STRATEGIE4. März 2019

IDnow – Wir befinden uns inmitten der digitalen Identitätsrevolution; Interview mit CEO Spiegelberg

Das Münchner FinTech IDnow ist Video-Ident-Dienstleister für Banken, Versicherer und auch Telkos. Rupert Spiegelberg ist IDnow-CEO und erklärt im Interview mit Rudolf Linsenbarth, wie die Ident-Zukunft geht und was vollautomatisierte Ident-Verfahren bringen.

Rupert Spiegelberg, IDnow-CEO
IDnow

Herr Spiegelberg, 2018 hat sich der Sicherheitstechnologie-Anbieter G&D an IDnow beteiligt. Was ist für IDnow hierbei wichtiger, das Millionen-Invest oder die Möglichkeit, mit einem großen Partner Türen zu öffnen, die Ihnen als Startup möglicherweise verschlossen wären?

G+D hat IDnow im Laufe des vergangenen Jahres großartig unterstützt und zwar nicht nur durch ihr Investment. Unser Partner hat uns auch dabei geholfen, Teile der Finanzdienstleistungs- und Telekommunikationsbranche für uns zu erschließen, was für uns als kleineres Unternehmen im Allgemeinen schwieriger ist – insbesondere in Märkten außerhalb Europas, in denen wir noch weniger markenbekannt sind.

Ein Ziel der Kooperation mit G&D sollte auch die Entwicklung von vollautomatisierten Remote-Identifikationslösungen für internationale Märkte sein. Gibt es da schon erste Produkte, die sie im Verbund entwickelt haben?

Wir haben mit AutoIdent die gegenwärtig sicherste und schnellste Remote-Identitätsüberprüfungslösung auf den Markt gebracht.

AutoIdent nutzt Technologien aus verschiedenen Bereichen wie Maschinelles Lernen, Computer Vision, Gesichtserkennung und Erkennung von Sicherheitsmerkmalen, um es unseren Kunden zu ermöglichen, ihre Kunden innerhalb von Sekunden ohne menschliches Zutun sicher und schnell zu identifizieren.“

Die Ergänzung zu unseren Produkten VideoIdent und eSign, die alle innerhalb einer einzigen Plattform bereitgestellt werden, bedeutet, dass wir derzeit als einziges Unternehmen weltweit eine derart umfangreiche KYC-Plattform bieten, die die Online-Regulierungsanforderungen aller europäischen und weiteren Aufsichtsbehörden erfüllt.

Wir sind überaus begeistert von AutoIdent und haben gesehen, dass es bereits zu zahlreichen beschleunigten Prozessabwicklungszeiten und höheren Konversionsraten beim Onboarding von Neukunden beigetragen hat.

Was verbirgt sich eigentlich hinter IDnow Autoident? Genügt das Verfahren für eine komplette Kunden-Identifikation nach den deutschen Anforderungen der BaFin?

Die von der BaFin festgelegten deutschen Anti-Geldwäsche (AML)-Vorschriften für die Remote-Identitätsprüfung erfordern aktuell einen Agenten (Identitätsspezialisten) als Teil des Identifikationsprozesses, so dass wir AutoIdent Finanzdienstleistungskunden mit entsprechenden AML-Auflagen in Deutschland noch nicht anbieten können.

Allerdings haben andere Regulierungsbehörden in Europa AutoIdent bereits für AML-Zwecke zugelassen, so dass die BaFin vielleicht irgendwann folgen wird.“

AutoIdent wird von deutschen Finanzdienstleistungsunternehmen allerdings für andere Anwendungsfälle wie zum Beispiel die Erfassung von Identitäten in der Filiale verwendet. Von europäischen Telekommunikationsbehörden wurde es außerdem für die Aufnahme von Prepaid-Mobilfunk-Kunden zugelassen. Zudem beobachten wir europaweit ein großes Interesse an AutoIdent für eine Vielzahl von Anwendungsfällen jenseits der AML-Regulierung, beispielsweise in Bereichen wie Versicherungen, Mobilität, Online-Marktplätze und Spiele.

Die Fragen stellt Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth be­schäf­tigt sich mit Mo­bi­le Pay­ment, NFC, Kun­den­bin­dung und di­gi­ta­ler Iden­ti­tät. Er ist seit über 15 Jah­ren in den Be­rei­chen Ban­ken, Con­sul­ting, IT und Han­del tä­tig. Lin­sen­barth ist pro­fi­lier­ter Blog­ger im Fi­nanz­be­reich und kom­men­tiert bei Twit­ter un­ter @holimuk die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Rudolf Linsenbarth im eigenen Namen.

G&D ist ja auch Mitglied im Verimi-Konsortium, dort ist aber der Wettbewerber WebID, Lieferant für die Video Identifikation. Wird es da bald einen Tausch geben?

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu unseren Freunden bei Verimi, können zu dieser Frage aber leider keine Stellungnahme abgeben.

Wo wir schon bei WebID sind. Vor einem Jahr gab es Meldungen über einen Patentstreit zwischen Ihren Unternehmen. Das letzte Urteil vor anderthalb Jahren ging zu Gunsten von IDnow aus. Wie ist da der Stand der Dinge?

Ja, das Gericht hat erstinstanzlich entschieden, dass WebID unser Patent verletzt. Wir warten derzeit auf die endgültige Entscheidung im Berufungsverfahren, die im Sommer dieses Jahres erwartet wird; wir sind zuversichtlich hinsichtlich unserer Erfolgsaussichten. Wenn wir wieder gewinnen, würde unser Unterlassungsanspruch gegen WebID aufrechterhalten.

Darüber hinaus sind wir froh darüber, dass wir unser Patent erfolgreich gegen die Rechtsbestandsangriffe von WebID und der Deutschen Post vor dem Europäischen Patentamt verteidigt haben. Unser Patent wurde mit Änderungen aufrecht erhalten. Ein Einspruchsbeschwerdeverfahren ist anhängig.

Neben WebID scheint es derzeit keinen nennenswerten VideoIdent-Wettbewerber in Europa zu geben. Sehen Sie das auch so?

Das wesentliche Anliegen von IDnow ist es, die vernetzte Welt zu einem sichereren Ort zu machen. Mit einer schnellen und sicheren Identitätsprüfung stehen wir erst am Beginn dieser Reise. Bei digitaler Identifizierung handelt es sich um einen Milliardenmarkt, der sich derzeit noch in den Kinderschuhen befindet, da Unternehmen gerade erst anfangen, ihre Produkte und Dienstleistungen online zur Verfügung zu stellen.

Mit AutoIdent, VideoIdent und eSign (die Möglichkeit, digitale Signaturen für Online-Verträge zu erstellen) helfen wir Anwendern bereits heute, schnell und sicher ihre digitale Identität zu erstellen.

Der nächste Schritt ist, diese digitalen Identitäten über ihren Lebenszyklus hinweg zu verwalten. In diesem Zusammenhang haben wir eine Reihe von spannenden Projekten in der Pipeline.“

Aus diesem Grund bildet VideoIdent nur einen kleinen Teil unseres Wettbewerbsumfelds. Wir sehen derzeit keinen Wettbewerber auf dem Markt, der die gesamte Bandbreite an Identifizierungslösungen von KI-basierten Automatisierungslösungen bis hin zu Video-Identifizierungsverfahren aus einer Hand anbieten kann.

Ist der Bedarf nach Video-Ident-Lösungen in allen Ländern Europas gleich hoch oder gibt es da Schwerpunkte. Ein Büro in Paris ist ja gerade eröffnet worden.

Das regulatorische Umfeld in Europa ist sehr unterschiedlich, da in diesem Bereich noch keinerlei Harmonisierung besteht. Einige nationale Regulierungsbehörden erachten VideoIdent als die für ihren Markt geeignete Lösung, andere AutoIdent und wiederum andere eine Hybridversion aus beiden. Da wir sowohl agentenbasierte Video-Identifizierung als auch ein ausschließlich KI-basiertes AutoIdent-Verfahren auf einer einzigen Plattform anbieten, ist es uns möglich, die gesetzlichen Anforderungen in ganz Europa zu erfüllen.

Rupert Spiegelberg , CEO IDnow
Rupert Spiegelberg ist seit November 2017 CEO von IDnow. Er verfügt über 17 Jahre Erfahrung im Aufbau von Technologie-Unternehmen in Europa, UK und den USA. Vor seinem Eintritt bei IDnow leitete er als CEO das internationale Software-Unternehmen Investis aus New York, einen Anbieter von SaaS-basierten Kommunikationsdienstleistungen für börsennotierte Unternehmen.
Derzeit sind bereits wir in 23 Ländern tätig und dehnen unseren Service beständig auf weitere geografische Märkte aus. Der französische Markt ist etwas Besonderes für uns, weil er einer der größten in Europa ist, weshalb wir dort unser erstes internationales Büro eröffnet haben.

In den Ländern Belgien, Finnland und vor allem in Estland gibt es eine funktionierende Infrastruktur für elektronische Ausweise. Ist dort überhaupt einen Markt für Video Ident vorhanden?

Bei IDnow konzentrieren sich die Forschungs- und Entwicklungsteams für Identitätsüberprüfung auf zwei Dinge: Eine noch schnellere Identitätsüberprüfung und gleichzeitig die Gewährleistung höchster Sicherheitsstandards. In diesem Sinne liegt die strategische Ausrichtung darin, alle Formen der Identitätsverifikation, mit denen sich Reibungsverluste reduzieren und die Sicherheit erhöhen lassen, auf unserer Plattform zu integrieren. Wir glauben, dass elektronische ID-Systeme sehr bald Teil dieses Prozesses sein werden.

Die IDnow-Plattform kann alle Arten von Identitätsverifizierungs-Workflows in sich vereinen. Aus diesem Grund sehen wir VideoIdent nicht durch eID oder andere Identitätsverifizierungsmethoden ersetzt, sondern vielmehr als Ergänzung dieser neueren Identifizierungsmethoden. So haben wir beispielsweise Anfragen von Unternehmen aus Ländern erhalten, die bereits eID-Systeme eingerichtet haben und nun nach einer VideoIdent-Lösung suchen, um eine zusätzliche Sicherheitsebene einzuziehen und eine bessere Marktabdeckung zu erzielen.

Welche Folgen hat der Brexit für IDnow?

Die EU-Gesetzgebung zur Remote-Identitätsprüfung wird in den europäischen Ländern sehr unterschiedlich umgesetzt, und so mussten wir bereits für jedes Land, einschließlich Großbritannien, maßgeschneiderte Workflows entwickeln. Der Brexit wird daran nichts ändern, obwohl wir erwarten, dass sich die Unterschiede in den Prozessen im Laufe der Zeit verstärken werden. Wir sehen Großbritannien als einen spannenden Markt für IDnow, denn in einer der fortschrittlichsten Online-Ökonomien der Welt ist das Thema Sicherheit im Internet ein großes Thema. Wir registrieren dort eine steigende Nachfrage nach reibungslosen, aber sicheren Remote-Identitätslösungen. Und zwar nicht nur von Finanzdienstleistern, sondern auch aus anderen Bereichen, darunter vor allem Online-Plattformen, bei denen Themen wie Verbrauchersicherheit und Vertrauen in die Transaktion entscheidend für den Geschäftsabschluss sind.

Für Banken und Finanzdienstleister in Großbritannien wird das größte Thema sein, dass sie nicht länger von den im Rahmen der EU-Richtlinien geregelten Passporting-Systemen und der in den EU-Verträgen garantierten Handelsfreiheit profitieren können.

Im Moment nutzen viele britische Unternehmen die lockeren Regeln im Vereinigten Königreich, um Dienstleistungen in der EU anzubieten. Doch sie bereiten sich bereits auf eine Post-Brexit-Welt vor, in der die Eröffnung von Büros innerhalb der EU erforderlich ist.“

Diese Niederlassungen müssen den EU-Vorschriften entsprechen, und wir helfen ihnen gerne dabei, nicht nur ihre britischen Anforderungen, sondern auch die strengeren und vielfältigeren europäischen KYC-Anforderungen zu erfüllen.

Wie sieht es in anderen Regionen außerhalb Europas aus? Die Vereinigten Staaten gelten immer wieder als Wachstumsmarkt. Könnte IDnow zum Beispiel im Schlepptau von N26 den Sprung über den Atlantik schaffen?

Europa ist aufgrund der strengeren regulatorischen Anforderungen nach wie vor der größte Markt der Welt für die Remote-Identitätsprüfung und deshalb konzentrieren wir uns verstärkt darauf, unsere Produkte und Dienstleistungen auf dem gesamten Kontinent auszubauen. Wir sehen derzeit außerdem großes Interesse an unseren Produkten aus den USA, Asien und dem Nahen Osten und sind dabei, die Möglichkeiten in diesen Märkten zu prüfen.

Halten Sie Video Ident für sich alleine genommen auf lange Sicht noch für ein tragfähiges Geschäftsmodell?

Wir konzentrieren uns darauf, unseren Kunden die schnellste und sicherste Lösung für die Identitätsüberprüfung anzubieten, um das Optimum an Benutzerfreundlichkeit und Konversionsraten zu gewährleisten. Gleichzeitig muss sichergestellt sein, dass sie die gesetzlichen Anforderungen in jedem Markt, in dem sie tätig sind, erfüllen.

Wir sind agnostisch, ob wir dies über AutoIdent, VideoIdent oder andere Angebote ermöglichen, solange wir im Rahmen der gesetzlichen Anforderungen das beste Kundenerlebnis bieten können. Unsere Kunden sind oft große multinationale Unternehmen mit vielen Niederlassungen in unterschiedlichen Ländern. Diese wünschen sich für ihre Geschäftstätigkeit eine KYC-Plattform, die allen lokalen Vorschriften entspricht. Der springende Punkt ist, dass wir ihnen das für den jeweiligen Markt und Anwendungsfall passende Produkt auf derselben Plattform und innerhalb einer Vertragsvereinbarung anbieten können.

Wir sind überzeugt, dass die Zukunft nicht allein in VideoIdent, sondern in einem plattformbasierten Ansatz liegt, der es Kunden ermöglicht, den richtigen Workflow für den richtigen Anwendungsfall auszuwählen, um die jeweils gültigen Vorschriften zu erfüllen. VideoIdent wird aber noch einige Zeit Bestandteil dieses Produktmixes bleiben.“

Gründerszene und Finanz-Szene sind Zahlen zugespielt worden, laut denen N26 für eine Video-Identifizierung nur 4,50 € bezahlt. Sind solche Preise beim Video Ident überhaupt wirtschaftlich darstellbar?

Zu einzelnen Kundenverträgen können wir uns leider nicht äußern.

Was dürfen wir 2019 sonst noch an Neuigkeiten erwarten?

2019 wird ohne Zweifel ein großes Jahr für IDnow, da wir die Erweiterung unserer Produktpalette sowie auch unser internationales Wachstum weiter vorantreiben werden. Die Erweiterung unseres Angebots um AutoIdent hat uns neue vertikale Branchen und geografische Märkte erschlossen und damit unsere Möglichkeiten erheblich erweitert.

Wir befinden uns inmitten der digitalen Identitätsrevolution, einer der wichtigsten Komponenten der weltweiten digitalen Transformation, und sind auf dem besten Weg, in diesem Bereich ein globales Kraftpaket aufzubauen.“

Von daher wird es in den kommenden Monaten von IDnow noch viel zu hören geben, was neue Kunden, Produkte und neue Märkte anbelangt.

Herr Spiegelberg, vielen Dank für das ausführliche Gespräch!rudolf Linsenbarth

 
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https://itfm.link/86192
 
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