KI & Sensorik in GAAs: Autonome Wartung und Smarte SB-Sicherheit – das KEBA/Diebold Nixdorf-Interview

Diebold Nixdorf
von Dunja Koelwel
Herr Heinl, Herr Kolter, ein unvorhergesehener Ausfall eines Geldautomaten oder Recyclers ist ja teuer und verärgert Kunden. Wie nutzen Sie IoT (Internet der Dinge) und KI, um mechanische Probleme oder Softwarefehler zu erkennen, bevor das Gerät ausfällt?
Cedric Heinl: Durch unsere Analysetools lassen sich Trends und Auffälligkeiten sowohl bei mechanischen Problemen als auch bei Softwarefehlern erkennen. Die gewonnenen Erkenntnisse unterstützen eine einfache und effiziente Integration unserer Cash-Recycling-Systeme und Überweisungsterminals.
Im laufenden Betrieb helfen die Analysen dabei, Geräte mit eingeschränkter Leistung oder Verfügbarkeit frühzeitig zu identifizieren. Zudem können mögliche Ursachen für Störungen und Ausfälle besser nachvollzogen werden. Dadurch entsteht eine fundierte Basis, um Optimierungspotenziale zu erkennen und die Verfügbarkeit der Geräte langfristig zu verbessern.
Sebastian Kolter: Für Diebold Nixdorf ist KI-gesteuerte prädiktive Wartung mittlerweile ein zentraler Baustein, um genau solche Ausfälle zu verhindern und eine sehr gute Verfügbarkeit der Betriebsbereitschaft der Geräte zu gewährleisten. Dazu nutzen wir unsere Data Engine, die Cloud-Konnektivität, maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz geschickt miteinander verknüpft. Sie überwacht permanent den Zustand der Geräte, analysiert die zugrundeliegenden Ursachen und kann Fehler schon vor ihrem Auftreten vorhersagen.
Das ermöglicht einen wirklich proaktiven Service.
Probleme werden oftmals schon aus der Ferne gelöst oder Techniker werden direkt mit dem passenden Ersatzteil zum Gerät geschickt.“
So können Banken von klassischen reaktiven Reparaturen zu nahezu selbstheilenden, intelligenten Abläufen übergehen. Das Ergebnis ist eine deutlich höhere Betriebszeit, weniger ungeplante Störungen und insgesamt ein zuverlässigeres Selbstbedienungserlebnis für alle Verbraucher.
Angriffe auf Geldautomaten (z. B. durch Sprengungen) haben massiv zugenommen. Wie reagieren Sie technologisch auf diese physische Bedrohung – sei es durch Färbesysteme, Verklebungstechnologien oder extrem verstärkte Tresordesigns?

KEBA
Cedric Heinl: Um der zunehmenden Zahl physischer Angriffe auf Geldautomaten wirksam zu begegnen, reicht keine einzelne Schutzmaßnahme aus.
Entscheidend ist ein mehrschichtiges Sicherheitskonzept, das Aspekte wie Standortbewertung, Tresorklasse, Einbauart, Zugangs- und Foyersteuerung, Alarm- und Videotechnik, Beleuchtung, Färbesysteme, etc. kombiniert.“
Auf Geräteebene setzt KEBA insbesondere auf Färbesysteme, Ex-Gas-Tresorvarianten und konstruktive Sicherheitsmaßnahmen. Bei der Entwicklung der evo Serie wurden Sicherheitsaspekte von Beginn an berücksichtigt, beispielsweise durch geschützte Tresoröffnungen, robuste Schließmechanismen, hochwertige Materialien sowie sensorische und logische Überwachungssysteme. Viele dieser Funktionen sind heute als Bestandteil des Pakets Security+ bereits im Gerätestandard integriert.
Ergänzend bietet KEBA mit dem KI-basierten Überwachungssystem KeBob eine zusätzliche Sicherheitsebene. Das System erkennt Personen im Foyer, identifiziert verdächtige Verhaltensmuster und kann automatisch Sicherheitsmaßnahmen auslösen, etwa das Schließen von Rollgittern vor den Automaten oder die Alarmierung eines Sicherheitsdienstes.
Sebastian Kolter: Ein besonders wichtiger Fortschritt sind Banknoteneinfärbelösungen, die sich bereits in vielen Ländern bewährt haben. Diese Technologien bilden auch in Deutschland eine entscheidende Basis zur Bekämpfung von Sprengangriffen. Tatsächlich ist die Zahl solcher Angriffe in den letzten dreieinhalb Jahren signifikant zurückgegangen – ein Erfolg, der nur durch das Zusammenspiel von Banken, Verbänden, Versicherungen, Polizeibehörden und der Industrie möglich wurde. Gemeinsam konnten wir den Tätern den Anreiz für ihre Angriffe nehmen und ihnen effektive Gegenmaßnahmen entgegensetzen.
Diebold Nixdorf setzt dabei auf ein aktives oder passives Banknoteneinfärbesystem in Zusammenarbeit mit der Firma Oberthur Feerica, ergänzt durch einen verstärkten Tresor der Klasse CEN IV EX Gas. Das aktive Färbesystem bietet den Vorteil, dass es nicht nur bei Sprengungen, sondern auch bei anderen Angriffen wie Aufspreizen oder Rausreißen schützt. Zusätzlich kann es über ein Monitoringsystem aus der Ferne gewartet werden, was den Betrieb und die Sicherheit weiter verbessert. Auch hier setzen wir mit unserem Partner bereits KI-basierte Tools unterstützend ein. Ein wichtiger, zusätzlicher Lösungsbaustein unseres Security-Portfolios sind unsere hochstabilen SB-Pavillons, die sowohl Gas- als auch Festsprengstoffen robust standhalten.
Nachhaltigkeit & Die Zukunft des Bargelds
Nachhaltigkeit und ESG-Kriterien sind für Banken und Konzerne Pflichtthemen. Wie optimieren Sie den CO₂-Fußabdruck Ihrer Geräte im laufenden Betrieb, beispielsweise beim Energieverbrauch im Standby-Modus oder durch den Einsatz recycelter Materialien?
Sebastian Kolter verantwortet bei Diebold Nixdorf (Webseite) als Senior Director Banking den Vertrieb in Deutschland. Er ist seit über 25 Jahren in der Finanzdienstleistungs-, Zahlungs- und Geldautomatenbranche tätig.Sebastian Kolter: Um den CO₂-Fußabdruck unserer Geräte im laufenden Betrieb bestmöglich zu optimieren, setzen wir auf mehrere Schwerpunkte. Einer davon ist die Energieeffizienz: Unsere Geräte sind so konzipiert, dass sie im Standby-Modus besonders wenig Energie verbrauchen. Darüber hinaus verwenden wir recycelte Materialien, um unseren ökologischen Fußabdruck weiter zu verringern.
Wir haben unser Engagement für operative Nachhaltigkeit durch vier Prioritäten gestärkt: Energieeffizienz, Abfallmanagement, Produktrecycling und grüne Initiativen. Ein besonders herausragendes Projekt wurde 2024 an unserer Produktionsstätte in Paderborn, Deutschland, realisiert: Das dortige Solar-Dachprojekt hat über 86.000 kWh erneuerbaren Strom erzeugt. Zusätzlich haben wir einen Vertrag abgeschlossen, um das gesamte Gebäude ausschließlich mit 100 Prozent erneuerbarer Energie zu versorgen. Diese Maßnahmen haben unseren CO₂-Fußabdruck deutlich verringert und zeigen unser Engagement für saubere Energie.
Solche Initiativen sind Teil unserer Strategie, Nachhaltigkeit in alle Abläufe zu integrieren und eine spürbare Umweltentlastung zu bewirken. Wir investieren zudem gezielt in Technologien für unsere globale Serviceflotte, die dabei helfen werden, CO₂-Emissionen zu reduzieren und nachhaltige Verkehrslösungen zu fördern.
Im Übrigen: auch unsere Pavillon-Lösungen sind durchweg nachhaltig gedacht. So verwenden wir Rohstoffe und Ressourcen heimatnah aus der Region Paderborn und minimieren so deutlich den Fußabdruck in der entsprechenden Lieferkette.
Für unsere Kunden bieten wir außerdem eine innovative Lösung namens Green SB an. Damit können Cash Systeme zu bestimmten Zeiten heruntergefahren und automatisch wieder hochgefahren werden. Gerade in Filialen, die nachts geschlossen sind, kommt diese Funktion häufig zum Einsatz.
Cedric Heinl: Nachhaltigkeit ist ein zentraler Bestandteil der KEBA Produktentwicklung.
Unsere Cash-Recycling-Systeme sind auf einen möglichst langen Lebenszyklus, hohe Energieeffizienz und eine ressourcenschonende Nutzung ausgelegt.“
Die evo Serie von KEBA verfügt über ein intelligentes Energiemanagement mit Sleep-Modus und Näherungssensoren. Dadurch wird der Energieverbrauch in Zeiten geringer Nutzung deutlich reduziert – im Tiefschlafmodus sinkt die Leistungsaufnahme noch weiter.
Gleichzeitig setzt KEBA auf robuste, langlebige und weitgehend recycelbare Materialien. Bereits die erste evo Generation bestand zu rund 98 Prozent aus recyclebaren Materialien, ein Ansatz, der in der neuen Generation konsequent fortgeführt wird. Die hohe Lebensdauer der Geräte reduziert den Ressourcenverbrauch und den Bedarf an Ersatzteilen nachhaltig.
Darüber hinaus tragen Cash-Recycling-Technologie, größere Kassettenkapazitäten und weniger Serviceeinsätze dazu bei, Transportaufwände und damit verbundene CO₂-Emissionen zu reduzieren. So unterstützt KEBA Banken dabei, ihre Bargeldinfrastruktur effizient und nachhaltiger zu betreiben.
Angesichts von Mobile Payment und Digitalem Euro wird Bargeld oft totgesagt, bleibt aber der krisensicherste Anker. Wie verändern diese digitalen Zahlungsmethoden die Anforderungen an Ihre Hard- und Software? Müssen moderne Geldautomaten heute „hybride“ Hubs werden?
Cedric Heinl ist bei KEBA (Webseite) im Bereich Banking Automation tätig. Als Produktmanager beschäftigt er sich mit Lösungen rund um Self-Service- und Automatisierungstechnologien im Banken- und Finanzumfeld.Cedric Heinl: Mobile Payment und ein möglicher digitaler Euro machen Bargeld nicht überflüssig, sondern verändern die Anforderungen an Self-Service-Lösungen. Kunden erwarten heute nahtlose Übergänge zwischen physischen und digitalen Services sowie eine einfache, sichere und komfortable Nutzung über verschiedene Kanäle hinweg.
Moderne Geldautomaten und Self-Service-Terminals entwickeln sich daher zunehmend zu hybriden Service-Hubs. Neben der Bargeldversorgung gewinnen Funktionen wie kontaktlose Interaktion, digitale Identifikation, QR- und NFC-basierte Prozesse, Dokumentendigitalisierung, Video-Service und kanalübergreifende Transaktionen an Bedeutung.
KEBA unterstützt diese Entwicklung bereits heute. Hardwarekomponenten wie kontaktlose Kartenleser ermöglichen die Integration digitaler Zahlungs- und Authentifizierungslösungen. Darüber hinaus werden laufend neue Konzepte für hybride Service-Hubs entwickelt. Insbesondere moderne Self-Service- und Überweisungsterminals bieten die Möglichkeit, unterschiedliche Services für verschiedene Nutzergruppen auf einer Plattform zu bündeln. Dabei kommen bereits Technologien wie Mobile Payment sowie digitale Identitätslösungen, beispielsweise eID in Deutschland, ID Austria in Österreich oder die europäische EUDI-Wallet, zum Einsatz. Dadurch lassen sich Bargeldservices, digitale Finanzdienstleistungen und öffentliche Services komfortabel miteinander verbinden.
Auch in einer zunehmend digitalen Zahlungswelt bleibt die physische Infrastruktur ein wichtiger Bestandteil des Finanzsystems. Sie sorgt für Resilienz, Barrierefreiheit, Inklusion und den Zugang zu Finanzdienstleistungen – insbesondere dort, wo persönliche Betreuung und krisensichere Alternativen gefragt sind.
Sebastian Kolter: Bei Diebold Nixdorf beobachten wir einerseits, dass bargeldlose Transaktionen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Dennoch bleibt das ausgegebene Bargeld an den SB-Systemen in den letzten Jahren erstaunlich konstant, auch wenn die Anzahl der Transaktionen insgesamt leicht rückläufig ist.
Besonders im Kontext politischer Unruhen weltweit sehen wir Bargeld weiterhin als einen krisensicheren Anker, was mittlerweile auch in der Politik so wahrgenommen wird.“
In einigen Ländern gibt es sogar Vorgaben darüber, wie weit ein Geldautomat vom nächsten entfernt sein darf – unter anderem, weil immer mehr Angriffe auf die Infrastruktur stattfinden und ein längerer Ausfall zu gravierenden Problemen führen könnte. Ein Beispiel hierfür ist der größere bundesweite Ausfall von Bezahlterminals in Deutschland, bei dem die Kunden mit Bargeld sehr glücklich waren, weil sie weiterhin flexibel bezahlen konnten.
Unsere SB-Systeme sind technisch in der Lage, zu hybriden Hubs zu werden, die beispielsweise Bargeld annehmen und in digitale Euro umwandeln. Das erfordert zwar eine Softwareanpassung, ist aber ein durchaus denkbarer und spannender Geschäftsvorfall für die Zukunft.
Diebold Nixdorf (als globaler Riese) und KEBA (als starker europäischer Innovationsführer) prägen den Markt. In welchen Bereichen sehen Sie – trotz des Wettbewerbs – die größte Notwendigkeit für gemeinsame Branchenstandards, um das Ökosystem Bargeld für die Zukunft bezahlbar zu machen?
Cedric Heinl: Trotz des Wettbewerbs sind gemeinsame Branchenstandards entscheidend, um das Bargeld-Ökosystem langfristig effizient, bezahlbar und zukunftsfähig zu gestalten. Besonders wichtig sind standardisierte Schnittstellen zwischen Geräten, Bankensoftware, Servicepartnern und Wertdienstleistern sowie einheitliche Sicherheits- und Zertifizierungsstandards
Sebastian Kolter: Gemeinsame Standards bei Schnittstellen, nationalen Vorgaben und ein offener Austausch zwischen Marktteilnehmern sind aus unserer Sicht absolut notwendig. Nur so können wir für alle Beteiligten – insbesondere für unsere Kunden – ein nachhaltiges und effizientes Bargeld-Ökosystem schaffen.
Herr Heinl, Herr Kolter, vielen Dank für da Gespräch! dk
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