FINTECH19. Juli 2021

So sieht „Versicherung“ in 5, 10, 15 Jahren aus – Anthony Mayer, VP Engineering Getsafe im Interview

Anthony Mayer, VP Engineering Getsafe
Anthony Mayer, VP Engineering GetsafeGetsafe

Das InsurTech Getsafe hat sich schon früh auf verständliche Services spezialisiert – nun denkt unser Interviewpartner Anthony Mayer, VP Engineering Getsafe ein ganzes Stück weiter – in Richtung Sensoren, KI und modulare Versicherung. Das Interview.

Herr Mayer, wie sieht denn nun die Versicherung in 5, 10, 15 Jahren aus? Und welche Technologie ist dazu notwendig?

Versicherung wird in der Zukunft über das Auszahlen von Schadensfällen hinausgehen. Kunden wollen sich finanziell auf ihre Versicherungen verlassen können, das ist klar.

Aber das Thema Schadensvermeidung durch Smarte Technologie wird auch immer präsenter, zum Beispiel mit Hilfe von schlau platzierten Sensoren, Rauchmeldern und anderweitigen Daten.“

Technologie kann und wird auch dazu verwendet werden, das Versicherungsangebot individuell dem anzupassen, was Kunden wollen. Die Vorstellung des “Frühstücksbuffets”, aus dem sich jeder frei aussuchen kann, was er möchte, wird durch moderne technologische Ansätze immer realistischer. Noch stehen wir am Anfang, aber technisch ist theoretisch vieles möglich. Die Frage ist eher, was politisch und gesellschaftlich erwünscht ist.

Heißt das, dass zum Beispiel ein Apple-Nutzer für seine Versicherung künftig mehr bezahlen wird als ein Android-Nutzer?

 Das kann man so pauschal nicht sagen. Durch die zunehmende Anzahl von persönlichen Daten wird es immer einfacher, Angebote zu entwickeln, die genau auf die Bedürfnisse der Kunden angepasst sind. Diese persönlichen Tarife entsprechen nicht mehr den standardisierten Policen und können teilweise, je nach Bedarf, auch nur für eine kurze Zeit abgeschlossen werden.

Getsafe

Und das Thema Schadensvermeidung wird hier durch die sogenannte Predictive Maintenance (vorausschauende Instandhaltung) auch immer wichtiger werden.“

Das Prinzip ist einfach: Technische Anlagen werden so gewartet und repariert, dass es erst gar nicht zu teuren Produktionsstillständen kommt. Die vorausschauende Instandhaltung ist nicht neu – schon früher ließ sich der Verschleiß von Bauteilen oder Maschinen gut vorhersagen. Digitale Systeme analysieren Maschinenfunktionen und Produktionsprozesse jedoch in Echtzeit und erkennen Fehler oder Abweichungen sofort. Zusätzlich könnte der Versicherer versuchen, solche Verhaltensweisen des Kunden zu belohnen, die bestimmten Risiken entgegenwirken.

Wie würde das aussehen?

Manche Krankenversicherer belohnen beispielsweise einen gesunden Lebensstil und bezuschussen präventive Maßnahmen wie Sport oder Impfungen. Telematik-Tarife in der KfZ-Versicherung gehen bereits in diese Richtung, indem sie einen umsichtigen Fahrstil fördern. Insurtechs setzen zunehmend auf selbstlernende Systeme, die in der Lage sind, automatisch Versicherungsbetrüger zu entlarven, Risiken zu minimieren oder Preise dynamisch anzupassen. Machine Learning ermöglicht es, aus dem Verhalten der Kunden zu lernen, Risikoprofile zu verfeinern und zu ermitteln, ob ein einzelner Kunde vertrauenswürdig ist. Und das ist durchaus zum Vorteil der Gemeinschaft: Die Auswertung dieser neuen Daten macht Versicherung fairer und objektiver für alle.

Anthony Mayer, VP Engineering Getsafe
Anthony Mayer ist VP Engineering bei dem digitalen Versicherer Getsafe (Website). Aufgewachsen zwischen den USA und Deutschland und zuletzt tätig für US-amerikanische Tech-Unternehmen wie NextRoll und Yelp freut er sich darauf, tief in die deutsche und europäische Tech-Szene einzutauchen. Sein Team besteht aus zwanzig Software Developern, die technische Infrastruktur für mobiles Versichern aufbauen möchten. Das Ziel: Marktführerschaft.

Welche Prävention wird per IoT und AI möglich sein?

Das Produkt selbst basiert auf Wahrscheinlichkeitsberechnungen und Erfahrungswerten, also auf Daten. So sind sich die Experten einig, dass KI mittel- bis langfristig die Versicherungsbranche revolutionieren wird.

Smarte Algorithmen werden helfen, Versicherungsbetrug schneller zu erkennen und Risiken genauer zu bewerten. In Kombination mit Sensorik und dem „Internet der Dinge“ hilft KI auch bei der Prävention.“

Versichern beruht seit jeher auf dem Prinzip der kollektiven Risikoübernahme. Die Gemeinschaft trägt den Schaden des Einzelnen mit. Durch künstliche Intelligenz wird dieses Prinzip hinterfragt. Subjektiven Entscheidungen einzelner Experten stünden dann objektive, trainierte Systeme entgegen, die sich nicht von Emotionen oder Stress beeindrucken ließen. Auf diese Weise könnten Insurtechs Versicherungsbetrüger vorzeitig entlarven, Risiken minimieren, Preise dynamisch angepassen. Sie können Diskriminierung ausschalten und anstelle externer Faktoren wie Alter, Wohnort, Beruf oder Name das Verhalten des Kunden analysieren. Es entsteht ein völlig neues Risikoprofil, basierend auf Daten.

Und die technologische Revolution steht erst am Anfang.“

Wie könnte so ein intelligenter Versicherungsschutz bei Getsafe aussehen, der den Schutz individuell anpasst?

Die Versicherung von morgen wird mobil, flexibel und digital sein.“

Als ständiger Begleiter auf dem Smartphone werden Versicherer mit Hilfe von intelligenten Systemen und Daten auf Risiken aufmerksam machen. Daten- und Verhaltensanalysen mit intelligenten Algorithmen werden Versicherungsbetrug schneller identifizieren und individuelle Versicherungspakete möglich machen. Profitieren werden Kunden und Versicherer gleichermaßen. Denn Kundeninteresse und Geschäftsmodell sind deckungsgleich: Beide Seiten wollen erst gar keinen Schadensfall entstehen lassen. Die Digitalisierung wird das menschliche Leben nicht sorgenfrei, aber risikoärmer machen.

Zusammenfassend wird die Versicherung von morgen ein digitaler Begleiter sein, der den Kunden und seine Bedürfnisse versteht. Die digitale Nutzung per Smartphone wird sich dabei ebenso durchsetzen wie ein personalisierter Versicherungsschutz.“

Digitale, intelligente Systeme werden den Kunden auf Risiken aufmerksam machen, geeignete Gegenmaßnahmen aufzeigen und dazu beitragen, dass Schäden gar nicht erst entstehen. Und wenn sich die Lebenssituation den Kunden ändert, wird sich der Versicherungsschutz automatisch anpassen – ganz ohne menschliches Zutun. Daten und intelligente Systeme werden den Fokus verlagern – weg davon, Schäden zu regulieren, hin dazu, Risiken vorzubeugen. Voraussetzung dafür ist eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie individuell Versicherung überhaupt sein soll.

Herr Mayer, vielen Dank für das Interview.aj

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/122672 
 
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (2 Stimmen, Durchschnitt: 2,50 von maximal 5)
Loading...

 

(Visited 586 times, 1 visits today)

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.