt. Der Zahlungsverkehr wird sich komplett verändern.

Ab wann wird es möglich sein, dass Nutzer von NFC-Debitkarten ihre Karte online konfigurieren?

Christiane Neumüller: SIA bietet bereits Möglichkeiten zur Online-Konfiguration für internationale Debit- und Kreditkarten an.

Jörg Howein:

Zusammen mit unseren Partnern werden wir das in den nächsten Monaten anbieten. Zu den Optionen gehören beispielsweise das Setzen von individuellen Limits und Geo-Blocking. Auch die Möglichkeit, Bargeld abzuheben, können Kunden dann ein- oder ausschalten.“

In welchen weiteren Ländern ist die Herausgabe von NFC-Debitkarten geplant? Und können Sie eine zeitliche Indikation geben, wann diese nächsten Schritte geplant sind?

Jörg Howein: Die internationale Expansion von Produkten hat bei uns immer zwei Seiten: Eine technische und eine regulatorische. Technisch sind wir bereits in der Lage, fast alle europäischen Länder zu bedienen. Mit unserem Plattformansatz gehen wir dann immer zuerst dorthin, wo wir unsere Partner direkt unterstützen können. Auf der regulatorischen Seite haben wir für ein paar europäische Länder das sogenannte Passporting bereits durchgeführt. Bei den übrigen Ländern wäre dies noch nötig, bevor wir dort mit den jeweiligen Produkten und Partnern aktiv an den Markt gehen können.

Werden Sie Ihre Zusammenarbeit zukünftig weiter ausbauen? Wann kommt mobile Payment per SIA/SolarisBank-Wallet?

Jörg Howein: Ein eigenes solarisBank-Wallet ist aktuell nicht in der Entwicklung. Das würde auch nicht zu unserem B2B2X-Geschäftsmodell passen.

Allerdings haben wir mit MasterCards MDES-Lösung die Grundlage dafür, dass über unsere Partner ausgegebene Karten in Wallets integriert werden können. Daran werden wir in den nächsten Monaten arbeiten.“

Christiane Neumüller: SIA versteht sich als Partner für alle Anbieter im Finanzbereich. Wir unterstützen gerne mit unserer Expertise bei neuen Zahlverfahren und -angeboten, wie etwa Apple Pay, Samsung Pay oder Instant Payments. Und natürlich freuen wir uns immer über die Erweiterung bestehender Kooperationen.

Frau Neumüller, Herr Howein, vielen herzlichen Dank für das Gesprächaj

 
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