STRATEGIE15. Oktober 2019

Banking – Das Rennen um die digitalen Megatrends ist noch nicht entschieden

Sieht Megatrends: Prof. Dr. Joachim Wuermeling
Prof. Dr. Joachim Wuermeling Bert Bostelmann

Beim 13. regulatorischen Symposium – MiFID-Kongress der Börse Stuttgart sprach Prof. Dr. Joachim Wuermeling, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, über Megatrends der Digitalisierung. Die digitale Transformation der deutschen Finanzbranche ist kein fernes Zukunftsszenario, sondern sie passiert jetzt. Doch welches sind die Megatrends, an denen man sich auszurichten hat? Wie verändert sich unser Finanzsystem perspektivisch? Was bedeutet das für Aufsicht und Regulierung? Eine Zusammenfassung seiner Rede.

von Professor Dr. Joachim Wuermeling, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank

Es gibt Trends, die durch die Verfügbarkeit hochentwickelter Technologien entstehen. Dazu gehören Stichwörter wie „Big Data“, „Automation“,  „Machine Learning“ oder auch Krypto-Token. Die Überlegenheit von Computern in puncto Schnelligkeit und Zuverlässigkeit bedeutet aber nicht automatisch, dass sie überall einsetzbar und überlegen sind. Es geht darum, sinnvolle konkrete Einsatzgebiete („use cases“) für neue Technologien zu finden.

Die Digitalisierung ermöglicht neue Geschäftsmodelle, die nicht selten zu Megatrends werden. Dazu zählen beispielsweise ‚banking as a plattform‘; also die Strategie, zum Ökosystem für Finanzdienstleistungen zu werden, und das sogenannte ‚Unbundling‘ von Finanzdienstleistungen, wie wir es aus dem Open-Banking-Kontext via APIs kennen. Ebenso sollte man hier den möglichen Einstieg von großen Technologiekonzernen – den Big-Techs – in den Finanzdienstleistungssektor erwähnen.

Bisher scheinen die Ambitionen der BigTechs hierzulande auf einzelne, nicht regulierte Dienstleistungen im mobilen Zahlungsverkehr und als Cloud-Dienstleister begrenzt. Gleichzeitig haben sie eine enorme Kundenbasis, technologisches Knowhow und finanzielle Ausdauer als Voraussetzungen, um disruptiv in Finanzdienstleistungsbereiche einzudringen. Was man den Big-Techs an Disruption zutraut, zeigt sich zum Beispiel an den Reaktionen auf Facebooks Pläne zu „Libra“.

Aus meiner Sicht wäre eine Verbotsstrategie bei Krypto-Währungen zu kurz gesprungen, um global fungiblen Anwendungen und Produkten zu begegnen. Vielmehr müssen dafür regulatorische Strategien entwickelt werden, die dem weltumspannenden und dem Plattformcharakter solcher Konzepte gerecht werden, z.B. internationale, interdisziplinäre Aufsichtskollegien.

Ein weiterer Megatrend ist die Dynamisierung der Sektorentwicklung. Die Wucht der Veränderung lässt sich bislang kaum abschätzen. Die Zukunft ist also nicht entschieden. Eine Entwicklung kann die nächste auslösen. Mit jeder erfolgreichen Innovation im Finanzsektor verändern sich ein Stück weit die ökonomischen Gesetze des Finanzsektors.

Der Umbruch im Finanzsektor kann noch länger andauern und dabei auch weitergehen, als heute manche Analyse und auch manche Phantasie reicht.“

Digitalisierung im deutschen Bankwesen

Zunächst einmal war die digitale Disruption in Deutschland weniger dramatisch. Frontalangriffe durch neue Unternehmen sind die Ausnahme geblieben, das Verhältnis zwischen etablierten und neuen Unternehmen ist oft kooperativ oder auch komplementär. FinTechs haben in einigen Fällen  Nischen gefunden und besetzt.

Ganz anders sieht das in anderen Teilen der Welt aus, etwa in Asien oder in Afrika, wo gar keine analoge Bankenwelt mehr entsteht und gleich in das digitale Finanzzeitalter eingestiegen wird.

Mittlerweile hat auch den deutschen Sektor eine wuchtige Innovationswelle erfasst. Sie ist mindestens genauso stark von Innen- wie von Außenkräften getrieben. Im internationane Vergleichkann sich der deutsche Sektor hier durchaus sehen lassen. Das deutsche Tüftler-Gen übersetzt sich gerade erfolgreich ins Digitale, auch im Finanzbereich.

Die Neuerungen haben längst den sichtbaren Bereich des Frontends verlassen und sind in das Herz des Bankbetriebs vorgedrungen. So schreitet die Digitalisierung auch in den risikorelevanten Funktionen wie Finanzanalyse, Banksteuerung, Risikomanagement, dem Kreditprozess etc. voran.

Algorithmen, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen kämpfen sich unaufhaltsam in den Maschinenraum des Bankgeschäfts vor. Dabei können die Banken all dies nicht immer selbst und in der eigenen IT umsetzen. Deshalb lagern sie Dienstleistungen an Dritte aus, ja lassen ganze Anwendungen in der Cloud laufen. So wird die Wertschöpfungskette mehr und mehr fragmentiert und automatisiert. Damit einhergehend werden die Produkte standardisiert und zugleich individuell anpassbar.

Banken werden zunehmend zum „Assembler“ von einzelnen digitalen Elementen des eigentlichen Finanzprodukts und zum Tech-Unternehmen.

Es gibt jedoch Hindernisse bei der Digitalisierung. IT-Altlasten behindern die Innovation. Disruption reibt sich an Tradition. Belegschaften fehlt digitale Kompetenz. Digitale Risiken werden nicht rechtzeitig bedacht.

Aufsicht und Regulierung als „Enabler“

Wir als Aufseher wollen Innovation nicht im Weg stehen. Schließlich ist es auch in unserem Sinne, wenn Innovation zu besseren Dienstleistungen, besserer Risikosteuerung oder auch geringeren Verwaltungskosten führt.

Digitale Megatrends berühren uns auch direkt. Zumal diese Megatrends mit schwerwiegenden Risiken einhergehen, die für die Aufsicht besondere Relevanz haben. Aber auch darüber hinaus müssen Aufseher neueste Entwicklungen verstehen und sinnvoll einordnen.

Die Digitalisierung fordert also auch uns als Aufseher auf breiter Front. Ich halte die Digitalisierung für die größte Herausforderung für die Bankenaufsicht seit der Finanzkrise.“

Wir müssen vielfältige neue Risiken in den Blick nehmen. Digitale Risiken haben einen völlig anderen Charakter als die klassischen Risiken wie Eigenkapital, Liquidität oder Risikomanagement.

Hier geht es etwa um technische Risiken, den Einsatz von Algorithmen und künstlicher Intelligenz. Oder es geht um digitale Produkte wie Krypto-Token und Robo-Adviser oder um die Abwicklung von Finanztransaktionen über Distributed-Ledger-Technologien wie Blockchain.

Deshalb haben wir – auch gemeinsam mit der BaFin – vielfältige Aktivitäten ergriffen, etwa eine neue Einheit für digitale Risiken geschaffen, eine Kontaktstelle zu FinTechs in Berlin geschaffen, oder sind dem Tech¬Quartier in Frankfurt beigetreten. Zugleich treiben wir die Arbeit an digitalen Themen im europäischen und internationalen Umfeld wie dem SSM und dem Baseler für Bankenaufsicht voran und engagieren uns dort.

Regulatorik: Transformation mitgestalten

Banken und Aufsicht verbindet nicht nur die digitale Transformation an sich, sondern auch der regulatorische Rahmen. Megatrends können nur unter geänderten Rahmen-bedingungen florieren. So kann ein kryptotoken-basiertes Wertpapier nicht ohne den entsprechenden rechtlichen Rahmen seine volle Funktionalität entfalten.

Wenn sich das Spielfeld ändert, steht die Frage im Raum, ob wir auch die Spielregeln ändern müssen. Dass Regeln für das digitale Zeitalter im Finanzwesen nicht „auf Knopf-druck“ entstehen, liegt nicht an einer Lethargie der Regulierer. Entscheidender ist die Tatsache, dass mit Regulierung viele unterschiedliche Interessen verbunden sind: Innovationsfreundlichkeit, Erhalt der gegenwärtigen Rechtsordnung, Verringerung der Komplexität des Regelwerks. Nicht alle Interessen lassen sich zu 100% erreichen, ohne bei anderen Zielen Abstriche zu machen. Wir können aber frühzeitig den Austausch zwischen allen Stakeholdern suchen und dann auf Basis konstruktiver und konkreter Vorschläge weiterarbeiten.

Als Bundesbank möchten wir auch selbst einen konstruktiven Beitrag in der Debatte um Regulatorik leisten. Dabei lassen wir uns von drei Prinzipien leiten: Innovationsoffenheit, Technologieneutralität und Marktneutralität. Als drei zentrale Handlungsfelder sehen wir: Beherrschung digitaler Risiken, Gewährleistung eines Level-playing Field mit Nichtbanken sowie Abbau regulatorischer Hindernisse für Digitalisierung.“

Ein Thema für die kommenden Jahre ist das sich wandelnde Wettbewerbsumfeld der Banken durch neue Wettbewerber. Die Entwicklung kann zu einem besseren Finanzsystem beitragen, aber man muss auch die Schattenseiten im Auge behalten. In meinen Augen sollten wir daher die Interoperabilität von Systemen fördern, aber dabei faktische Wettbewerbsgleichheit zwischen allen Wettbewerbern – Banken und anderen Finanzdienstleistern, FinTechs oder auch BigTechs – sicherstellen.

Es gibt weitere Themen, bei denen die Regulatoren in den kommenden Jahren gefragt sein werden. Eines ist etwa die europaweite Zersplitterung von Regeln, die das digitale Bankgeschäft besonders betreffen. Ein weiteres Thema betrifft den Umgang mit neuen Risiken, wie sie etwa durch einen zunehmenden Einsatz komplexer und „intelligenter“ Algorithmen bedeutsamer werden.

Auch bei diesen Themen wird eine gewisse Ambiguität nicht ausbleiben, die Regulatoren nicht einfach auflösen können. Aber sie können sie bewusst und weitsichtig gestalten. Dafür setzt sich die Bundesbank ein. Wir in Europa sind gefragt, die Digitalisierung zu einem Erfolg zu machen.

Fazit

Im Finanzsektor im Großen und Ganzen zeigt die Digitalisierung riesige Potenziale, volkswirtschaftliche, für die Banken und ihre Kunden – und sogar für die Finanzstabilität.

Die Digitalisierung kann etwa helfen, Informationsasymmetrien abzubauen. Das kann dazu beitragen, dass Märkte international weniger fragmentiert werden. Letztlich kann also bessere, schnellere und breitere Informationsübermittlung zwischen Marktteilnehmern zu einer effizienteren Mediation von Kapital und Risiken beitragen.

Chancen ergeben sich auch im Kleinen, bei einzelnen Prozessen und bei einzelnen Entscheidungen. Mit Hilfe von Algorithmen können Fehlerquellen in Entscheidungsprozessen besser kontrolliert werden. Schließlich können digitale Tools Schwächen begegnen, die durch Voreingenommenheit, „biases“ oder als schlichte Fehler vom Menschen in die Finanzmärkte hineingetragen werden.

Aus Perspektive von Endkunden bestimmen neue und individuellere Produkte, einfachere Prozesse und mehr Auswahl an Leistungen und Anbietern das Bild.

Insgesamt sehen wir als Bundesbank die Digitalisierung positiv, aber wir haben auch unsere Aufgabe, alte und neue Risiken einzudämmen. Digitalisierung wird dabei nicht nur zum Erfolgsfaktor für Banken, sondern auch für Zentralbanken und Aufseher.

Am Anfang stand die Frage: Läuft den Banken die Zeit angesichts der Megatrends langsam davon?

Ich halte das Rennen für weiterhin offen und die Reaktion der deutschen Banken für zukunftsträchtig, wenn auch noch viel zu tun ist. Digitalisierung ist nicht etwas, was uns von außen aufgezwungen wird. Digitalisierung ist eine Gestaltungsaufgabe für uns alle, Finanzdienstleister, Gesetzgeber und Aufseher.“

Die vollständige Rede können Sie hier nachlesen.pp

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/96073 
 
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von maximal 5)
Loading...

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

BigTechs – GameChanger für Finanzindustrie und Zahlungsverkehr?

Am 29. August 2019 sprach Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands...

Schließen