STRATEGIE8. Dezember 2020

apoBank-Migration (Teil 1): Die strategische Nach­betrachtung mit Vorstands­mitglied Eckhard Lüdering

Eckard Lüdering, Mitglied des Vorstands der apoBank
Eckard Lüdering, Mitglied des Vorstandsmitglied der apoBankapoBank

Die Apobank wagte Anfang Juni zusammen mit Avaloq die Kernbank-Migration – 30 Einzelsysteme, 200 weitere Systeme, RZ, Hardware, Telefonie – ein Mammut-Projekt. Es hakte mehr als erwartet. In der Nach­betrachtung eine große Chance, daraus zu lernen: In zwei exklusiven Interviews eröffnen Apobank und Avaloq dem IT Finanzmagazin die Hintergründe. Eckhard Lüdering, Vorstandsmitglied und Ressort Kredit und Bankbetrieb, wirft mit uns zunächst den Blick auf die strategische Seite der spannenden Migration.

Herr Lüdering, Anfang Juni wurde die apoBank auf das IT-System der Firma Avaloq migriert. Wie würden Sie die Migration und die ersten Tage im Echtbetrieb mit der neuen Anwendung beschreiben?

Wir haben nicht nur unsere IT mit 230 Subsystemen auf ein neues Kernbanksystem umgestellt. Wir haben auch unsere komplette technische Infrastruktur erneuert, d. h. die Rechenzentren, die in- und externen Netzwerke, die Arbeitsplätze mit den PCs Notebooks, die Drucker und die Telefonie.“

Daneben haben wir auch unsere Wertpapierplattform WP2 abgelöst und in der Avaloq-Lösung integriert – insgesamt also ein sehr komplexes Unterfangen. Die Umstellung war lange geplant und alle Ampeln standen auf grün. Wir waren überzeugt, nach dem Pfingstwochenende ein performantes System mit einigen zu erwartenden Kinderkrankheiten zu haben. Trotz sorgfältiger Vorbereitung und vieler Tests ist es dann allerdings in den ersten Tagen und Wochen nach der Umstellung zu erheblichen Schwierigkeiten für unsere Kunden gekommen. Es gab verschiedene unvorhersehbare Probleme und nicht alle Funktionen des neuen Systems liefen fehlerfrei. Viele Fehler und Einschränkungen haben wir mittlerweile behoben.

Vor genau acht Jahren haben Sie die Bank vom KORDOBA-Verfahren auf das Anwendungssystem Bank21 der damaligen GAD überführt. Was waren die Gründe und wichtigsten Faktoren, warum Sie sich am Ende eines erneuten sehr intensiven und sicher komplexen Auswahlprozesses jetzt für Avaloq und gegen den Verbleib in der genossenschaftlichen IT-Landschaft bei der Fiducia-GAD und damit gegen agree21 entschieden?

Als Spezialinstitut im Gesundheitswesen haben wir auch spezifische Anforderungen an die IT. Zum einen, weil wir ein Spezialinstitut sind, das sich auf den Gesundheitsmarkt fokussiert, zum anderen, weil wir – neben DZ BANK und Münchener Hypothekenbank – unter den Volksbanken und Raiffeisenbanken die einzige Bank sind, die durch die EZB beaufsichtigt wird.

Das bringt mit sich, dass wir ein deutlich höheres Maß an Regulatorik in unserer IT umsetzen müssen. Zudem war Flexibilität ein wichtiges Kriterium für die Entscheidung: Künftig wollen wir in der Lage sein, mittels flexibler Schnittstellen zu FinTechs oder HealthTechs neue Angebote für Heilberufler zu entwickeln.“

Fiducia Gad spricht mit agree21 dagegen vor allem Volksbanken an, die mitunter andere Anforderungen an ihr IT-System stellen als wir. Daher haben wir uns 2017 nach einem umfassenden Auswahlverfahren für Avaloq und DXC als zukünftige Provider entschieden.

Können Sie uns in groben Zügen beschreiben, welche speziellen Funktionalitäten und Komponenten für die apoBank in der neuen Anwendungslandschaft besonders wichtig und unverzichtbar sind?

Eckhard Lüdering, Vorstand apoBank

Nach der Ausbildung zum Bankkaufmann und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre begann Eckhard Lüdering seine berufliche Karriere bei der Dresdner Bank in den Bereichen Kreditgeschäft und IT-Projekte. 1992 übernahm er leitende Positionen im Kreditgeschäft der ABN Amro Bank Deutschland. Als stellvertretender Bereichsleiter der Zentralen Kreditsteuerung kam Lüdering 2000 zur apoBank. Ab 2005 leitete er den Bereich Privatkunden Kreditgeschäft/Grundsatzfragen. Mitte 2009 übernahm er auch die Zuständigkeit für die Regionale Kreditsteuerung. Ab Ende 2010 leitete er das Ressort Risiko. Seit dem 8. April 2011 ist Lüdering, geboren am 20. Mai 1960, Mitglied des Vorstands der apoBank (Website).

Die Flexibilität habe ich eben schon angesprochen. Für uns war besonders die offene Architektur wichtig, damit wir spezifische Kundenlösungen direkt an das Kernbanksystem andocken können. Da wir in der Vermögensberatung weiter wachsen wollen, ist es zudem unverzichtbar, dass die Funktionalitäten rund um das Wertpapiergeschäft optimal im System integriert sind.

Einen weiteren Vorteil sehe ich in einer deutlich zentraleren Datenhaltung, da wir rund 30 Einzelsysteme in Avaloq zusammengeführt haben.“

Sicher hat auch die Frage der Wirtschaftlichkeit und Zukunftsfähigkeit bei Ihrer Entscheidung eine Rolle gespielt. Es war zu lesen, dass der Wechsel auf den neuen Anbieter einen größeren dreistelligen Millionenbetrag gekostet habe. Wie und wann werden sich diese Aufwendungen amortisiert haben?

Migrieren mussten wir in jedem Fall, da die Fiducia & GAD unser damaliges System bank21 abgekündigt hat. Rein auf eine Amortisation zu setzen, ist hier nicht die einzige Sicht.“

Vielmehr müssen wir die Investitionen mit den Kosten für alternativen Lösungen vergleichen. Aus dem Business Case, den wir aufgestellt haben, ergaben sich keine spezifischen Nachteile für die Lösung mit Avaloq und DXC.

Innerhalb der genossenschaftlichen Gruppe bekommt das Thema „Konsolidierung und Konzentration“ eine immer größere Bedeutung und muss gerade vor dem Hintergrund der Digitalisierungsherausforderungen der Zukunft möglicherweise noch stärker fokussiert werden. Wie passt dazu die Entscheidung der apoBank, zumindest bezogen auf die IT-Konsolidierungsanstrengungen einen eigenen Weg einzuschlagen?

Da, wo es passt, ist eine Konsolidierung ohne Zweifel sinnvoll. Allerdings sind die Anforderungen an die IT gerade bei sehr individuellen Geschäftsmodellen oft nicht mit zentralisierten Lösungen umsetzbar.“

Die Angehörigen der Heilberufe haben besondere Bedürfnisse, die wir als Bank der Gesundheit mit besonderen Angeboten erfüllen wollen.

Wie unterstützt Ihr neuer IT-Dienstleister Ihren Weg in eine verstärkte Digitalisierung und gibt es möglicherweise auch Verbindungen bzw. Brücken zur IT-Landschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, die ja von der Fiducia-GAD bereitgestellt wird.

Ich erwarte mir vor allem für unsere Digitalisierung wichtige Impulse von unserem IT-Dienstleister DXC als globaler Konzern, der für Technologie und Innovation steht, und auch von Avaloq mit seiner internationalen Community, die ebenfalls auf Innovationen ausgerichtet ist.“

Unabhängig davon, dass wir heute ein anderes Kernbanksystem haben, stehen wir auch mit allen Beteiligten innerhalb unseres genossenschaftlichen Verbunds in einem guten und konstruktiven Austausch, insbesondere zu Zukunfts- und Zusammenarbeitsthemen. Immer dann, wenn wir neue Lösungen suchen, schauen wir uns an, ob es Lösungen aus der IT-Landschaft der Volksbanken und Raiffeisenbanken gibt, die für unsere jeweiligen Anforderungen in Betracht kommen.

Neben dem Corebanking-System von Avaloq nutzen Sie eine Reihe von eigenen Anwendungen bzw. Satellitensystemen. Wie wurde die Integration bzw. das Zusammenspiel realisiert?

Wie in einer Bankeninfrastruktur üblich, haben wir die eigenen Anwendungen bzw. Satellitensysteme über Schnittstellen an das Avaloq-System angebunden.

In Summe waren das rund 200 Systeme, die auf verschiedenste Weise miteinander verknüpft sind. Dadurch entsteht ein umfangreiches Netz an Verbindungen unter den Systemen. Wenn man sich das bildlich vorstellt, dann bekommt man einen guten Eindruck über die Komplexität einer Banken-IT.“

In welchem Rahmen sollen bzw. können sich durch eine Ausweitung des Anwenderkreises der Avaloq-Plattform Skalierungsvorteile für die apoBank ergeben?

Gerade bei Themen, bei denen es für Banken ähnliche Anforderungen gibt, kommt das in Betracht. Ein gutes Beispiel dafür ist die Regulatorik und hier insbesondere der Blick auf Europa. Angenommen Avaloq gewinnt weitere Kunden aus dem deutschen Bankenmarkt hinzu, könnten sich auch bei nationalen regulatorischen Anforderungen weitere Effizienzvorteile ergeben.

Wie ist die weitere Projektzusammenarbeit mit Ihrem neuen IT-Partner konkret geplant und in welcher Form und mit welchem Gewicht können Sie Ihre neuen Anforderungen zukünftig einbringen?

Unser Vertragsverhältnis ist auf eine langfristige und partnerschaftliche Zusammenarbeit ausgelegt.

Das Besondere am Avaloq-System ist, dass es eine kundenindividuelle Parametrisierung erlaubt. Das heißt, wir werden eigene Lösungen realisieren und an das Kernbanksystem anbinden können.“

Ziel war es, dass wir mit dem neuen System in der Lage sind, neue Angebote zu entwickeln, die ganz auf die speziellen Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden einzahlen. Das Avaloq-System ist hierfür die Basis. Themenbezogen werden wir jeweils Make-or-Buy-Entscheidungen treffen.

Seit langem sind IT und Digitalisierung aus dem Bankenumfeld nicht mehr wegzudenken. Wenn Sie die apoBank von heute gedanklich in das Jahr 2025 oder sogar 2030 überführen, wie hat sich Ihr Geschäftsmodell dann verändert und welche Rolle und Bedeutung spielt auf dem Weg dahin die IT-Unterstützung?

Das Geschäftsmodell wird auf jeden Fall technologischer.“

Der Kunde hat den Anspruch, für viele Themen einfache digitale Kanäle und Self-Service-Kanäle zu nutzen.

Die IT nimmt hier eine bedeutende Rolle ein, um diese Kanäle bereitzustellen. Insofern ist der Begriff „IT-Unterstützung“ gar nicht mehr zeitgemäß.“

Der Anspruch und der Stellenwert an die IT wächst rasant. Ich möchte behaupten, es gibt fast kein Projekt, das ohne IT auskommt. Fakt ist, dass die Grenzen zwischen den Fachkenntnissen in den Bereichen und der IT-Umsetzung immer mehr verschwimmen.

Das bringt auch mit sich, dass die Zusammenarbeit interdisziplinärer wird. Die digitale Kompetenz muss nicht nur zentral in einem Bereich, sondern auch in allen fachlichen Themen verankert sein. Hinzu kommt, dass wir als Bank überlegen müssen, an welcher Stelle wir Standardlösungen und wo wir spezielle Lösungen anbieten, die uns dann auch im Wettbewerb von anderen Häusern unterscheiden.

Unsere Ressourcen müssen wir genau da einsetzen, wo wir an der Schnittstelle zum Kunden vom Wettbewerb differenzieren. Auf uns übertragen heißt das, dass wir unseren Kunden passgenau Lösungen anbieten, die er braucht und die ihn in seiner heilberuflichen Berufsausübung unterstützen.

Herr Lüdering, vielen herzlichen Dank für das Interview.aj

Mehr zum technischen Teil der Migration finden Sie im Beitrag:
„apoBank-Migration (Teil 2): Die technische Nach­betrachtung mit Karl im Brahm von Avaloq“

 
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