Der Digitale Euro: Eine Lösung auf der Suche nach einem Problem

privat
von Christian von Hammel-Bonten
Wenn man über Souveränität spricht, hilft es, zu analysieren, wie abhängig wir denn sind. Laut einer Berechnung von Hugo Godschalk von PaySys Consultancy ist die Abhängigkeit weitaus geringer als von der EZB dargestellt: „… beträgt demnach der Anteil der Karten- und E-Geldzahlungen mittels nicht-europäischer Zahlungssysteme im Jahr 2024 in der EU ca. 36 Prozent (transaktionsmäßig) und nur 0,9 Prozent (wertmäßig).“ Ein Marktversagen, das den Eingriff eines staatlichen Akteurs wie der EZB in einen bis dato privatwirtschaftlichen Markt rechtfertigen könnte, liegt somit eindeutig nicht vor. Ludwig Erhard würde sich im Grab umdrehen.
Natürlich führt die EZB weitere Gründe ins Feld: digitale Privatsphäre als Bargeld-Ersatz, finanzielle Inklusion, die Anker-Funktion des Zentralbankgelds.
Doch keines dieser Ziele erfordert zwingend eine neue, staatlich betriebene Infrastruktur — Bargeld bleibt erhalten, Inklusion ließe sich günstiger über bestehende Kanäle sichern. Souveränität bleibt also das eigentliche Leitmotiv — und genau dieses Fundament trägt nicht.“
Ein professionelles Vorgehen wäre gewesen, nach einer Detailanalyse des Problems Lösungsansätze zu prüfen, wie man den 36-Prozentigen Transaktionsanteil verringern kann — unter Berücksichtigung von Aufwand, Kosten und Risiken. Eine solche Bewertung gibt es nicht. Nicht gewollt? Vielleicht, weil es die Pläne der EZB gefährdet hätte? Denn es gibt Ansätze, die günstiger und risikoärmer sind.
Großbritannien etwa treibt auf Basis vorhandener, souveräner Infrastruktur mit A2A/Open Payments eine für alle Beteiligten kostengünstige Konkurrenzlösung zu VISA, Mastercard und Co. voran — ganz ohne digitales Pfund. Wie die große Mehrheit der Länder verzichtet man dort auf eine Zentralbankwährung, vermutlich weil deren Nutzung in China, Nigeria oder Jamaica weit unter den Erwartungen blieb.
Der Digitale Euro – weitgehend unbeliebt
Gleiches Ungemach droht dem Digitalen Euro: Aus Sicht der Konsumenten wie der Banken und Zahlungsdienstleister bringt er keinen Mehrwert — eher im Gegenteil, er verursacht zusätzliche Kosten. Und das ist keine Polemik: Die EZB selbst veranschlagt rund 1,3 Milliarden Euro für den Aufbau und etwa 320 Millionen Euro laufend — Jahr für Jahr. Hinzu kommen die Integrationskosten bei Banken und Zahlungsdienstleistern, die das System verpflichtend anbinden müssen, ohne einen Geschäftsnutzen zu erkennen. Bezeichnend ist, dass die EZB den Digitalen Euro mit einer Haltegrenze und einem „Waterfall“-Mechanismus konstruiert — eigens, um einen Abfluss von Bankeinlagen zu verhindern. Ein Produkt also, das bewusst nicht zu attraktiv werden soll und sich so selbst entwertet.
Christian von Hammel-Bonten ist Payment- und Fintech-Experte (LinkedIn) mit über 20 Jahren Erfahrung in der Finanzindustrie. Er ist selbständiger Berater für Payment und Digitale Transformation sowie Non-Executive Director bei Token.io. Zuvor war er in verschiedenen Führungsfunktionen tätig, unter anderem als CEO von paydirekt sowie in leitenden Rollen bei Wirecard und ClickandBuy.
Sollte der Digitale Euro scheitern, rückt das von der EZB kolportierte Ziel der Souveränität noch weiter in die Ferne — und man wird sich fragen, warum wir nicht andere Ansätze verfolgt haben. Denn während die EZB bereits Plattform und Rulebook baut — obwohl die rechtliche Grundlage noch gar nicht final beschlossen ist (der Rat hat sich Ende 2025 geeinigt, das Parlament stimmt 2026 ab) und eine mögliche Ausgabe frühestens 2029 ansteht —, arbeiten die amerikanischen Anbieter mit Hochdruck an Innovationen und Marktanteilen. Während die europäischen Banken Geld und Ressourcen in den Digitalen Euro stecken (müssen).
Selbst wenn der Digitale Euro erfolgreich würde: Glauben wir wirklich, dass ein staatlicher Akteur wie die EZB im ständigen Innovationswettbewerb mit privaten Anbietern um die Nutzer bestehen kann? Und als weitere Infrastrukturlösung für privatwirtschaftliche Lösungen benötigen wir den Digitalen Euro nicht, dafür haben wir bereits eine hochperformante SEPA-Infrastruktur.
Stablecoins als bessere Alternative?
Während die EZB also ein totes Pferd reitet, drängen innovative Lösungen wie Stablecoins in den Markt. Wie lässt sich ihr Momentum erklären? Die Antwort ist einfach: Bedarf. Unternehmen benötigen für neue Geschäftsmodelle (M2M-Zahlungen, Internet-of-Things, Agentic Commerce) kostengünstigere und flexiblere Formen der Zahlungsabwicklung. Der Digitale Euro adressiert diesen Bedarf nicht — er ist eine reine Lösung für Konsumentenzahlungen an Unternehmen.
Aber anstatt anzuerkennen, dass Stablecoins auf einen Bedarf treffen, „betonte Lagarde … dagegen, die Stablecoins könnten die Arbeit der Europäischen Zentralbank behindern und Finanzkrisen verschärfen. … Zudem schwächten sie die Fähigkeit der EZB, mit ihrer Zinspolitik alle Bereiche der Wirtschaft zu erreichen.“
Vielleicht zeigt gerade diese Aussage, worum es beim Wettstreit zwischen zentralen und dezentralen Lösungen wirklich geht. Christian von Hammel-Bonten/dk
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