STRATEGIE23. September 2018

Die Bank als Plattform? Zu viele Missing Links …

Bank als Plattform? Ein Irrtum ...
diBronzino/bigstock.com

Nachdem führende Vertreter der Finanzbranche sowie diverse Beratungshäuser jahrelang die Bedrohung des Geschäftsmodells der Banken durch die großen Internetkonzerne entweder ignoriert oder klein geredet haben, glauben sie nun, die Zeit sei gekommen, die Bank in eine digitale Plattform zu transformieren – um damit Google & Co. Paroli bieten zu können. Dabei wird leider übersehen, dass einige wichtige Elemente fehlen, um die Vision in der gewünschten Weise Realität werden zu lassen.

von Ralf Keuper

Das Organisationsmodell der (digitalen) Plattform ist ein relativ neues Phänomen. Parallelen in der Wirtschaftsgeschichte finden sich in Form der Konglomerate, Konzerne also, die sowohl horizontal wie auch vertikal organisiert waren, wie General Electric, der Stinnes-Konzern der 1920er Jahre oder die japanischen Keiretsu. Noch heute werden Konglomerate an der Börse mit einem Abschlag bewertet.

Erst Amazon, Alibaba und Apple haben zu einem Wandel geführt. Heute sind die Plattform-Unternehmen die mit Abstand höchst bewerteten Unternehmen an der Börse.“

Sie schaffen es, sowohl Skalen- als auch Synergieeffekte zu realisieren. Dieser Spagat gelingt ihnen vor allem wegen ihrer Expertise in der Softwareentwicklung. Produkte wie auch Dienstleistungen sind in den letzten Jahrzehnten informationsintensiver geworden. Die Software ist die Lingua Franca, die Dienstleistungen und Produkte miteinander verbindet. So ist es möglich geworden, Software, Hardware und Logistik aus einer Hand anzubieten und Branchen ins Visier zu nehmen, die bislang durch hohe Markteintrittsbarrieren geschützt waren. Das bekommen die Banken zunehmend zu spüren.

Autor Ralf Keuper, Bankstil
Ralf Keuper ist Bank- und Di­plom­kauf­mann und seit rund 15 Jah­ren in ver­schie­de­nen Po­si­tio­nen be­ra­tend im Ban­ken­um­feld tä­tig. Er be­rät Ban­ken bei der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on so­wie Fin­Techs bei ih­rem Markt­ein­tritt. Ke­u­per hat un­ter an­de­rem als Se­ni­or Con­sul­tant Ban­king bei der COR&FJA AG und Se­ni­or Con­sul­tant Ban­king & Fi­nan­cing bei Ste­ria Mum­mert Con­sul­ting AG ge­ar­bei­tet. Er kom­men­tiert auf sei­nem Blog Identity Economy die Ent­wick­lun­gen in den Be­rei­chen In­dus­trie 4.0, In­ter­net of Things (IoT) und Di­gi­ta­le Iden­ti­tä­ten, die gro­ße Aus­wir­kun­gen auf das Ban­king ha­ben. Mehr noch: Ban­king wird Teil der Da­ten- und Platt­formöko­no­mie. In ver­schie­de­nen Beiträgen und Veranstaltungen hat er dazu Position bezogen. Alle Beiträge von Ralf Keuper finden Sie hier.

Soll / Ist-Vergleich

Wie eingangs erwähnt, wollen die Banken wie die Deutsche Bank den Herausforderern Amazon & Co. ihr Geschäft nicht kampflos überlassen. Mit eigenen digitalen Marktplätzen oder Finanzplattformen will man eine echte Alternative zu den großen Internetkonzernen bilden. Als Vorteil erweist sich dabei ausgerechnet die ansonsten so oft gescholtene Regulierung. Die Banken nehmen an, dass sie in bestimmten Fragen wie beim Datenschutz bei den Kunden größeres Vertrauen besitzen als die Internetkonzerne. Gerne verweisen die Banken auf ihre große Kundenbasis. Künftig soll die App, und nicht mehr das Girokonto, die Beziehung zum Kunden prägen. Die Bank als Trusted Advisor, als Kurator der Kunden, die für die Einhaltung der Qualitätsmaßstäbe bei Anbietern und deren Produkte und Dienstleistungen zuständig ist. Ein Szenario, das gar nicht mal so abwegig ist. Einer der Ersten, der dieses Bild einer modernen Bank entwarf, war übrigens Jürgen Ponto, der ähnliche Gedanken vor mehr als vierzig Jahren äußerte.

Plattform: GAP-Analyse

So schön und eventuell auch wünschenswert dieses Szenario ist, es hat einige Defizite, die sich kurz- und mittelfristig kaum beheben lassen. Die Banken verdankten ihre herausgehobene Stellung in der Wirtschaft dem Umstand, dass sie von allen Akteuren über den größten und aussagekräftigsten Informationsstand verfügten – das ist vorbei.

Google, Amazon, Alibaba, Apple und Facebook können auf einen deutlich größeren Daten- und Informationsstand zugreifen als die Banken. Die Banken stützten sich überwiegend auf historische Daten, während die Internetkonzerne Zugang zu Verhaltens-, Bezahl- und Geodaten haben.“

Sie sind also schon zeitlich den Banken immer mindestens einen Schritt voraus. Damit nicht genug: Die Internetkonzerne kontrollieren die Zugangswege im Internet: Wer die Endkunden im Netz erreichen will, kommt nicht an der Hardware (Smartphone, Tablet PC), Software (mobile Betriebssysteme) und den sozialen Netzwerken (Facebook, Twitter, Alipay, WeChat) vorbei, die sich allesamt in den Händen der großen Internetkonzerne befinden. Jede App der Banken braucht das offizielle OK von Apple und anderen. Die Kundenbasis von Facebook, Apple, Google, Amazon & Co. braucht sicherlich nicht den Vergleich mit den Banken zu scheuen. Die Kunden unterhalten sowohl zu Google & Co. als auch zu den Banken Geschäftsbeziehungen.

Insofern geht der Hinweis, die Banken könnten als Vorteil ihre große Kundenbasis in die Waagschale werfen, am eigentlichen Thema bzw. Problem vorbei. Wäre es anders, dann müsste sich paydirekt vor Zulauf nicht mehr retten können.“

digitalista/bigstock.com

Ein weiteres Manko, ein zusätzlicher Missing Link, ist die Tatsache, dass die Banken es nicht geschafft haben, sich in wichtigen Bereichen auf einheitliche Standards zu einigen, wie das noch bei HBCI der Fall war. Das gilt besonders für die digitalen Identitäten. Hier hätte die Möglichkeit bestanden, verlorengegangenes Terrain über einen gemeinsamen Standard (eventuell über paydirekt) zurückzuerobern; das wäre insbesondere mit Blick auf die Wachstumsfelder IoT und Industrie 4.0 von strategisch hoher Bedeutung gewesen. Dieses Feld wird bereits von Microsoft, Amazon, Samsung und Google beackert.

Wer Stand heute als digitale Plattform eine maßgebliche Rolle spielen und relevante Netzwerkeffekte erzielen will, braucht dazu ein Mindestmaß an digitaler Souveränität. Um die vorhandene Lücke zu schließen, müssten die Banken eigene Betriebssysteme, Smartphones oder andere Endgeräte herstellen, die Logistik übernehmen, eigene soziale Netzwerke und Standards aus der Taufe heben und parallel dazu noch Konkurrenzprodukte zu AWS und Azure entwickeln – ganz zu schweigen von den Applikationen der Künstlichen Intelligenz wie auch von den Sprachassistenzsystemen. Ein unrealistisches Szenario.

Bleibt bis auf weiteres eigentlich nur noch die Zulieferrolle

Einige Banken, wie die ING, bevorzugen das Pipeline-Modell. Auch in einer von Plattform-Unternehmen dominierten Wirtschaft gebe es noch Lücken, die von sog. Pipeline-Unternehmen geschlossen bzw. adressiert werden. Mischformen sind denkbar, d.h. ein Unternehmen kann sowohl das Geschäftsmodell einer Plattform wie auch das einer Pipeline anwenden – wie Apple.

For example, Apple still has the design and assembly of the iPhone operating under a pipeline model, while having the iOS platform that links app users to developers (in: Platforms: Bigger, Faster, Stronger).“

Indes: Das Produkt der Banken besteht im Kern aus Informationen. Über den Erfolg einer Bank entscheidet die Qualität der Informationen, aus denen sich die Produkte und Services zusammensetzen. Was wollen, was können die Banken darüber hinaus noch an Informationen bereitstellen, die andere nicht schon längst besitzen oder in kürzerer Zeit und im größeren Umfang liefern können? Da bleibt eigentlich nur die Rolle als Zulieferer von Transaktions-, Bonitäts- und Identitätsdaten – und selbst hier schmilzt der Vorsprung dahin.

pixabay.com/2521728

Neue Organisationsformen, Infrastrukturen und Rollenmodelle

Wenn die Banken erfolgreich mit den digitalen Plattformen konkurrieren wollen, wird das kaum durch den Einsatz neuer Technologien gelingen. Eher durch die Entwicklung neuer Organisationsmodelle, die eine echte Alternative bilden – wie die Genossenschaftsbank 4.0. Gefragt sind soziale Innovationen. Ebenso nötig sind neue Rollenmodelle: Trusted Advisor, Kurator, Identity Banks, Datengenossenschaften etc.

Begleitet werden sollte das durch den Aufbau neuer, dezentralerer Infrastrukturen, die ein Gegengewicht zu den großen Plattformen bilden. Unter den gegebenen Markt- und Machtstrukturen jedenfalls sind die Erfolgschancen, die Plattformen mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen, sehr überschaubar.

Die Zahl der Missing Links ist zu groß.“ Ralf Keuper

 
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