STRATEGIE11. Mai 2021

Welche Rolle spielen Banken in digitalen Ökosystemen?

Plattformwirtschaft : Welche Rolle spielen Banken in digitalen Ökosystemen?
Prof. Dr. MoormannFrankfurt School of Finance & Management

Immer mehr spielt sich unser Leben auf virtuellen Plattformen ab. Was bedeutet diese Entwicklung für die Finanzbranche? Wie verändern sich Geschäftsmodelle, Prozesse und Technologie? Und was bedeutet das für die Interaktionen zwischen Kunden und Unternehmen? Die Entwicklung hin zur Plattformwirtschaft …

von Prof. Dr. Jürgen Moormann, Professor für Bank- und Prozessmanagement an der Frankfurt School of Finance & Management

Eine wichtige Rolle bei der Neugestaltung der Interaktion zwischen Kunden und Unternehmen spielen digitale Plattformen. Populär sind insbesondere die großen Handelsplattformen wie Alibaba, Amazon, JD.com, Rakuten und Tencent, aber auch eine Vielzahl kleinerer, teilweise spezialisierter Plattformen (Etsy, Outfittery Zalando usw.). Hinzu kommen Plattformen, die von Suchmaschinen aufgebaut wurden (Google, Baidu usw.), sowie die der Social-Media-Betreiber (Facebook. WeChat, ByteDance etc.). Diese Plattformen haben sich inzwischen zu regelrechten digitalen Ökosystemen entwickelt. Das Aufkommen von Zahlungsdienstleistern im E-Commerce (Adyen, Klarna, PayPal, Stripe usw.) hat diese Entwicklung stark unterstützt.

Plattformen sind heterogen

Die Thematik der Plattformwirtschaft ist vielschichtig. Unter digitalen Plattformen werden meist technische Plattformen verstanden. Weitergefasst sind Plattformen aber auch als „digitale Ökosysteme“ zu verstehen. Diese können aus mehr oder weniger gleichberechtigten Partnern auf lokaler Ebene bestehen, aber auch von großen Unternehmen gesteuert werden. Das kann im Extremfall bis zu weltweit tätigen Unternehmen wie Amazon etc. reichen.

Diese Unternehmen verfügen über eine Marktmacht, die ganze Branchen bedroht oder gar vernichten kann.“

Autor Prof. Dr. Jürgen Moormann, FS
Prof. Dr. Jürgen Moormann ist Professor für Bank- und Prozessmanagement an der Frankfurt School of Finance & Management (Website). Er ist Grün­der und Co-Head des For­schungs­cen­ters Pro­cess­Lab der Frank­furt School. Sei­ne Lehr- und For­schungs­schwer­punk­te sind Stra­te­gie­ent­wick­lung, Busi­ness En­gi­nee­ring und Pro­zess­ma­nage­ment in Ban­ken. 2005 grün­de­te er das Pro­cess­Lab – ein auf das Pro­zess­ma­nage­ment in der Fi­nanz­bran­che aus­ge­rich­te­tes For­schungs­cen­ter der Frank­furt School.
Ein anderer Fokus entsteht, wenn sich funktional ausgerichtete Plattformen entwickeln. Beispiele finden sich im Gesundheitsbereich (u.a. bestehend aus Kunden, Apotheken, Kliniken, Lieferdiensten, Pharmaunternehmen, Zulieferern in vielen Ländern) und im Zahlungsverkehr (u.a. bestehend aus Kunden, Händlern, Payment Service Providern, Netzbetreibern, Kartenorganisationen, Banken). Andere Plattformen wiederum bestehen – fast wie bei einer biologischen Symbiose – aus etablierten Unternehmen (Incumbents) und Neo-Unternehmen (FinTechs, InsurTechs etc.).

Welche Bedeutung haben Plattformen für die Strategien der Banken?

Plattformen führen zu einer immer stärkeren digitalen Vernetzung. Diese führt zum Verschwimmen traditioneller Unternehmens- und Branchengrenzen und ist damit hochrelevant für die Entwicklung von Unternehmensstrategien. Die zentrale Frage ist, wie sich eine Bank am besten in Plattformstrukturen positioniert. Dazu muss geklärt werden, welche Rolle(n) die Bank in der Plattformwirtschaft spielen möchte und kann.

Eine mögliche Rolle ist die des Initiators und Betreibers einer Plattform. Damit orchestriert die Bank alle Aktivitäten und managt die teilnehmenden Partner. Hierfür ist Know-how und ein erhebliches Investment nötig – leicht können sich Banken hier übernehmen. Eine andere Rolle ist die des Teilnehmers an anderen Plattformen – etwa als Produktlieferant. Der Aufwand ist geringer; jedoch besteht hier die Gefahr, die Verbindung zum Kunden zu verlieren. Weitere Rollen oder Kombinationen sind möglich.

Event-Kasten
Konferenz: Wie werden Banken zu plattformzentrierten Unternehmen?

Am 7. Juli 2021 führt die Frankfurt School of Finance & Management die Konferenz „Plattformorientierung in der Finanzbranche – Konsequenzen für das Prozessmanagement“ (15. ProcessLab-Konferenz). Hier haben Sie Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch mit ausgewiesenen Experten. Diese liefern Anregungen, Konzepte und konkrete Beispiele, wie die Transformation in Richtung der Plattformökonomie gelingen kann.

Plattformwirtschaft - Processlab Konferenz
Frankfurt School

Es sprechen u.a. Jürgen von der Lehr, Strategiechef der ING-DiBa, Chris Bartz, CEO von Elinvar und Vorsitzender des FinTech-Rats des Bundesfinanzministeriums, und Stefan Münter, Co-CEO der Europace AG. Ein besonderes Highlight wird der Blick über den Tellerrand sein: Ilse Henne, Mitglied des Vorstands von thyssenkrupp Materials Services, berichtet vom Weg der Stahlindustrie in die Plattformökonomie. Außerdem wird es Inspirationsworkshops (u.a. Aareal Estate, Owlsome team, mexxon) geben, in denen Experten einen spezifischen Einblick in Plattformthemen geben.

Die Konferenz findet auf dem Campus der Frankfurt School und online per Livestream statt. Leitung: Prof. Dr. Jürgen Moormann und Prof. Dr. Daniel Beimborn. Anmeldung hier.

Damit ändert sich zwangsläufig das Geschäftsmodell der jeweiligen Bank. Das ist ebenso wichtig wie notwendig, denn entscheidend für den aktuellen Umbruch ist ein verändertes Verständnis bzw. Neudenken von Geschäftsmodellen. Während klassischerweise ein Unternehmen „seine“ Kundinnen und Kunden hat und streng darüber wacht, dass kein Wettbewerber in die eigene Wertschöpfungskette eindringt, entwickelt sich inzwischen eine differenziertere Auffassung.

Insbesondere bei Rollenmodellen, in denen die Bank mit anderen Unternehmen kooperiert und sich bewusst in ein digitales Ökosystem integriert, wird es Teil eines Wertschöpfungsnetzwerks.“

Die Annahme ist, dass der Nutzen für alle Beteiligten (deutlich) größer ist, als wenn jedes Unternehmen einzeln, d.h. „allein gegen alle“, kämpft. Damit steigt natürlich auch die Komplexität hinsichtlich Strategie, Governance, Kommunikation, Prozessen, IT usw. in diesen Strukturen an. Als weiterer Aspekt ist zu beachten, dass in der Plattformwirtschaft regionale oder nationale Grenzen eine immer geringere Rolle spielen.

Chancen, Herausforderungen und … viele Fragen

Im Zusammenhang mit digitalen Ökosystemen werden Wertschöpfungsketten neu zusammengesetzt, die Arbeitsteilung wird neu organisiert und damit muss sich jedes Unternehmen strukturell und prozessual erneuern. Gleichzeitig eröffnen sich den Banken neue Geschäftspotenziale, denn die Plattformwirtschaft ermöglicht u.a. die ganzheitliche Unterstützung von Kundenprozessen, die Erweiterung des Serviceangebots, die Senkung von Kosten und die Konzentration auf Kernkompetenzen.

Damit verbunden sind aber auch erhebliche Herausforderungen.“

Insbesondere sind die Geschäftsprozesse – das Herzstück von Unternehmen – an die Erfordernisse digitaler Plattformen anzupassen und in vielen Fällen neu zu entwickeln. Ein weiterer Treiber bei der Entstehung der Plattformökonomie sind die schnellen technologischen Fortschritte (u.a. in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Data Analytics, Cloud Computing, Blockchain). Aber auch die Kultur des Unternehmens spielt eine wichtige Rolle, denn in vielen Fällen geht es um die Virtualisierung – als Folge der Digitalisierung – der Arbeit.

Buch-Tipp
Passend zur Konferenz bringt der Frankfurt School Verlag das Buch „Digitale Ökosysteme“ auf den Markt. Das Buch beschreibt und analysiert die Rahmenbedingungen der Plattformwirtschaft insbesondere für die Finanzbranche. Ausgehend von strategischen Überlegungen zu digitalen Ökosystemen werden Business Cases vorgestellt sowie die Rolle von Plattformen, Technologien, Big Data und Künstlicher Intelligenz diskutiert.

Die Autoren stammen aus der Wissenschaft, der Beratung und der Unternehmenspraxis. Dieser multidisziplinäre Ansatz verleiht dem Buch eine solide theoretische Fundierung zusammen mit einem hohen Grad an Praxisrelevanz. Zwanzig Beiträge bieten Anregungen für strategische und technologische Projekte in Richtung digitaler Ökosysteme.

Damit ergeben sich für den Weg in die Plattformwirtschaft diverse konzeptionelle Fragen, u.a.

  • Welche Art von Plattform ist für die jeweilige Bank geeignet?
  • Welche Rolle soll die Bank einnehmen?
  • Wie sollten Banken bei der Kooperation mit großen Tech-Konzernen agieren?
  • Wer sind die passenden Partner für das anvisierte Plattformmodell?
  • Welche Rolle spielen Technologien bei der Gestaltung plattformorientierter Prozesse?
  • Welche Bedeutung hat das Sourcing im Rahmen neuer Wertschöpfungsketten?

Die Zukunft heißt: Plattformökonomie

Aus der zunehmenden Vernetzung, der Generierung von Daten mithilfe neuer Technologien (z.B. das Internet of Things) und neuen Partnerschaften (z.B. mit Unternehmen der Fertigungsindustrie) werden sich Geschäftsmodelle ergeben, die heute noch gar nicht auf der Agenda klassischer Banken stehen. Traditionelle Banken müssen zügig Wege finden, um relevant zu bleiben. Die Transformation von Banken in Richtung von Plattformstrukturen wird ein solcher Weg sein.Prof. Dr. Jürgen Moormann, Frankfurt School of Finance & Management

 
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