STRATEGIE23. Juni 2020

Digitaler Euro bis Anfang 2024 möglich

Prof. Dr. Philipp Sandner, Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) <q>Soryna Reusswig, Frankfurt School of Finance & Management
Prof. Dr. Philipp Sandner, Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) Soryna Reusswig, Frankfurt School of Finance & Management

Während China und die USA im Rennen um digitale Währungen vorpreschen, sind Vertreter der europäischen Finanzbranche sowie der Politik noch gespalten. Selbst Befürworter wie EZB und BDB gehen davon aus, dass ein digitaler Euro noch lange braucht, weil viele Hürden zu überwinden sind. Doch nun liegt eine Roadmap auf dem Tisch, die eine Einführung in vier Schritten innerhalb von vier Jahren beschreibt.

Blockchain und Kryptowährungen, Tokenisierung von Rechten und das Thema digitale Identität – das ist die Welt von Prof. Dr. Philipp Sandner. An der Frankfurt School of Finance & Management leitet er das dortige Blockchain-Center (FSBC) und bietet auch Online-Kurse für Experten an. Zudem sitzt er seit 2017 im FinTech-Rat des Bundesministeriums der Finanzen und im Blockchain Observatory der Europäischen Union.

Trotz dieser Nähe zu EU- und Bundesregierung hat er sich entschieden, seine Ideen zur Einführung eines digitalen Euro mit einem offenen Brief in die Öffentlichkeit zu tragen. Politik und Finanzbranche, Industrie-Unternehmen und der Handel sollen so angesprochen werden und sein Anliegen unterstützen: Bis zum ersten Quartal 2024 den Wettbewerbern aus China und den USA ein eigenes europäisches Digitalgeld entgegenzusetzen.

Innovation im Zahlungsverkehr

Ähnlich wie im Whitepaper des Bundesverbandes deutscher Banken spricht auch Sandner vom „digital programmierbaren Euro“. Er betont allerdings, dass er sich – anders als der BdB – nicht auf Zentralbankgeld (CBDC) fokussiert. Ebenso stellt er klar, dass er in der digitalen Währung keinen Ersatz für Bargeld sondern eine Ergänzung sieht.

Zu den Funktionen des digitalen Euro gehört neben der grundlegenden Rolle als Zahlungsmittel unter anderem die Programmierbarkeit, die beispielsweise Smart Contracts ermöglicht, die Möglichkeit von M2M-Zahlungen (Machine to Machine) ohne menschliche Interaktion, die Integration von Lieferungen und Zahlungen auf demselben DTL-System (Distributed-Ledger-Technologie) sowie schnelle Ende-zu-Ende-gesicherte Überweisungen im grenzüberschreitenden Geldverkehr.

Um diese Entwicklungen zu ermöglichen, empfiehlt das Papier eine öffentlich-rechtliche Partnerschaft (Public Private Partnership, PPP). Die Rollen sehen die Autoren klar verteilt: Der private Sektor sollte innovative und intelligente Lösungen für die Anwender entwickeln, der öffentliche Sektor sollte für kontrollierte, regulierte Rahmenbedingungen für solche Lösungen sorgen und darüber auch die Sicherheit und Stabilität des Finanzsystems gewährleisten.

Eng getakteter Fahrplan

Die vorgelegte Roadmap ist insbesondere für Politik und EZB sicherlich herausfordernd. Auf der anderen Seite gehen Sandner und seine Mitstreiter davon aus, dass die Nachfrage progressiv steigen werde und die Entwicklung von Lösungen Zeit braucht, weshalb dringend die Rahmenbedingungen geklärt werden müssen. Hier die Schritte im Einzelnen:

Q3/Q4 2020: Aufbau von Basiswissen. Es gelte, Nachfrage und Anforderungen zu klären und einen Wissenstransfer zwischen Politik, Finanzbranche und Anwendern wie Handels- und Industrie-Unternehmen zu organisieren. So sollten die verantwortlichen Akteure fit gemacht werden, fundierte Entscheidungen zu treffen.

Q2 2021: DLT-fähige Schnittstelle für Zahlungen. Die Finanzbranche sollte in den nächsten 12 Monaten eine hoch standardisierte API entwickeln, die Legacy-Systeme wie IBAN-basierende Konten und traditionelle Zahlungsprozesse mit DLT-Systemen verknüpft. Damit würde ein wichtiger Grundstein für digitale Produkte und Services der Finanzdienstleister gelegt – und damit auch die Nachfrage nach dem digitalen Euro befeuert.

Q4 2022: Verabschiedung eines Euro-Token-Standards für unterschiedliche DLT-Netzwerke. Ziel sollte es sein, dass die Finanzbranche – also nicht unbedingt die Zentralbank EZB oder die nationalen Notenbanken – in der Lage sind, digitale Euros in Form von DLT-basierten Token auszugeben, und zwar durchaus auf unterschiedlichen DLT-Plattformen. Der Standard würde dafür sorgen, dass dieses privat ausgegebene Geld neutral und interoperabel bleibt.

Q1 2024: Ausgabe von digitalen Euros als Central Bank Digital Currency (CBDC) durch die EZB. Mit dem öffentlichen digitalen Geld würden die Entwicklungen des privaten Sektors erweitert, es könnten auch möglicherweise bestehende Lücken gefüllt werden. Das zweistufige Währungssystem gelte es dabei zu erhalten. Dies würde die wirtschaftlichen und rechtlichen Vorteile der Systemarchitektur erhalten, diese aber zugleich innovativer und zugänglicher gestalten.

Teil von geostrategischen Überlegungen

Für Sandner ist die Frage der digitalen Währungen nicht nur ein Thema der Finanzmärkte der Zukunft, sondern auch ein geopolitischer Brennpunkt. Neben dem Libra des US-amerikanischen Konzerns Facebook, der möglicherweise bereits Ende 2020 startet, und der DC/EP-Initiative (Digital Currency Electronic Payment) der Chinesen, die bereits in begrenzten Pilotprojekten getestet werde, brauche Europa eine Alternative, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Ähnlich hatte sich bereits der IT-Verband Bitkom geäußert.

Institutionen und Organisationen des europäischen Kontinents sollten daher große Anstrengungen unternehmen um sicherzustellen, dass die zugrunde liegenden Infrastrukturen unter europäischer Kontrolle bleiben. In DLT-Netzwerken sieht das Papier die geeignete Basis, sowohl aus technischer wie aus regulatorischer Sicht.

Innerhalb von zwei Tagen fanden sich mehr als 130 Unterstützer für den offenen Brief. Auf der Website der Aktion sind diese einzusehen, ebenso findet sich ein Link, wo man weiterhin unterzeichnen kann. hj

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/107931 
 
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