STRATEGIE22. März 2022

Interview: Deutsche Bank steigt in das Embedded-Finance-Geschäft ein – dbAPI als Wachstumschance

Die Deutsche Bank steigt in das Embedded-Finance-Geschäft ein. Basis dafür sind neue APIs und SDKs, mit denen zum Beispiel digitale White-Label-Zahlungslösungen oder volldigitalisierte Kontoeröffnungsstrecken in eigene Projekte integriert werden können. Im Interview verrät Joris Hensen, Initiator und Co-Leiter des API-Programms, wie sich die Deutsche Bank in diesem Geschäft  aufstellt.

Embedded Finance Experte: Joris Hensen, Deutsche Bank
Joris Hensen, Deutsche BankDeutsche Bank

Herr Hensen, das Bankkonto in FinTech-Lösungen zu integrieren – das hört sich eigentlich nach einer XS2A-Aufgabe an. Was ist der Unterschied zu den API-Lösungen der Deutschen Bank?

Mit unseren technischen Schnittstellen gehen wir weit über die regulatorischen Anforderungen der PSD2 hinaus. Wir haben schon sehr früh Premium-APIs geschaffen, die beispielsweise Daten von Kreditkarten und Sparkonten oder auch persönliche Kundendaten bereitstellen. Wir kombinieren unterschiedliche Daten-Sets miteinander, so dass wir auf unserem Entwicklerportal heute rund 40 API-Produkte anbieten, die unterschiedliche Use Cases abdecken.

Uns ging es von Anfang an darum, gemeinsam mit unseren Partnern digitale Angebote zu entwickeln, die alltägliche Abläufe und Prozesse erleichtern und dadurch einen deutlichen Mehrwert für Konsumenten liefern. Das kann dann zum Beispiel das Vorausfüllen der Steuererklärung sein oder die Verwaltung der Finanzen über Apps wie Finanzguru.

Mit Embedded Finance gehen wir nun den nächsten Schritt. Wir integrieren komplette Bankprodukte und -Dienstleistungen via APIs in digitale Partnerangebote. Das Novum hierbei ist vor allem der Gedanke, der hinter diesem Konzept steht: Wir bewegen uns als Bank in die Lebenswelt der Kunden hinein und ermöglichen es ihnen, Bankgeschäfte direkt in ihrem eigenen Kontext zu tätigen.”

Unsere API-Lösungen betten Finanzen also nahezu unsichtbar in den Alltag ein.

Welche Funktionen bieten die APIs?

Wir stellen über unsere Schnittstellen eine Vielzahl an Funktionen bereit. Das reicht von der Übermittlung von Transaktionsdaten über Investment-APIs bis hin zu komplexen API-Bundles, die mehrere Funktionen miteinander kombinieren und intelligente Business-Logiken beinhalten.

Speziell im Bereich Embedded Finance stellen wir unter anderem eine „Cash Account Opening“-API bereit, mit der unsere Partner die Eröffnung von Bankkonten anbieten können, ohne selbst eine Banklizenz zu besitzen.

Der Prozess erfolgt von Anfang bis Ende digital und ohne Medienbruch – der Verbraucher muss die Plattform des Partners nicht verlassen, wodurch die Abbruchrate deutlich sinkt.”

Für unsere Geschäftskunden bieten wir mit „db Smart Access“ die Möglichkeit, ihr Konto mittels API-Zugriff in ihre eigene IT-Landschaft zu integrieren und es direkt mit ihren ERP- oder Logistiklösungen zu verbinden. Händler können dadurch zum Beispiel ihre Umsätze und offenen Aufträge automatisiert abgleichen und im Anschluss direkt den Warenversand anstoßen.

Neben APIs haben wir neuerdings auch ein Software Development Kit im Angebot: Die Decoupled Wallet SDK ist eine White-Label-Zahlungslösung, die der Nutzer mit einem beliebigen SEPA-Bankkonto verknüpfen kann. Eintracht Frankfurt ist hier unser Pilotkunde – die Decoupled Wallet ist Teil der „mainaqila“-App und kann sowohl im Stadion als auch im Alltag genutzt werden.

Bei so vielen tiefgehenden Funktionen – heißt das nicht, dass sich die Bank letztendlich vom Endkunden-Zugang verabschiedet und die meisten klassischen Bankprodukte den Nicht-Banken überlässt?

Durch Embedded Finance verschmelzen Bankdienstleistungen zunehmend mit den Wertschöpfungsketten von Drittanbietern.

Für uns als Bank bietet das eine große Chance: Wir erreichen jetzt Menschen in Lebensbereichen, zu denen wir vorher vielleicht gar keinen Zugang hatten.”

Durch die Zusammenarbeit mit unseren Partnern können wir den Konsumenten neue Angebote unterbreiten und diese nahtlos in bestehende digitale Alltagsprozesse einbinden.

Manche dieser Angebote werden wir selbst auf unserer eigenen Plattform zur Verfügung stellen, andere wiederum über Plattformen von Partnern anbieten. In beiden Fällen gilt es aber, den Kunden guten Service zu liefern, denn am Ende zählt der Mehrwert, gepaart mit einem hohen Grad an Komfort und Benutzerfreundlichkeit.

Ist die Strategie auf mittelfristige Sicht nicht enorm gefährlich?

Unsere Embedded-Finance-Strategie basiert auf dem Verständnis, dass sich die Bedürfnisse der Konsumenten in den vergangenen Jahren stark gewandelt haben. Unsere Kunden fragen nicht mehr ausschließlich nach standardisierten Bankdienstleistungen und persönlicher Beratung. Viel interessanter sind für sie Finanzangebote, die auf die Einzelperson und deren Bedürfnisse zugeschnitten sind. Für sie bedeutet zeitgemäßes Banking eine individuelle Ansprache direkt am Verkaufspunkt, dem „Point of Need“.

Natürlich ist es immer auch ein Ausloten, welche Produkte wir direkt anbieten und welche wir gemeinsam mit Partnern entwickeln. Wir sprechen bei den kontextualisierten Angeboten oft von Nischenlösungen, die ganz gezielt einen bestimmten Bereich des Lebens abdecken sollen.

Hier ist es sinnvoll, Partner mit an Bord zu holen, die sich in diesem Bereich und mit der jeweiligen Zielgruppe oft deutlich besser auskennen als wir selbst.”

Für uns als Bank ergibt sich daraus die Chance, unsere bestehenden Kunden zu bedienen und gleichzeitig neue Zielgruppen zu erschließen.

Definiert sich die Deutsche Bank damit nicht mehr und mehr als reiner API-Dienstleister?

Ich würde vielmehr sagen, dass die Bank neben ihrer traditionellen Rolle auch zum Dienstleister wird. Im Grunde geht es darum, in den unterschiedlichen Ökosystemen die jeweils passende Position einzunehmen. Je nachdem, in welchem Ökosystem sich der Kunde bewegt, findet er die Produkte der Deutschen Bank in Zukunft entweder auf unserer eigenen Plattform oder innerhalb der Produkte anderer Unternehmen. Wichtig ist dabei nur, dass ihn das Angebot dort erreicht, wo er sich aufhält und wo er es gerade benötigt.

Die Frage, die sich uns stellt, lautet

Wie können wir unsere IT und unsere Daten gewinnbringend für den Kunden einsetzen?“

Das ist letztendlich keine Konkurrenz, sondern eine Erweiterung unseres Portfolios.

Mit der wachsenden Zahl von bankfernen Unternehmen, die Finanzdienstleistungen anbieten, gewinnt auch die Frage, wie Banken und FinTechs neue Einnahmequellen schaffen können, an Relevanz. Wie gehen Sie damit um? 

Als Bank müssen wir uns an die neuen digitalen Gegebenheiten anpassen und das Thema „Embedded Finance“ außerhalb der Finanzbrache bekannter machen. Wir haben deshalb eine Landingpage erstellt, die potenziellen Partner die ersten Fragen rund um das Thema beantwortet. Dort stellen wir auch unser neues Whitepaper zum Thema Open Banking und Embedded Finance zur Verfügung.

Wenn alle Beteiligten kreativ an die Sache herangehen, wartet noch sehr viel Potenzial darauf, gehoben zu werden. Denn durch den Austausch mit API-Programmen in anderen Branchen wissen wir, dass die Öffnung auch dort vorangetrieben wird. Wir werden also in Zukunft vermehrt branchenübergreifende Lösungen sehen, durch die sich neue Geschäftsmodelle und Einnahmequellen auftun.

Ein großer Vorteil von Embedded Finance ist, dass dieser Geschäftsbereich skalierbar ist. Mit einer bestehenden Infrastruktur können Banken ohne großen Kostenaufwand neue Kunden generieren, die dann für steigende Erträge sorgen. Dafür müssen wir interessante und vor allem modulare Angebote für Partner schaffen. APIs sind also die perfekte Grundlage:

Wenn die Bank ihre Produkte als Einzelkomponenten per Schnittstelle zur Verfügung stellt, können sich bankferne Unternehmen diese ganz nach Bedarf zusammenstellen und in ihr eigenes Produktangebot einbinden.”

Neben aller API-Entwicklung, die für Embedded Finance nötig ist: Wie gelingt auch die nicht-technische Transformation, die in der Bank und bei Partnerunternehmen stattfinden muss, um dies zu ermöglichen?

Traditionell sind die Strukturen von Finanzinstituten sehr geschlossen. Ihre Öffnung stellt deshalb vielleicht einen noch stärkeren kulturellen Wandel dar als für andere Branchen. Plötzlich müssen sie offene Architekturen schaffen und Wettbewerber als potenzielle Partner betrachten. Schon allein aus diesem Blickwinkel war die Entwicklung unseres API-Programms eine bemerkenswerte Transformation. Die Grundlage dafür war Intrapreneurship: Wir haben wie ein kleines Start-Up innerhalb der Bank agiert, unsere Ideen immer wieder angepasst und funktionsübergreifende agile Teams geschaffen, die von Entwicklern über Produktmanager bis hin zu Marketing- und Community-Experten reichen. Unsere Partner haben wir immer schon sehr früh in die Entwicklung neuer APIs eingebunden. So konnten wir sicherstellen, dass wir echte Geschäftsprobleme lösen und wirklichen Mehrwert liefern.

Ein weiterer wichtiger Ansatz ist „API First“:

Dieses Prinzip besagt, dass bei der Entwicklung neuer digitaler Bankprodukte – wie etwa der Kontoeröffnung oder einer Kreditantragsstrecke – bereits bestehende APIs und Komponenten wiederverwendet werden oder die nötigen Schnittstellen von Anfang an mitentwickelt werden sollen.”

So reduzieren wir mittelfristig die Entwicklungszeiten und -kosten deutlich.

Wie wird die Entwicklung aus Ihrer Sicht weitergehen? Wie sieht Banking in zehn Jahren aus? Gibt es da noch sichtbare Banken oder sind alle im Backend verschwunden?

Banken werden ihre Rolle in den nächsten Jahren deutlich erweitern. Auf der einen Seite werden sie weiterhin das klassische Beratungs- und Bankgeschäft betreiben, das auch in Zukunft aus bestimmten Bereichen nicht wegzudenken ist. Auf der anderen Seite werden sie eine flexiblere Position innerhalb der digitalen Ökosysteme einnehmen, in denen sich aus standardisierten Produktkomponenten völlig neue Angebote schaffen lassen.

Nach dem Vorbild von Tech-Unternehmen werden Banken technologische Trends in neue Geschäftsmodelle umwandeln und ihre Produktentwicklung agil und branchenübergreifend gestalten.”

Das wird sich auch innerhalb der Organisation bemerkbar machen – die Rolle der IT wird sich enger mit den Produktbereichen verzahnen und in gemeinsamen Teams verschmelzen. Die Kundenzentrierung wird jedoch auch in zehn Jahren noch der Haupttreiber unserer Arbeit sein.

Herr Hensen, vielen Dank für das Interview. aj

 
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