INTERVIEW5. Mai 2020

Tomorrow Banking: Die ganz andere Smartphone-Bank – Nachhaltigkeit als Geschäftsmodell

Michael Schweikart, Gründer und CEO von Tomorrow Banking<q>Tomorrow
Michael Schweikart, Gründer und CEO von Tomorrow BankingTomorrow

Im Dezember letzten Jahres hat Anno Lederer die verschiedenen Smartphone- oder Neobanken analysiert („N26, boon.Planet, Revolut: Warum sind Smartphone- & NeoBanken auf dem Vormarsch?“). Zentrale Punkte waren Kontoeröffnung und das Leistungsangebot von N26, Revolut und boon.planet. Erwähnt wurde auch Tomorrow, am Rande – weil noch zu neu. Nun – vor dem Hintergrund der besonderen Situation in der Corona-Zeit und dem Thema Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz – hat Anno Lederer mit einem der Gründer von Tomorrow (Website), Michael Schweikart gesprochen und interessante Details zu Tage gefördert.

von Anno Lederer

Herr Schweikart, können Sie uns etwas zu Ihrem Hintergrund sagen und erläutern, wie Sie und Ihre Gründerkollegen die Idee zu Tomorrow geboren haben?

Ich habe zunächst viele Jahre in der klassischen Unternehmensberatung also sehr analytisch gearbeitet. Diese Fähigkeiten habe ich dann mit in die Gründungs-Metropole Berlin genommen und dort einige Erfahrungen in Startups gesammelt, bevor ich dann eine NGO mitgegründet habe. Meine beiden Kompagnons kommen jeweils aus ganz unterschiedlichen Bereichen:
Inas Nureldin hat zuvor ein Software-Unternehmen aufgebaut, welches Lieferketten in der Lebensmittel-Branche transparent gemacht hat. Und Jakob Berndt hat nach einem kurzen Abstecher in die Werbebranche ein Social Start-up in der Getränkewelt mitgegründet: Lemonaid Beverages.

Insofern haben wir alle drei sehr unterschiedliche Hintergründe und doch zwei wesentliche gemeinsame Nenner: die Lust am Gründen und Gestalten von Unternehmen und die Erfahrung mit Impact-Unternehmungen.

Los ging es dann mit der folgenden Frage:

Wie investiert man eigentlich nachhaltig und online und das auch noch einfach?“

Und nach einem sechsmonatigem und schwierigem Findungsprozess war uns schlussendlich klar, dass wir nachhaltiges Banking mit einem digitalen „mobile-first“ Ansatz aus der Nische holen wollen.

Wie würden Sie im Überblick das Geschäftsmodell und die mittel- bis langfristigen Zielsetzungen von Tomorrow beschreiben?

Tomorrow-Gründer Michael Schweikart
Michael Schweikart ist Co-Founder und Herr der Zahlen bei Tomorrow. Früher als Unternehmensberater tätig, ist er gewissermaßen auch prädestiniert für die Bildung schlanker Prozesse und effektiver Organisation.

Unser Ziel ist es, Geld als Hebel für positiven Wandel zu begreifen.“

Und das wollen wir erreichen, indem wir nachhaltiges Banking wirklich massenfähig machen. Gemeinsam mit der Tomorrow Community können wir mit dem Medium Geld einen großen Impact erzielen. Auf diese Weise können und wollen wir einen Teil zur Lösung der Klimakrise beitragen. Unser Geschäftsmodell besteht zuallererst mal aus einem digitalen und natürlich nachhaltigen Girokonto. Um dieses Konto herum wollen wir dann weitere Finanzdienstleistungen anbieten.

Wir müssen dabei nicht alles selbst entwickeln, sondern verstehen uns vor allem als Filter für die besten und vor allem nachhaltigsten Produkte, die wir unseren Kunden dann über unsere Plattform zur Verfügung stellen wollen.“

Konkret, welchen Unterschied stellt Tomorrow im Vergleich zu anderen Smartphone-Banken wie N26, Revolut etc. dar und worauf legen Sie dabei besonderen Wert?

Wir finden die technologischen Lösungen, die Challenger-Banken in den vergangenen Jahren gefunden haben, hervorragend. In vielerlei Hinsicht agieren wir bereits auf Augenhöhe mit diesen Tech-getriebenen Unternehmen. Auf moralischer und ethischer Ebene haben wir jedoch einen anderen Ansatz: wir wollen die Finanzbranche nicht nur durch smarte Lösungen aufrütteln, sondern durch eine klare nachhaltige Strategie und einen hohes Maß an Transparenz.

Wir zeigen in Echtzeit, für was die Gelder unserer Kunden eingesetzt werden und wir bieten unseren Kunden neben Finanzprodukten auch Services rund um einen nachhaltigen Lifestyle, wie z.B. CO2 Offsetting.“

Die Entwicklung von N26 haben Sie sicher aufmerksam beobachtet, ist N26 ein Vorbild für Sie oder was wollen Sie anders machen?

Was den Grad an Innovation und die Geschwindigkeit der Veränderung angeht, ist N26 sicherlich ein Vorbild für uns, aber uns unterscheiden doch einige Punkte stark voneinander: wir wollen einen wesentlichen Beitrag zur Lösung der Probleme unserer Gesellschaft und des Planeten leisten, indem wir sowohl Profit als auch Gemeinnützigkeit in unserem Geschäftsmodell mitdenken. Es geht uns nicht um ein möglichst rasantes Wachstum und einen lohnenden „Exit“, sondern darum, einen tatsächlichen Beitrag für die Herausforderungen unserer Zeit zu leisten.

Dabei ist es uns auch wichtig, Licht ins Dunkel der Finanzbranche zu bringen, so dass jede und jeder versteht, wie Banken und Finanzmärkte funktionieren.“

Das Interview führte Anno Lederer
Anno Lederer war über 35 Jahre in der Informationstechnologie für Banken tätig und von 1997 bis 2014 Vorstandsmitglied und Vorstandsvorsitzender der GADeG mit Sitz in Münster – dem IT-Dienstleister für über 400 Volks- und Raiffeisenbanken vornehmlich im Nordwesten Deutschlands.

Er trieb fe­der­füh­rend die Ent­wick­lung in­no­va­ti­ver Lö­sun­gen für Kre­dit­in­sti­tu­te voran und hat ge­mein­sam mit seinem Team eine Vielzahl von IT-Pro­duk­ten für Banken erfolgreich zum Einsatz gebracht. Auch nach seinem Eintritt in den Ru­he­stand ist er wei­ter­hin auf­merk­sa­mer Be­ob­ach­ter ak­tu­el­ler Ent­wick­lun­gen in der Ban­ken­land­schaft und ver­folgt in­ten­siv Ver­öf­fent­li­chun­gen und Dis­kus­sio­nen rund um das The­ma Di­gi­ta­li­sie­rung in der ge­sam­ten Fi­nanz­bran­che.

Wie entwickeln sich bei Ihnen die aktuellen Kontoneueröffnungen, wo stehen Sie heute und welche Größenordnung streben Sie in den nächsten zwölf Monaten an?

Diese Zahlen legen wir komplett offen, jede/jeder kann sie auf unserer Webseite und in der App einsehen, aktuell sind es knapp 30.000 User/Userinnen und jeden Tag kommen etwa 100 hinzu.“

Da sich in den letzten sechs Wochen so vieles in der Gesellschaft und Wirtschaft verändert hat, ist eine Prognose der nächsten zwölf Monate schwer und ungenau. Auf lange Sicht wollen wir die größte Nachhaltigkeitsbank Europas werden, aber wann wir das erreichen können, ist gerade noch nicht abzusehen.

Wie ist das aktuelle Leistungsangebot von Tomorrow, welche Ausbaustufen sind geplant?

Wir bieten zwei Arten des Girokontos an: eine kostenlose Variante inklusive drei kostenloser Abhebungen, Unterkonten und einer Klima-Spende bei jeder Zahlung (aus unserer Tasche selbstverständlich). Und ein Premiumkonto namens Tomorrow-Zero: Neben unbegrenzt vielen Abhebungen im In- und Ausland und einer beliebigen Anzahl an Unterkonten unterscheidet sich Zero besonders durch den deutlich höheren Impact von dem kostenlosen Modell.

Tomorrow Zero ist das Erste und bis dato einzige Girokonto, welches den CO2-Fußabdruck der User und Userinnen kompensiert.“

Jeden Monat wird der durchschnittliche Verbrauch einer bzw. eines Deutschen ausgeglichen. Hierfür investieren wir zusammen mit unserem Partner-Unternehmen Climatepartner aus München in unterschiedliche Klimaschutzprojekte.

So weit mir bekannt ist, haben Sie derzeit keine eigene Banklizemz und nutzen dafür die solarisBank inklusive deren IT-Plattform, welches sind die Vorteile und was ist für die Zukunft geplant?

Durch die Zusammenarbeit mit der solarisBank konnten wir unheimlich schnell ein Produkt auf den Markt bringen: binnen sechs Monaten konnte die Betaversion der App von 300 User/Userinnen getestet werden, das wäre mit einer eigenen Banklizenz in diesem Tempo nie möglich gewesen.“

Auf diese Weise konnten wir uns voll auf den Impact und den Aufbau der Marke konzentrieren. Ob sich diese Konstellation in naher oder ferner Zukunft ändert, evaluieren wir in regelmäßigen Abständen, bisher ist nichts Konkretes geplant.

Welches ist Ihre angestrebte Zielgruppe und mit welchen Mitteln wollen Sie auf sich aufmerksam machen?

In einigen Lebensbereichen wie beispielsweise Energie oder Nahrungsmittel ist ein nachhaltiger Lebensstil längst angekommen: Viele Tausend Menschen machen sich für einen Wandel stark und haben ihren Konsum zu großen Teilen bereits umgestellt. Das Thema Geld ist den Meisten allerdings noch gar nicht als Problemfeld bekannt. Das wollen wir ändern. Wir möchten den Menschen, die sich bislang noch nicht mit der Verwendung ihres Geldes auseinandergesetzt haben, eine echte Alternative bieten. Eine Alternative, die sich nach 2020 anfühlt und all das kann, was man sonst von seinem Smartphone gewohnt ist.

Die Zielgruppe ist also divers, umfasst „Junge Wilde“, Aktivisten/Aktivistinnen genauso wie Nachhaltigkeits-Anfänger/Anfängerinnen und Eltern.“

Die Tomorrow-Gründer: Michael Schweikart, Inas Nureldin, Jakob Berndt
Die Tomorrow-Gründer: Michael Schweikart, Inas Nureldin, Jakob BerndtTomorrow

Werden Sie zukünftig auch andere Bankdienstleistungen als die bisher angebotenen ins Auge fassen und wo wird hier der Schwerpunkt liegen?

Ja, tatsächlich wird es gar nicht mehr lang dauern, bis wir hier einen großen Schritt nach vorne machen können. Wir arbeiten bereits sehr fortgeschritten an einem nachhaltigen Investment-Produkt.“

Zum Schluss noch eine Frage zur aktuellen Situation, wie beeinflussen die Klimaschutzdebatte, jetzt aber vor allem auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie die Weiterentwicklung Ihres Geschäftsmodells?

Zunächst einmal betrifft es uns wie alle anderen als Individuen natürlich enorm.

Das gesamte Tomorrow-Team arbeitet schon seit fast zwei Monaten im Home Office.“

Glücklicherweise fiel es uns als digitales Unternehmen nicht schwer, diese Maßnahme umzusetzen, das Team ist es gewohnt, dass nicht alle an einem Ort beisammen sitzen.

Aber trotzdem bringt es natürlich große Veränderungen für den Arbeitsalltag mit sich. Unser Geschäftsmodell ist nur indirekt von den Einschränkungen betroffen, daher können wir inhaltlich wie gewohnt weiterarbeiten. Zum Beispiel mit einem Spenden-Feature, dass wir anlässlich der Situation an den europäischen Außengrenzen auf die Beine gestellt haben. User und Userinnen können mit wenigen Klicks an Ärzte ohne Grenzen spenden, die Geflüchtete medizinisch versorgen, denn Corona wird nicht an den Grenzen Halt machen. Durch unsere Community sind bereits über 20.000 € Euro zusammen gekommen.

Da die Pandemie ein riesiges Thema ist, was alle Branchen, Länder und Gesellschaftsbereiche betrifft, war es natürlich auch DAS vorherrschende Thema der Medien.

Das verändert sich aber zunehmend und gerade in der Debatte um den „Wieder“-Einstieg in den (neuen) Alltag wollen wir gerne ein Wörtchen mitreden, damit hier die nächste, drohende (Klima-)Krise auch mit einbezogen wird.“

Herr Schweikart, danke für das Gespräch und viel Erfolg für die Zukunft.Anno Lederer

 
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