INTERVIEW17. Juli 2018

„Echtzeit-Ungeduld“ – Instant Payment vor dem Durchbruch? Christoph Auer (Capco) im Interview

Zahlungsverkehrsspezialist Christoph Auer meint Instant Payment wird von einigen Banken unterschätzt
Christoph Auer ist Associate Director bei CapcoCapco

Christoph Auer ist Associate Director bei Capco und hat langjährige Erfahrung im Business Development und der Strategieentwicklung. Sein fachlicher Fokus liegt auf Innovationen, regulatorischen Initiativen und strategischen Optionen in der internationalen Zahlungsverkehrslandschaft. Auer zufolge verstehen einige Banken Instant Payment (SCT Inst) noch nicht als kommenden Standard.

Herr Auer, was meinen Sie: Wie lange wird es brauchen, bis sich Instant Payment (SCT Inst) in der Breite durchsetzt?

Die EZB erwartet, dass im Jahr 2023 knapp ein Viertel aller elektronischen Zahlungen im Euroraum „instant“ durchgeführt werden. Diese Prognose halte ich für ein ambitioniertes, aber erreichbares Ziel – sofern alle Beteiligten aus Banken, Handel und auch Konsumenten die Vorteile erkennen. Dies ist etwa in den nordischen Ländern mit Swish, MobilePay, etc. bereits geschehen. Auch Großbritannien weist mit Faster Payments ähnliche Penetrationsquoten auf. Der deutsche Markt wird hierbei fast schon traditionell etwas verzögert reagieren.

Generell werden meiner Einschätzung nach die beiden kommenden Jahre im Zeichen des Aufbaus der Reichweite stehen. Entsprechend wird sich die Anzahl der Instant-Payments-Transaktionen in überschaubaren Größen halten.“

Dieses Zeitfenster wird von einzelnen Instituten auch genutzt werden, um ihre Lösungen weiter auf Skalierbarkeit zu trimmen. Ab 2020 wird dies – vor dem Hintergrund der dann zugenommenen Reichweite und dem Start der Use Cases, die auf PSD2 basieren – notwendig sein.

Noch erheben Banken und Sparkassen Gebühren für Instant Payment (derzeit zwischen kostenlos und 5 Euro pro Transaktion). Sehen die Banken SCT Inst als neue „Eil-Überweisung“? Und wann werden diese Gebühren fallen?

Die Differenz in der Preisgestaltung zwischen Ländern und Instituten spiegelt ein unterschiedliches Marktverständnis wider: Einzelne Banken stufen Instant Payments funktionell und preislich als Alternative zur Eilüberweisung ein, andere Banken verstehen SEPA Instant Payment als kommenden Standard und bepreisen diese Zahlungen analog einer klassischen SEPA-Überweisung oder gar niedriger.

Dieser Unterschied schadet der Akzeptanz. Banken dürfen nicht dem Irrglauben unterliegen, dass es ihnen gelingen wird, die Kosten für die Errichtung der neuen Infrastruktur durch Gebühren für Instant Payments wieder hereinzuholen.“

Ziel sollte sein, die Parallelphase beider Systeme möglichst kurz zu halten und so Kosteneinsparung zu erzielen.

Der Ansatz der Europäischen Zentralbank, in den beiden ersten Jahren nach der Einführung des TIPS-Angebots auf den Märkten eine Bepreisung (max. 0,2 Eurocent je Transaktion) anzusetzen, die dem Preisniveau für klassische SEPA-Zahlungen am Interbankenmarkt nahekommt, gibt daher eine richtige Richtung vor.

Glauben Sie, dass Instant-Payment-Transaktionen sich trotz Gebühren etablieren wird?

Solange der Preis für Instant-Payments-Zahlungen über dem einer Standard SEPA-Zahlung liegt, wird das Verfahren nur eine Nische besetzen.

Ich erwarte jedoch, dass der Marktdruck von Händler- und Konsumentenseite, aber auch innerhalb des Bankensektors zu einer Anpassung der Gebühren führen wird. Dies wird die Etablierung von Instant Payments stark begünstigen.“

Der niederländische Bankensektor, der sich einer dezidierten real-time Verarbeitung (sofern möglich) verschrieben hat, ist ein gutes Beispiel.

Wollen die Institute überhaupt Kunden zur raschen Nutzung von Echtzeit-Überweisungen bewegen?

Wie am niederländischen Beispiel dargelegt, sind auch hier unterschiedliche Ansätze zu beobachten. Während vereinzelt Banken jede SEPA-Zahlung – falls möglich – automatisch als Instant Payment ausführen, „verstecken“ andere diese Option in Untermenüs ihres Online-Bankings. Ziel ist es, anfänglich zu hohes Volumen zu vermeiden und Zeit für die nötigen Änderungen an den Geschäftsprozessen zu gewinnen. Dieser Ansatz einer schrittweisen Anhebung des Volumens kann für einzelne Institute durchaus sinnvoll sein, sollte aber mit einem klaren Fahrplan hinterlegt werden.

Im November will die EZB mit TIPS ein eigenes Angebot an den Start bringen. Die Zentralbank tritt damit in Konkurrenz zur EBA Clearing. Worin unterscheiden sich die beiden Dienste und wie stark ist die Konkurrenz zu RT1?

Die EZB wie auch EBA Clearing sind zwei Marktteilnehmer mit hoher Reichweite und Erfahrung im Massenzahlungsverkehrsmarkt. Bei einer genaueren Betrachtung sind die Unterschiede zwischen beiden Angeboten trotz ihrer im Grunde unterschiedlichen Natur – TIPS als Settlement, RT1 als Clearing-System – relativ gering. Im Settlement stellt TIPS eine neue Echtzeit-Methode dar, während RT1 das bestehende Ancilliary-System Interface 6 von TARGET2 verwendet, um durch die Zentralbank gesichertes Settlement zu gewährleisten. Auch hinsichtlich typischer Clearing-Funktionen (wie z.B. der Validierung) können nur geringe Unterschiede ausgemacht werden. Ebenso wird TIPS wie auch RT1 vollständig und entsprechend dem von der EPC definierten SEPA-Instant Payment Regelwerk operieren.

Ein aus meiner Sicht wichtiger Unterschied steht bislang jedoch noch nicht im Fokus: Die Tatsache, dass Liquidität auf TIPS-Konten im Gegensatz zu den technischen Konten von RT1 direkt Zentralbankgeld entspricht und damit den Liquidität-Mindestreserven einer Bank angerechnet wird, könnte gerade in den Jahren ab 2020 mit hohen Volumina eine wichtige Rolle spielen.“

Insgesamt bleibt jedoch festzuhalten, dass die EZB somit de facto als eigenständige und vollumfängliche Clearing- und Settlement-Methode am Markt und somit als Konkurrenz zum EBA Clearing Angebot auftritt.

Welches Verfahren werden Banken dann bevorzugt einsetzen – und warum?

Dies wird hauptsächlich von den Faktoren Reichweite, Interoperabilität sowie Komplexität und Effizienz im Liquidity Management abhängig sein.

Die Einführung von TIPS erfolgt jedoch mit einem Jahr nach Inkrafttreten der Instant Payment-Regelungen relativ spät, womit RT1 im Juli 2018 in punkto Reichweite mit über 1.000 erreichbaren BICS und 28 Finanzinstituten einen gewissen Startvorteil besitzt. Dieser relativiert sich jedoch, wenn man diese Zahl mit den via Target2 bedienten 42.000 BICS vergleicht.

Im Punkt Interoperabilität hat RT1 einen leichten Vorteil: Die Abwicklung erfolgt direkt über die technischen Konten der Clearing-Systeme und es besteht daher keine Notwendigkeit für das teilnehmende Institut, weitere Konten bei anderen Settlement- bzw. Clearing Betreibern zu unterhalten. Im Falle TIPS ist ein TIPS Cash-Account auch für indirekte Teilnehmer Voraussetzung.

Die daraus resultierende und mit der zunehmenden Verbreitung von Instant Payments wachsende Komplexität im Liquiditätsmanagement sollten Banken im Auge behalten und für sich bei der Entscheidung individuell bewerten.“

Herr Auer, vielen herzlichen Dank für das Interview!aj

 
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