STRATEGIE2. Februar 2017

Zögerliche Digitalisierung: FinTech-Lösungen wie Supply Chain Finance graben Banken das Wasser ab

Marcus Laube, Geschäftsführer crossinx crossinx

Es rumort gewaltig im Finanzsektor. Digitalisierung bleibt das Thema, die Anforderungen an die Banken und der Konkurrenzdruck wachsen jedoch enorm. Zentraler Punkt ist die Erwartung der Kunden. Egal ob Retail oder Corporate Banking: Die Ansprüche an digitale Lösungen sind hoch. Um schneller in der digitalen Zukunft anzukommen, sollten Banken auf clevere technische Lösungen setzen – zum Beispiel mit alternativen Modellen zur Liquiditätssteigerung wie Supply Chain Finance.

von Marcus Laube, Geschäftsführer crossinx 

Zu spüren bekommen Banken den Druck für Veränderung besonders im Retail-Segment. Hier kommt zum Tragen, dass sich mit dem technologischen Fortschritt auch die Kunden selbst und ihre Bedürfnisse grundlegend verändert haben. Die Nachfrage nach physischen Bankfilialen sinkt seit Jahren stetig, mobile Apps sind zunehmend gefragt und die FinTech-Riege greift Banken in nahezu allen Finanzfragen an. Auch andere Kernkompetenzen von Banken, wie Kreditvergabe und Liquiditätsbeschaffung, bleiben nicht länger unberührt – etwa mit neuen Dienstleistungen wie Supply Chain Finance (SCF).

Supply Chain Finance als Alternative zum Bankkredit

Als Teildisziplin des Supply Chain Managements setzt SCF den Fokus auf die Optimierung von Finanzstrukturen und Geldflüssen. Ziel ist die Maximierung des Profits von einzelnen oder mehreren Unternehmen entlang einer Lieferkette. Grundvoraussetzung für die Nutzung von SCF ist die vorherige Umstellung der Rechnungsverarbeitung auf E-Invoicing. Erst die elektronische Verarbeitung von Rechnungsdaten und die Digitalisierung von Finanzprozessen macht die Nutzung von Supply-Chain-Finance-Ansätzen überhaupt möglich. Erkannt hat dieses Potenzial allerdings erst ein geringer Teil der Unternehmen: nur gut 15 Prozent der deutschen Unternehmen wickeln Rechnungen aktuell schon elektronisch ab.

Autor Marcus Laube, crossinx
Marcus Laube ist Gründer und Geschäftsführer von crossinx mit Sitz in Frankfurt am Main. Seit mehr als 15 Jahren widmet er sich der Entwicklung und Markteinführung innovativer B2B Internet Services für die elektronische Rechnungslegung und die Financial Supply Chain. Zuvor gründete Marcus Laube 1999 gemeinsam mit 3i, Lufthansa, Accenture und der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt als wissenschaftlichem Partner Seals.

SCF technisch umzusetzen

Ob Dynamic Discounting, Reverse Factoring, auktionsbasierte Rechnungsfinanzierung oder Purchasing Cards: Für jede Variante der Liquiditätsfreisetzung entlang der Lieferkette findet sich das passende Einsatzszenario. Welche Option die richtige ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Wie viel Geld wird gebraucht? Wie schnell wird es benötigt? Der jeweilige Anbieter steht bei der Wahl der passenden Lösung zur Seite. Allerdings ist keine dieser Optionen an sich wirklich neu. Revolutionär hingegen ist, dass die Umsetzung zunehmend digital erfolgt. Das vereinfacht den Einsatz im Tagesgeschäft für die Unternehmen enorm. Das Risiko für Banken dabei: Sie werden in ihrer Funktion als Intermediär zur Zwischenfinanzierung offener Forderung zunehmend überflüssig.

Doch nicht nur die Bandbreite möglicher Produkte macht es den FinTechs leicht, sich zunehmend Marktanteile zu sichern. Anders als Banken stellen sie zusätzlich die Anwenderfreundlichkeit in den Fokus. Dieser Ansatz ist eigentlich typisch für das B2C-Geschäft, gewinnt aber im B2B-Bereich immer mehr an Bedeutung.

Stillstand macht Banken wettbewerbsunfähig

Um sich nicht selbst überflüssig zu machen, ist es also höchste Zeit für deutsche Banken, aktiv zu werden. Dabei spielen ihnen zwei Faktoren in die Hände: Zum einen haben Banken Zugriff auf vergleichsweise große finanzielle Ressourcen, um die praktische Umsetzung der Digitalisierung voranzutreiben. Zum anderen hat der Großteil des deutschen Mittelstandes – Stand heute – die meisten FinTech-Unternehmen und ihre neuartigen Produkte noch gar nicht auf dem Radar. Sie sind als Kunden also noch zu „retten“. Entsprechend sollten Banken Konsequenzen aus der aktuellen Marktlage ziehen:

1. Im Zuge der Digitalisierung ist es nicht ausreichend, das Produktportfolio mit Apps und Online Banking zu ergänzen, Stichwort Horizonterweiterung. Banken müssen Geschäftsmodell und Produkte neu denken: nutzerfreundlich, innovativ und effizient.
2. Das volle Potenzial der Digitalisierung lässt sich in manchem Bereich nur durch Kooperation ausschöpfen. An vielen Stellen kommt eine enge Zusammenarbeit zwischen Banken und FinTechs zu fruchtbaren, profitablen Ergebnissen. Die Verbindung von unkonventionellem Denken und Flexibilität von FinTechs und den Erfahrungswerten und finanziellen Ressourcen der Banken fördert die Entwicklung innovativer Finanzprodukte.
3. Für langfristigen Erfolg und ein zeitgemäßes Geschäftsmodell ist eine ganzheitliche Digitalisierungsstrategie unumgänglich. Diese sollte gleichzeitig alle Kundenbedürfnisse adressieren und digitale Dienstleistungen und Produkte mit den internen Abläufen der Bank zusammenbringen.

Banken, die auf dem digitalen Auge blind bleiben und sich gegen die Marktentwicklungen sperren, schaufeln sich ihr eigenes Grab.“

Sie müssen mit der Zeit gehen und sich mit der Weiterentwicklung von Finanzprodukten auseinandersetzen. Nur wenn Finanzinstitute die technischen Möglichkeiten prüfen und ihre Strategie auf den gewonnenen Erkenntnissen aufbauen, sichern sie ihre Zukunft. Banken, die auf moderne, transparente Produkte setzen und ihren Kunden erstklassigen Service bieten, werden auch in Zukunft erfolgreich sein.

 
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