STRATEGIE10. Juli 2019

Digitale Transformation aus Sicht der Bundesbank, von Burkhard Balz

Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank und verantwortlich für den Themenbereich Zahlungsverkehr
Deutsche Bundesbank

Am 9. Juli sprach Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, auf der zweiten EBF Cloud Banking Conference in Brüssel aus Sicht der Bundesbank und Aufsichtsbehörde darüber, welche Chancen und Risiken die digitale Transformation für uns bedeutet. Eine deutsche Zusammenfassung seiner englischen Rede.

von Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank

Die Digitale Transformation ist hier, jetzt und gewaltig. Sie ändert die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten.“

Im Finanzsektor hat sie viele Fragen aufgeworfen, sogar bis dahin, ob Zentralbanken zukünftig noch gebraucht werden. Manche Beobachter meinen bereits, dass die Tage staatlicher Währungen gezählt seien.

Krypto-Währungen

Krypto-Währungen stellen derzeit kein Risiko für die Geld- und Finanzstabilität dar. Es können jedoch Lücken entstehen, wo sie außerhalb der Regulierung sind oder wo internationale Standards fehlen. Jede weitergehende Nutzung von Krypto-Währungen würde daher eine enge Prüfung rechtfertigen. Ihre eigene technische Stabilität muss ebenso bewertet werden wie ihr Einfluss auf die Stabilität des Finanzsystems.

Wir beobachten potenzielle Risiken sehr genau und koordiniert und werden gegebenenfalls multilaterale Regulierungen vornehmen. Als Zentralbank müssen wir solche Entwicklungen beurteilen können und mögliche Auswirkungen antizipieren.

Arbeitsweisen und Geschäftsmodelle

Die digitale Transformation ändert Arbeitsweisen und Geschäftsmodelle des Finanzsektors grundlegend. Etablierte Banken werden von neuen, agilen FinTechs herausgefordert. Bisherige Wertschöpfungsketten werden unterbrochen und umgestaltet.

Schließlich hat die digitale Transformation sehr direkte Auswirkungen auf die alltägliche Arbeit der Zentralbanken. Auch wir müssen uns stärker digitalisieren, um unsere Aufgaben besser zu erfüllen. Bei der Bundesbank läuft der Prozess der Digitalisierung schon lange.

Durch jüngste Entwicklungen bei Maschine Learning, Prozessautomatisierung und der Distributed-Ledger-Technologie hat die digitale Transformation eine neue Dynamik erreicht. Zur Untersuchung des Potenzials und möglicher Anwendungen solcher Technologien haben wir ein interdisziplinäres Komitee für Digitalisierungsthemen eingerichtet. Derzeit arbeiten wir an einer “Digital-Agenda” für die gesamte Bundesbank.

Cloud-Dienstleister

Cloud-Dienstleister bieten zahlreiche Services, zusätzlichen Speicherplatz und Rechenleistung an, machen Entwickler-Plattformen verfügbar oder stellen Software und Web-Anwendungen bereit. Durch Outsourcing und die Nutzung solcher Dienste können Firmen von der Aufteilung der Arbeit profitieren. Sie sparen Kosten und Ressourcen, heben Synergien, optimieren Prozesse und erhalten Zugang zu Expertenwissen.

Die Bundesbank nutzt bereits in mehreren Bereichen Cloud-Dienste. Insbesondere untersuchen wir, wie Cloud-Dienste helfen können, Agilität, Datenanalyse und Recherchemethoden zu verbessern. Die geforderte Skalierbarkeit ist mit internen IT-Ressourcen kaum zu erreichen, da immer größere Datenmengen verarbeitet werden müssen.“

Zentralbanken müssen sich dabei bewusst sein, dass Cloud-Dienste auch neue Herausforderungen mit sich bringen. Die Sicherheitsbedenken bleiben, da sich die meisten großen Cloud-Dienstleister außerhalb der EU befinden. Im Markt mit nur wenigen Anbietern dürfen auch Lock-in-Risiken nicht vernachlässigt werden. Der Schutz marktkritischer Infrastrukturen muss gründlich analysiert werden. Sorgen bezüglich Vertraulichkeit der Daten sind ernst zu nehmen. Auch Risiken für die Reputation müssen berücksichtigt werden.

Konsequenzen für Aufsicht und Regulierung

Technologische und gesellschaftliche Veränderungen haben neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Plattformen haben bestehende Strukturen wie Filialen, Geldautomaten oder Produktentwicklung von strategischen Assets in Kostenfaktoren verwandelt.

Im Gegenzug ist die Vergrößerung des Geschäfts wichtiger geworden, die die Bereitstellung bestehender digitaler Dienstleistungen an zusätzliche Kunden nahezu nichts extra kostet.

Auch Kooperationen stellen sich anders dar: angesichts neuer Geschäftsmodelle sind Kooperationen immer wichtiger geworden, um rascher auf Marktentwicklungen zu reagieren. Durch die großen weltweit agierenden Technologiefirmen als starke potenzielle Wettbewerber hat der Druck zu Kooperationen weiter zugenommen.

Die digitale Transformation ist aber keine geradlinige Geschichte. Wir wissen nicht, wohin sie uns führt. Sie hat auch die Differenzierung im Sektor und somit die Komplexität erhöht. All das hat Konsequenzen für die Bundesbank als Aufsichts- und Regulierungsbehörde.

Grenzen des Finanzsektors verwischen

Nehmen wir die Grenzen des Finanzsektors als Beispiel: neue Unternehmen sind in den Markt eingetreten, die oft nur einen Prozessschritt ausführen (etwa Onboarding neuer Kunden oder Kreditprüfung) oder technischen Support bieten. Daher sind die Grenzen des Finanzsektors etwas verwischt worden. Darauf muss die Regulierung eingehen.

Banken nutzen immer öfter Cloud-Dienste externer Anbieter, was zu neuen Herausforderungen führt. Aus Perspektive der Aufsicht bedeutet das neue Risiken. Jemand muss dafür die Verantwortung übernehmen.

Externe Dienstleister führen selbst keine Geschäfte aus, die den Aufsichtsregeln unterliegen, und fallen daher nicht unter die Regulierung. Die beaufsichtigen Institutionen tragen die volle Verantwortung für alle Risiken aus der Kooperation mit einem externen Dienstleister. Daher müssen die Institutionen selbst sicherstellen, dass die Risiken handhabbar bleiben – etwa durch entsprechende AGBs in den Kooperationsvereinbarungen. Oder durch Betrachtungen, wie ihr Geschäft am Laufen bleibt, falls die Partnerschaft unerwartet beendet wird.

Das sind die Bedingungen von Rechts wegen. Sind sie aber immer adäquat für die wirtschaftlichen Bedingungen? Individuell kann sich die Situation sehr unterschiedlich darstellen. Bei der Zusammenarbeit von Kreditinstituten mit großen Technologiefirmen kann deren Verhandlungsmacht so groß sein, dass die Institute nur schwierig die erforderlichen Bedingungen durchsetzen können.

Wir müssen auch sicherstellen, dass bestimmte Aufgaben nicht einfach deshalb ausgelagert werden, um mit den Risiken außerhalb eines regulierten Unternehmens entspannter umzugehen.“

Je stärker die Grenzen des Sektors verwischen, desto relevanter werden derartige Diskussionen. Auch eine Überwachung bestimmter Arbeiten externer Dienstleister könnte bezüglich der Risiken hilfreich sein. Es ist jedoch keineswegs klar, wie eine solche tätigkeitsbasierte Überwachung organisiert werden könnte. Außerdem sollte das die beaufsichtigen Banken und Finanzinstitute nicht von ihrer Verantwortung entbinden. In dieser Debatte sind wir noch in einem frühen Stadium.

Die Aufsicht muss sich auch selbst digitalisieren

Heutzutage spielt die Spezialisierung innerhalb der Risikokategorie eine zunehmend wichtige Rolle. Die Kenntnis über IT-Risiken muss kontinuierlich aktualisiert werden. Der internationale Informationsaustausch zwischen Aufsichtsbehörden ist ein wichtiger Faktor geworden und Wissensmanagement dabei eine zentrale Aufgabe.

Bei der Beurteilung eines neuen technologiegetriebenen Geschäftsmodells im Finanzbereich müssen Aufsichtsbehörden heute oft rechtliche, ökonomische und technische Expertise kombinieren. In diesen Situationen ist es nicht mehr möglich, dass eine Person alleine eine umfangreiche Beurteilung ausführt.

Aufsichtsbehörden müssen genau wie die Institutionen selbst lernen, mit IT-bezogenen Inhalten und einer agilen Umgebung fertig zu werden. Aufsichtsbehörden müssen sich mit Themen wie der Erhaltung der IT-Fähigkeiten in ihrer Organisation sowie einer geeigneten organisatorischen Struktur für die Bewältigung komplexer Fragen beschäftigen, die im heutigen Finanzsektor entstehen.“

Es geht also nicht nur um das richtige Rahmenwerk für digitale Finanzen. Auch organisatorische Aspekte werden zentral für die wirksame Durchsetzung unseres regulatorischen Rahmens.

Fazit

Es gibt Chancen und es gibt Risiken.“

Die digitale Transformation beherbergt enorme Möglichkeiten, aber auch ganz erhebliche Herausforderungen. Sie gestaltet das Finanzsystem in einer Art und Weise um, die wir noch nicht völlig begreifen. Das wirft neue Fragen auf, die neue Antworten erfordern.

Es ist gleichermaßen die Aufgabe der Zentralbanken, Aufsichtsbehörden, Gesetzgeber und Marktteilnehmer, diese Entwicklungen zu gestalten.

Letztlich wird die digitale Transformation das, was wir daraus machen.

Die vollständige englische Rede können Sie hier nachlesen.pp

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/91830 
 
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