STRATEGIE23. Oktober 2018

Apple und die Banken brauchen sich gegenseitig – Interview mit Sibylle Strack

Sibylle Strack hat eine Leidenschaft für Retail Banking, Payments und Fintech und bewertet die Zusammenarbeit mit Apple zu Apple Pay.
Sibylle Strack, Beraterin Retail Banking, Payments und FintechSibylle Strack

Sibylle Strack hat eine Leidenschaft für Retail Banking, Payments und FinTech. Zuvor leitete sie beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) den Bereich Zahlungsverkehr und Kartenstrategie. Sibylle Strack stellt sich im Interview den Fragen von Rudolf Linsenbarth rund um die girocard, Apple Pay und den Kartenzahlungsverkehr.

Frau Strack, 2014 mit dem Erscheinen von Apple Pay sagten Sie: ‚Wenn das System in Deutschland eingeführt wird, kommt Apple an den Sparkassen nicht vorbei‘ – Wie bewerten Sie diese Aussage aus heutiger Sicht? Kommt Apple jetzt doch an den Sparkassen vorbei?

Ich sehe das gar nicht konfrontativ, es gibt hier dieselben Interessen. Denn es gilt: um vernünftige Nutzerzahlen zu bekommen, ist es für Apple sehr wichtig, die große Gruppe der Sparkassenkunden dabeizuhaben.

Und solange Apple Pay die einzige Möglichkeit ist, mit einem iPhone an der Ladenkasse zu zahlen, wäre es aus Sicht der Sparkassenkunden wünschenswert, ApplePay für Zahlungen nutzen zu können. Beide Partner haben also etwas davon. Das galt 2014, das gilt heute.“

Die Sparkassen und Genossenschaftsbanken setzen beim Mobile Payment auf ihre eigenen Apps. Werden sie auf Dauer mit dieser Strategie Erfolg haben?

Ich halte es für weniger relevant, aus welcher App heraus eine Zahlung ausgelöst wird. Der wesentlichere Schritt ist es, dass der Kunde sein Verhalten ändert und künftig nicht das Bargeld oder die Karte, sondern sein Mobiltelefon „zieht“. Das wird er aber nur tun, wenn er einen echten Mehrwert darin sieht (wie bei Payback Pay) – und wenn das „Onboarding“ einfach ist.

Da die meisten Lösungen heute aber nur das Bezahlen und keine Mehrwerte abbilden und der Kunde für eine Teilnahme selbst aktiv werden muss, rechne ich nicht damit, dass das Bezahlen mit dem Mobiltelefon schnell der Marktstandard wird.“

Wie man liest, wollen die Sparkassen bis Anfang 2019 1% ihrer Privatkunden für das mobile Bezahlen gewinnen. Da wird es doch einige Zeit dauern, bis sich das mobile Bezahlen potenziell zum Marktstandard ausbildet. Dennoch: dass es Alternativen gibt, ist sehr zu begrüßen!

Im Prinzip führt doch für die Karten herausgebenden Banken an Apple Pay kein Weg vorbei?

Solange Apple die Regeln setzt, muss man hier mitspielen, wenn man den Kunden ein Angebot machen will. Als Bank riskiert man, als wenig kundenfreundlich wahrgenommen zu werden, wenn man sich verweigert, ohne gleichzeitig Alternativen anzubieten.“

Das auch, weil die Liste der Banken, die beim Deutschlandstart von Apple Pay dabei sind, wächst. Dort finden sich auch Banken wie N26 mit einem kostenlosen Konto. Demgegenüber werden alle, die sich verschließen, ins Hintertreffen geraten. Insbesondere die Banken, die sich über Kontoentgelte als Qualitätsanbieter positionieren, werden sich fragen lassen müssen, warum sie außen vor sind.

Eine ganz andere Frage ist, ob die Regeln von Apple fair sind, die das kontaktlose Zahlen per NFC nur über Apple Pay erlauben. Das könnte man natürlich mal prüfen.“

Ich würde eine Teilnahme bei Apple Pay aber nicht von dem Ergebnis dieser Prüfung abhängig machen. Und Hand aufs Herz: ist die Beantwortung dieser Frage wirklich relevant für das Angebot, das die Banken den Kunden künftig machen? Ich denke, dass es wichtigere Themen gibt.

Sibylle Strack
Sibylle Strack ist Beraterin im Bereich Retail Banking, Payments und FinTech. Zuvor leitete sie beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) den Bereich Zahlungsverkehr und Kartenstrategie. Bevor sie zum DSGV kam, hatte sie eine leitende Position im Finanzdienstleistungsgeschäft der Beratungsfirma Accenture inne. Sibylle verfügt zudem über eine breite Board-Expertise, u.a. bei verschiedenen Zahlungsverkehrsanbietern sowie bei foodwatch, einer Verbraucherorganisation. Sie hat eine Bankausbildung und ist Diplom-Kauffrau (Universität Passau).

Wie wichtig ist die girocard für Apple Pay und umgekehrt?

Apple hat mit seinen Telefonen in Deutschland eine Marktdurchdringung von unter 20 %. Um in diesem Rahmen überhaupt eine vernünftige Abdeckung beim mobilen Bezahlen zu erzielen, würde ich an Stelle von Apple das Zahlungsmedium „unterschnallen“, mit dem die größte Traktion erzielt werden kann. Das ist ganz klar die girocard, von der es über 100 Mio. Stück gibt. Die Kreditkarte ist dagegen weit abgeschlagen – nur etwa ein Drittel der Bürger verfügt über eine. Und auch wenn dieser Anteil bei den iPhone-Besitzern deutlich höher sein dürfte, erreicht er bei weitem nicht die girocard-Abdeckung.

Dass Apple in der Lage ist, nationale Debitverfahren einzubinden, zeigt das Beispiel Kanada – dort kooperiert man seit Jahren mit Interac. Und das, obwohl es dort nicht einmal 30 Millionen aktive Karten gibt.“

Wie sehen Sie die Zukunft der girocard insgesamt? Wird sie auf Dauer durch die internationalen Kartenschemes verdrängt?

In der Tat fährt Deutschland mit der girocard einen Sonderweg. Allerdings ist die girocard – gerne auch als „ec-Karte“ – fest im täglichen Leben der Bürger verankert. Der Karteneinsatz stieg im ersten Halbjahr 2018 um 14 % gegenüber dem bisherigen Rekordjahr 2017, in dem 3 Mrd. Transaktionen abgewickelt wurden.“

Bei der Frage nach der Zukunftsfähigheit der girocard sind aus meiner Sicht drei Kriterien wesentlich.

Erstens die Wirtschaftlichkeit. Auf der Kostenseite sind die girocard-Transaktionen durch die Skalierung im Vergleich zu den Kartenorganisationen sehr günstig, zudem fallen keine Scheme Fees an. Auf der Ertragsseite scheint es durch die verhandelten Entgelte ja weiterhin vorteilhaft für die Händler zu sein, die girocard einzusetzen.

Zweitens muss man sich den Funktionsumfang ansehen. Hier fällt die girocard gegenüber den Kreditkarten und den neueren Debitmarken von Mastercard und Visa zurück. Dies vor allem, weil sie zum einen wesentlich nur in Deutschland und nur im stationären Handel einsetzbar ist. Wir sollten aber nicht vergessen, dass dies der für die Kunden relevanteste Bereich ist und über das Co-Badging mit den internationalen Kartenorganisationen Wege gefunden wurden, diese Schwäche auszugleichen.

Drittens spielt für eine Bewertung eine Rolle, ob es strategisch sinnvoll ist, ein Zahlverfahren zu haben, das von Mastercard und Visa und perspektivisch auch China Union Pay unabhängig ist. Bei den drei Fragen sollte man ganz genau hinsehen, bevor man ohne Not Spielräume und Verhandlungsmasse aufgibt.

Die girocard soll jetzt für den eCommerce ertüchtigt werden. Glauben Sie, das wird gelingen?

Nach meinem Kenntnisstand wird die girocard vor allem für das mobile Bezahlen am POS bzw. im mCommerce weiterentwickelt, z.B. für In-App-Zahlungen. Damit werden weitere kundenrelevante Anwendungsfälle unterstützt. Das halte ich für sehr sinnvoll.“

Haben die deutschen Banken überhaupt eine Chance, im eCommerce noch mal Fuß zu fassen. Warum sollten die Probleme, die es mit Paydirekt gibt, bei der girocard plötzlich verschwunden sein?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die girocard wie Paydirekt als Brand im eCommerce etabliert werden soll. Das wäre ja kontraproduktiv für das Bestreben, Paydirekt erfolgreich zu machen. Daher hatte man ja entsprechende Planungen für die girocard nach dem erfolgreichen technischen proof of concept seinerzeit ad acta gelegt.“

Die Fragen stellt Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth be­schäf­tigt sich mit Mo­bi­le Pay­ment, NFC, Kun­den­bin­dung und di­gi­ta­ler Iden­ti­tät. Er ist seit über 15 Jah­ren in den Be­rei­chen Ban­ken, Con­sul­ting, IT und Han­del tä­tig. Lin­sen­barth ist pro­fi­lier­ter Blog­ger im Fi­nanz­be­reich und kom­men­tiert bei Twit­ter un­ter @holimuk die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Rudolf Linsenbarth im eigenen Namen.
Zur generellen Frage, ob die deutschen Banken im eCommerce noch mal Fuß fassen können, nur kurz: eine Chance bestünde, wenn es kein Klon von PayPal wäre, sondern es klare Vorteile gegenüber den bestehenden Lösungen gibt – für die Kunden, z. B. mit einem erweiterten Funktionsumfang, aber auch für die Händler, die bei Paydirekt derzeit ein eher komplexes Onboarding erwartet. Aber auch das würde kein Selbstläufer, sondern – davon spricht man ja auch bei Paydirekt – ein Marathon.   

Welche Bedeutung messen Sie in diesem Zusammenhang dem jüngsten Move von PayPal bei, sich nun auch bei Google Pay zu engagieren?

Der Antritt kommt ja nicht gänzlich überraschend. PayPal will seit langem an den POS und unternimmt dafür einige Klimmzüge, z. B. hat man iZettle gekauft.“

Die Kundenzahl von PayPal ist mit rund 20 Mio. in Deutschland sehr relevant und über Android-Telefone verfügen 80 % der Deutschen. Insofern sind die Chancen grundsätzlich gut. Ich denke aber, dass es insgesamt eine Herausforderung wird, sich in dem Markt – der derzeit ja von der Mehrwertplattform Payback angeführt wird – zu behaupten. Das gilt aber für alle Anbieter und Systeme.

Im Hintergrund betritt gerade SCT-Inst. Payment die Bühne. Sehen Sie hier eine Chance für die Banken, im Zahlungsverkehr wieder Fuß zu fassen?

Was heißt denn „wieder“? Der Markt wird doch heute durch die Banken beherrscht:  der Kartenzahlungsverkehr, über den wir uns bisher hauptsächlich unterhalten haben, stellt laut Bundesbankstatistik mit seinen 4,5 Mrd. Transaktionen 2017 nach den mehr als 10 Mrd. Lastschriften und über 6 Mrd. Überweisungen nur einen Teil des Zahlungsverkehrs dar.

Welche Chancen gibt es jetzt durch SCT Inst – also die auf einer SEPA-Überweisung basierende Sofortzahlung nach dem Rulebook des European Payments Council ?

Zunächst bedeutet es ja, dass die Banken einen Teil ihrer Infrastruktur aufwändig umbauen müssen. Die Frage ist vor dem Hintergrund immer, ob ein Kundenbedarf da ist, der die Kosten rechtfertigt oder ob man mithalten muss, weil sich das Instant Payment zum Marktstandard entwickelt.“

Im Hinblick auf den ersten Punkt sehe ich schon einige gute Anwendungsfälle – zu nennen sind P2P-Zahlungen oder Zahlungen im Geschäftsverkehr, bei denen entweder heute Zug-um-Zug-Geschäfte erforderlich sind, wie im Distanzhandel, oder wo heute Bargeld eingesetzt wird, weil Überweisungen zu lange dauern, z.B. beim Gebrauchtwagenkauf. Eine sofortige Gutschrift kann Prozesse vereinfachen und beschleunigen. Vielfach wird ja auch eine auf SCT Inst basierende M-Payment-Alternative besprochen, die der Handel in Kürze testen will. In diesem Praxistest wird sich ja zeigen, ob die Systeme schnell genug sind, um den sehr ambitionierten Anforderungen des stationären Handels an einen Checkout-Prozess Genüge zu tun. Sonst droht man, die Beschleunigung des Bezahlprozesses, die durch die Kontaktlos-Technologie möglich wurde, wieder zurückzudrehen. Ich hoffe auch, dass man weiß, was der Betrieb eines eigenen Payment-Verfahrens so mit sich bringt, das ist ja mit der Technik nicht getan.

Die sofortige Finalität der Zahlungen durch SCT Inst birgt natürlich eine höhere Betrugsgefahr, die man durch Echtzeit-Fraudsysteme adressieren muss.“

Preisbereitschaften sehe ich insgesamt bei einigen Anwendungsfällen, aber nicht bei allen. Und vermutlich nur vorübergehend: Es ist wahrscheinlich, dass sich die Echtzeitzahlung (bzw. die Near-realtime-Zahlung) wie in anderen Ländern (Japan, UK) perspektivisch auch hier zum Standard entwickeln wird und kein Extraservice mehr werden kann.

Bis auf die Genossenschaftsbanken sind alle deutschen Banken aus dem Kartenzahlungsverkehr auf der Acquiring-Seite ausgestiegen. War das die richtige Entscheidung?

Wenn Banken Einfluss darauf haben wollen, welche Zahlverfahren der Händler nutzt bzw. sogar präferiert, sollten sie alle Kontakte zum Händler nutzen. Diese Schnittstelle bedienen vor allem die Netzbetreiber bzw. Acquirer. Sie einfach aus der Hand zu geben, halte ich für strategisch wenig sinnvoll. Zudem wird die Issuing-Seite zunehmend reguliert und betriebswirtschaftlich unattraktiver – im Acquiring gibt es nach meiner Einschätzung mehr Luft. Insgesamt eine bedauerliche Entwicklung.

Neben den Direktbanken setzen nun auch die Startup-Banken die etablierten Filialbanken mit kostenlosen Girokonten unter Druck. Werden diese Banken ihr Gratis-Angebot auf Dauer aufrecht erhalten können?

Wettbewerb ist gut, aber kein Selbstzweck.

Ich sehe derzeit nur wenige Banken, die im Privatkundenbereich ein kostenloses Konto anbieten und es schaffen, über das Cross-Selling den Kunden zu monetarisieren. Die „Neuen“ gehören bisher nicht dazu.“

Ein Beispiel: derzeit werden nur 20 % der Konten bei der viel gehypten Challengerbank Monzo in UK als Hauptkonto genutzt, also als Gehaltskonto. Wie will man so Geld verdienen? Dort ist man also darauf angewiesen, immer einen Finanzier zu finden. Bei den etablierten Direktbanken, wie der ING Diba oder der DKB, sieht es bei der Monetarisierung ganz anders aus.

Ich halte aber insgesamt den Antritt, etwas sehr Wichtiges wie ein Konto kostenlos herzugeben, für nicht klug. Kunden verstehen, dass Leistung etwas kostet. Oder umgekehrt: was nichts kostet, ist nichts wert.

Frau Strack, vielen Dank für das Interview.Rudolf Linsenbarth

Update: Das People-Interview mit  Sibylle Strack („Die Gesichter der FinTech Branche: Sibylle Strack“) finden Sie hier bei unseren Kollegen von PaymentAndBanking.

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/79583
 
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (15 Stimmen, Durchschnitt: 4,00 von maximal 5)
Loading...

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

2017 erstmals mehr als 3 Milliarden girocard-Transaktionen – girocard mobile kommt Mitte 2018

Die girocard knackt 2017 erstmals die Marke von 3 Milliarden Transaktionen....

Schließen