INTERVIEW28. Februar 2017

Versicherer werden mutige Entscheidungen treffen müssen – msg-Vorstand Bernhard Lang im Interview

Bernhard Lang, Vorstand der msg systems AG.msg systems

InsurTechs liefern den Versicherern ein Rennen um Marktanteile. Und das schneller als ihnen lieb ist. Wer abwartet, wird das Rennen verlieren. msg systems-Vorstand Bernhard Lang bezieht im Interview deutlich Stellung und fordert Versicherer auf, viel mutiger zu agieren.

Herr Lang, sind die Versicherer aus Ihrer Sicht auf den digitalen Wandel vorbereitet?

Ich würde gerne behaupten, dass sich Versicherer bereits auf die Digitalisierung eingestellt haben.

Tatsache ist jedoch: Nur die wenigsten unter ihnen sind or­ga­ni­sa­tor­isch und technisch auf dem neuesten Stand.“

Der digitale Wandel verläuft natürlich je nach Unternehmen unterschiedlich. Der Ansatz ist abhängig davon, ob es sich zum Beispiel um einen Erstversicherer oder einen Industrie- oder Rück­ver­sicherer handelt. Die Versicherer haben jedoch gemeinsam, dass sie sich derzeit vor allem mit dem Betrieb der bestehenden IT-Landschaften beschäftigen.

Kaum ein Versicherer verfügt heute über genügend Kapazitäten, um eine nachhaltige Digitalstrategie umzusetzen.“

GetSafe, Knip und Clear schocken die Versicherer. Was sollten etablierte Versicherer von den InsurTechs lernen?

Versicherer müssen den Kunden und seine Bedürfnisse ins Zentrum ihrer Bemühungen stellen.“

Heutzutage sind es die Verbraucher gewohnt, dass Angebote genau auf sie angepasst sind. Das erfordert nicht nur digitale Lösungen, sondern auch neue Denkweisen. Nehmen Sie etwa den Paradigmenwechsel von der Güter- zur Service-Dominanz. Vielen Verbrauchern geht es heute beispielsweise nicht mehr um das Auto, das sie fahren. Stattdessen ist es ihnen vor allem wichtig, mobil zu sein. Die bestehenden Geschäftsmodelle sind mittlerweile zu eng gefasst.

Deshalb wird den Versicherern keine andere Wahl bleiben, als mutige Entscheidungen zu treffen. Sie müssen Neues wagen, um den Anschluss nicht zu verlieren.“

Was macht denn die InsurTechs aus Ihrer Sicht so gefährlich?

Digitale Geschäftsmodelle haben ein enorm disruptives Potential. Das bedeutet, dass der Markt sich ändert, und zwar schnell. Die Geschwindigkeit der Marktdurchdringungen kann extrem sein – und wer nicht schnell folgen kann, wird signifikante Geschäftsanteile verlieren.

Eine weitere Gefahr besteht darin, dass sich ein InsurTech, das die Zeichen der Zeit versteht, wie ein Keil zwischen den etablierten Versicherer und seine Kunden setzt. Richtet sich der Fokus nicht schnell genug auf die aktuellen Kundenbedürfnisse, droht den Versicherern ein empfindlicher Verlust.

Und abseits von Vertriebsmodellen? Was könnten InsurTechs künftig noch angreifen?

Auch die Verknüpfung mit anderen Branchen könnte unter der Disruption leiden. Die gesamte Versicherungsbranche arbeitet mit einem Geschäftsmodell, das bisher gut funktioniert hat.

Dies kann sich nun innerhalb kurzer Zeit ändern. Daher sollten Versicherer das Potenzial von InsurTechs nicht unterschätzen.“

Versicherungspolicen sind komplexe, erklärungsbedürftige Produkte. Wie können Versicherer die Kundenkommunikation verbessern?

Indem sie mehr über ihre Kunden erfahren. Wer den Kunden in den Fokus stellt, muss dessen Bedürfnisse verstehen. Oft werden komplexe und für den Kunden uninteressante Sachverhalte ausschweifend erklärt. Das muss sich ändern. Konkret bedeutet das weniger Fragen und schnellere Underwriting- und Abschlussprozesse. Wer seinen Kunden kennt, kann auch die Produkte vereinfachen. Zum Beispiel in dem man umfassende Hausrats-Versicherungspakete aufspaltet in eine Versicherung für Sportgeräte und eine für wertvolle Einrichtungsgegenstände. Auch die AGB sollten schlank und transparenter werden, damit der Kunde auf einen Blick versteht, was er unterschreibt.

Welche Rolle spielt dabei die IT?

Die wertvollen Daten über den Kunden liefert die IT. Social Networks und das Internet der Dinge produzieren riesige Datenmassen. Versicherer müssen Big-Data-Strategien einsetzen, um daraus umsetzbare Erkenntnisse zu gewinnen. Darüber hinaus leistet die IT zwei Dinge: Digitale Effizienz, also optimierte Prozesse und integrierte Kunden, sowie Digitale Exzellenz. Darunter verstehen wir eine optimale Customer Journey und Nutzererfahrung, sowie wertvolle Leistungen für den Kunden, die über das klassische Versicherungsgeschäft hinausgehen.

Ist das auch ein Kulturthema? Muss die IT dazu nicht vom Auftragsverarbeiter in die Vorstandsetage wechseln?

Der Pizzadienst Domino’s in den USA beschäftigt mehr IT-Personal als Pizzabäcker. Heute ist jedes Unternehmen ein IT-Unternehmen – auch Versicherer.“

Daher schaffen immer mehr Unternehmen die Rolle des Chief Digital Officers und holen die Digitalisierung in den Vorstand. Dieser kann mit seinen Kollegen die neuen Anforderungen aller Ressorts angehen und leistet so einen wichtigen Beitrag zur digitalen Transformation des Unternehmens.

Vielen herzlichen Dank Herr Lang für das Interview.aj

 
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