INTERVIEW8. Dezember 2020

apoBank-Migration (Teil 2): Die technische Nach­betrachtung mit Karl im Brahm von Avaloq

Karl im Brahm, CEO Avaloq Sourcing
Karl im Brahm, CEO Avaloq Sourcing (Europe)Avaloq

Die apoBank-Migration war die maximale Schwierigkeit, die eine Migration bieten kann –quasi der Endgegner für einen IT-Umzug samt Kernbank. Im ersten Teil (mit Eckhard Lüdering, Vorstandsmitglied) haben wir den Blick auf die strategischen Hintergründe geworfen. Nun nimmt uns Karl im Brahm, CEO der Avaloq Sourcing (Europe) und Head of Germany der Avaloq Gruppe, mit auf die technische Seite der Bank-Migration.

Herr im Brahm, ich habe gehört, dass die apoBank nicht nur ihre Kernbankenlösung auf das Avaloq-System migriert haben soll, sondern gleichzeitig auch ein paar weitere Systeme migriert wurden. Was genau war das?

Die apoBank hat in der Tat nicht nur ihr Kernbankensystem migriert, sondern gleichzeitig ihre komplette technische Infrastruktur umgestellt, von ihren Netzwerken über die PC- und Notebook-Arbeitsplätze bis hin zur Haustechnik.

Es gab also neben einer bankfachlichen Migration auch eine Migration des Rechenzentrumsbetriebs. Insgesamt waren da 230 Subsysteme umzuziehen sowie die komplette Hardware.“

230 Subsysteme und die gesamte Hardware? Inwiefern hat diese Komplexität Ihre Projektplanung beeinflusst und worauf mussten Sie dabei besonders achten?

Vor der großen Migration über das diesjährige Pfingstwochenende haben wir fast ein Dreivierteljahr lang Migrationstests und Dress Rehearsals durchgeführt.

Wegen der Corona-Situation fanden diese Dress Rehearsals sowie die eigentliche Umstellung am Pfingstwochenende komplett remote statt.“

Wir konnten allerdings gut mit dieser logistischen Herausforderung umgehen und haben uns schnell an die speziellen Umstände angepasst. Bei einem solch komplexen Projekt sind eine hohe Flexibilität und ein koordiniertes Vorgehen mit den verschiedensten involvierten Parteien absolut entscheidend.

Anlässlich der IT-Migration hat Avaloq auch die Wertpapierabwicklung der apoBank übernommen. Worin bestand aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung bei diesem Outsourcing?

Wir haben uns auf diese Business Process as a Service (BPaaS)-Leistungen in einem Transformationsprojekt gründlich vorbereitet. Das Düsseldorfer BPaaS-Team, das diese Aufgabe übernehmen sollte, wurde dabei von erfahrenen Avaloq-Teams geschult. Leider galt zu dieser Zeit für alle Beteiligten Homeoffice-Pflicht. Unsere internationalen Spezialisten für die Wertpapierabwicklung konnten also nicht direkt vor Ort sein, wie sie es im Normalfall gewesen wären. Darum sind wir besonders zufrieden, dass die Wertpapierabwicklung jetzt so gut funktioniert.

Ist die Migration mittlerweile vollständig abgeschlossen?

Ja, es gibt einen flächendeckenden Betrieb. Wir sind jetzt in einer Stabilisierungsphase, in der es nur noch darum geht, letzte Fehler zu beheben.“

Andererseits war es das Ziel der apoBank, nach der Migration auch regulatorische Themen zu adressieren und neue digitale Angebote und Self-Service-Kanäle zu offerieren. Diese Projekte laufen jetzt schon. Die apoBank setzt bereits mehr und mehr Regulationsthemen um, und die bankfachlichen Projekte für neue digitale Services haben auch schon begonnen.

Karl im Brahm, CEO Avaloq Sourcing
Avaloq

Digitalisierung wird ja nicht allein dadurch erfolgreich, dass eine Bank ein neues Kernbankensystem einführt, sondern auch dadurch, dass sie sich dessen Flexibilität und Innovationsoffenheit zunutze macht. Dauerhaft.“

Was würden Sie bei einem ähnlichen Projekt in Zukunft anders machen?

Ich hatte es schon angesprochen; aufgrund der speziellen Rahmenbedingungen wurde dieses ohnehin schon sehr anspruchsvolle Projekt noch komplexer gestaltet.

Wir haben daraus die Erkenntnis gewonnen, dass man die Komplexität niemals unterschätzen sollte, und dabei die Zusammenhänge zwischen technischen und bankfachlichen Aspekten der Migration stets kritisch in Betracht ziehen muss.“

Gibt es spezifische Erkenntnisse, die Sie hervorheben möchten?

Im Grunde führt einem jedes Migrationsprojekt wieder dasselbe vor Augen: Die Migration des Kernbankensystems ist ein Projekt, das die gesamte Organisation durchdringt. Diese Erfahrung bestätigt sich immer wieder. Deswegen ist eine gute Zusammenarbeit im Team entscheidend. Bank und Dienstleister müssen dieselbe Sprache sprechen. Auch das entsprechende Engagement des Vorstands ist unverzichtbar, denn ein Core Banking System hat eine große strategische Relevanz für die ganze Bank.

Herr im Brahm, wenn wir ein wenig in die Zukunft schauen, die Migration der apoBank kann sicher auch als eine Art Blaupause für die Migration weiterer Finanzinstitute gesehen werden. Welche Strategie verfolgen Sie künftig?

Auch wenn wir bei Avaloq ursprünglich mit unseren Lösungen für das Wealth Management groß geworden sind, haben wir uns inzwischen auch schon in etlichen Universal Banking-Projekten bewiesen. Ein wichtiger Grund, sich für Avaloq zu entscheiden, ist die Effizienzsteigerung. Unter den Bedingungen der Pandemie ist dieser Aspekt für Finanzinstitute sogar noch bedeutsamer geworden. Gerade in Deutschland beobachten wir darum eine starke Nachfrage nach der Kombination aus unseren Systemen und unseren BPaaS-Angeboten.

Wenn Sie den Markt Ihrer Mitbewerber sehen, wie würden Sie die Vorteile von Avaloq gegenüber anderen Anbietern beschreiben?

Karl im Brahm, CEO der Avaloq Sourcing
Karl im Brahm ist CEO der Avaloq Sourcing (Europe) und verantwortet als Head of Germany die Aktivitäten der Avaloq Gruppe (Website) im deutschen Markt. Er ist ein strategischer Vordenker und Netzwerker im Transactionbanking und verfügt über weitreichende Erfahrungen in den Bereichen Vertrieb, Kundenmanagement und Business Development. Karl im Brahm war unter anderem Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung der Deutschen Postbank sowie Mitglied des Vorstands bei der S Broker & Co. KG und der Deutschen WertpapierService Bank. Bevor er 2018 als Vorstandsvorsitzender der Avaloq Sourcing (Europe) zu Avaloq wechselte, hatte er als CEO einer Beratungsgesellschaft diverse Mandate für Digitalisierungs- und Vertriebsprojekte bei verschiedenen deutschen Großbanken inne.

Vor allem begreifen wir uns nicht als reiner Softwarehersteller. Aus unserer Sicht ist es ein immenser Vorteil, dass wir gleichzeitig über das bankfachliche Know-how verfügen. Ob eine Bank unser System lieber per SaaS-Modell oder on-premises betreibt – besonders attraktiv wirkt derzeit immer die Kombination mit unserem BPaaS-Angebot.

Die Nachfrage nach BPaaS ist enorm, was übrigens auch für große Institute gilt.“

Wir wissen eben sowohl, wie man Software entwickelt, als auch, wie man damit umgeht. Darum können wir unsere Kunden umfassend beraten: bankfachlich ebenso wie in Sachen IT-Betrieb. Hinzu kommt noch unser umfassendes Angebot an digitalen Spezialfunktionen.

Im Oktober berichteten wir, dass Avaloq vom japanischen Elektronikunternehmen NEC übernommen wurde (mehr dazu hier). Das Geschäft soll im kommenden April abgeschlossen werden. Welchen Einfluss hat diese Transaktion auf Ihre Zielsetzungen im deutschen bzw. europäischen Bankenmarkt und wie muss man sich die Wachstumsstrategie von NEC im Bereich der Finanzsoftware generell vorstellen?

NEC ist natürlich ein denkbar starker Partner für uns. Die NEC Corporation kommt selbst aus der IT und will nun ihr Know-how im Finanzbusiness ausbauen. Dahinter steht eine langfristige Strategie. Zudem teilen wir eine gemeinsame Vision. Als Teil von NEC wird Avaloq seine Innovationstätigkeit noch beschleunigen.

So verfügt NEC unter anderem über ein etabliertes Forschungszentrum in Heidelberg, zu dem wir nun Zugang erhalten, um zukünftige Trends so früh wie möglich zu antizipieren.“

Dank der starken globalen Präsenz von NEC haben wir künftig sicherlich auch einen gewissen Vorteil beim Eintritt in für uns noch neue Märkte. Zusammen mit NEC startet Avaloq in die nächste Wachstumsphase. Davon wird auch der deutsche Markt profitieren.

Herr im Brahm, herzlichen Dank für das Interview.aj

 
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