STRATEGIE26. Januar 2017

So war 2016 – das wird 2017: Die Banking-Trends & das Ende des FinTech-Hypes – 6 Experten im Interview

2016 war ein weiteres aufregendes Jahr für FinTechs und Banken: Die in den Jahren zuvor künstlich aufgebauten Mauern zwischen neuen und alten Playern wurden eingerissen, Kooperationen häufiger geschlossen und die Zusammenarbeit insgesamt professioneller. Technologisch rückten unter anderem APIs, Blockchain und RegTech stärker in den Fokus. PSD2 ist kein Theorem mehr, sondern wird teilweise offensiv angegangen. Wir haben sechs führende Vertreter nach ihrer Einschätzung befragt und um kompakte, stichwortartige Beantwortung gebeten. Heraus kam eine einzigartige Zusammenfassung.

Was bringt das Jahr 2017? Für Banken? Für FinTechs? Für einen Ausblick haben wir führende Vertreter befragt, die aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Finanzdienstleistungsbranche  blicken. Uns Antworteten:

1. André M. Bajorat (CEO @ figo)
2. Karsten Traum (Bereichsleitung Privatkunden @ DKB)
3. Sven Korschinowski (Partner @ KPMG)
4. Florian Christ (CEO @ fino)
5. Reinhard Tahedl (CEO @ treefin)
6. Mariusz Bodek (Head @ comdirect Start-up Garage)

Jeder Ausblick beginnt mit einem kurzen Rückblick – bitte nennen Sie drei Schlagworte für die aus Ihrer Sicht wichtigsten Themen und Treiber aus 2016?

Bajoratfigo

André M. Bajorat (CEO @ figo):
– Realität ist da
– Comeback der Banken
– Augenhöhe

TraumDKB

Karsten Traum (Bereichsleitung Privatkunden @ DKB):
– Partnerschaft
– Spannungsfeld Regulatorik / Innovation
– Sehe es wie Mariusz: End-of-hype

Korschinowski KPMG

Sven Korschinowski (Partner @ KPMG):
– Banken: Kooperation mit FinTechs das New Normal
– Robo Advisor im Mainstream angekommen
– Aus PSD2 wird (open) API Banking

Christfino digital

Florian Christ (CEO @ fino):
– Neugier der Banken
– Erwachsen werden als FinTech – Ausbau Team und Kernkompetenz
– Partnerschaften und gemeinsame Erfolge

Reinhard Tahedlfundsaccess

Reinhard Tahedl (CEO @ treefin):
– Smart Data
– verstärktes Auftreten von InsurTechs
– und ja – PSD2

Bodekcomdirect

Mariusz Bodek (Head @ comdirect Start-up Garage):
– End-of-hype
– B2B-Fokus
– Kooperationen

Was wird 2017 im FinTech-Umfeld zu erwarten sein?
Glauben Sie weiterhin an die große Revolution der FinTechs oder wird sich der Markt von dem Hype lösen?

André Bajoratfigo

André M. Bajorat (CEO @ figo): Ich habe nie an die Revolution geglaubt, sondern an eine lange anhaltende technik- und datengetriebene Evolution, die den Sektor aber langfristig grundlegend verändert. Ich glaube, dass wir in diesem Jahr das Thema Datennutzung durch Banken im Sinne der Kunden mehr sehen werden. Zudem wird sich der Fokus der Veränderung vom Retailbanking mehr und mehr tiefer in die Bank verschieben (Wertpapiergeschäft, SMB und Firmenkunden).

Wir werden also weiter eine Veränderung im Finanzdienstleistungssektor sehen, auch wenn es einen neuen Hype braucht – FinTech ist nun lang genug in der Presse gewesen, lasst uns jetzt mal in Ruhe Business machen :-)“

Karsten TraumDKB

Karsten Traum (Bereichsleitung Privatkunden @ DKB): Erste Erfahrungen in Partnerschaften zwischen Banken und FinTech sind gemacht und die ursprüngliche Fragestellung, ob der FinTech-Trend den Banken schadet oder nutzt, hat sich für uns klar beantwortet mit dem Thema „Chance und Partnerschaft“ und die damit einhergehende Fokussierung auf ergänzende Kernkompetenzen. Eine große Revolution sehen wir nicht (und haben wir auch nie gesehen), aber einen positiven langfristigen Trend, Banking noch kundenfreundlicher zu machen und auch komplementäre Lösungen zum ursprünglichen Retailgeschäft zu schaffen.

2017 wird sicherlich auch ein Jahr der Konsolidierung. Einige neue Player haben es bereits geschafft zu skalieren, bei anderen steht das noch aus. Ich denke, es werden auch in 2017 neue Player dazukommen und auch einige neue FinTechs wieder vom Markt verschwinden. Ich glaube nicht, dass ein Geschäftsmodell ohne Skalierung und Ausblick auf positive Wirtschaftlichkeit langfristig Bestand haben wird. Ansonsten würde ich allerdings Sven (siehe unten) widersprechen …

…ich glaube die Beerdigung hat noch nicht stattgefunden – obgleich der Hype merklich abflaut.“

Ansonsten finde ich es verfrüht, über weitere Trends oder den nächsten Hype zu sprechen – am Ende müssen wir alle weiterhin die Ärmel hochkrempeln und an den Lösungen und Themen weiterarbeiten und da schließe ich mich André an – jetzt erstmal weiter Business machen.

Sven KorschinowskiKPMG

Sven Korschinowski (Partner @ KPMG): Der Markt (Banken, FinTechs, VCs etc) haben den Hype bereits beerdigt. Die schreibende Zukunft ward noch nicht auf dem Friedhof gesichtet. Phase der Relativierung wird sich in 17 verstetigen. Werden FinTechs sehen, die sich aus dem Markt verabschieden und andere, die mit offenen Armen sich Banken, Versicherern und VCs “anbieten”.

Die Revolutionäre sind sachte im Anmarsch. Nicht unbedingt, aber vielleicht doch, aus den Reihen der FinTechs.“

Mehr und mehr Banken wird die Bedeutung von XS2A/PSD2 (oder das noch weiter gehende openBanking in UK) bewusst und sie werden keine Antworten darauf haben. Nur Lippenbekenntnisse. Den Mut, radikale, im Sinne von weit in die Zukunft tragende Schritte, werden – in 2017 – nur die wenigsten machen.

Wir werden aber vermehrt Puzzle-Teile sehen, die von verschiedenen Seiten diese Vision vorbereiten. Blockchain wird sich 2017 von der Phase des unerforschten Kontinents in bekannte Gefilde entwickeln. Wir werden konkrete Umsetzungsfälle bei Banken und anderen Branchen sehen. Die Versicherer gehen 2017 massiv in die Governance- und beginnend Prototype-Phase rein. Drumherum wird sich ein Ökosystem von Companies (große und kleine) entwickeln.

B2B? Ja bitte! Nur ich glaub’s (noch) nicht; zumindest nicht in der Breite. Wird in 2017 weiter vereinzelt bleiben.

Apple Pay? Da sollen andere ihren Allerwertesten verwetten.. 😉 (wir berichteten)

Florian Christfino digital

Florian Christ (CEO @ fino): Der Markt wird sich grundsätzlich beruhigen. Gleichzeitig werden wir viele gute Use Cases sehen, wo ausgereifte Lösungen und neue Ansätze das Banking und Kundenerlebnis verändern. Die Lösungen werden End-to-End umgesetzt.

D.h. nicht nur Kunden erhalten im Frontend ein Highlight, sondern auch die zugehörigen Hintergrundprozesse der Banken werden digital.“

So steht dem nächsten Level an Lösungen nichts im Wege. Und: Das Spielfeld Bank-FinTech erweitert sich um neue Player und deren Wertschöpfungsketten (nicht nur B2B). So sehen wir endlich erste Beispiele für Kontext-Banking im Alltag, wo der klassische „Finanz-Teil“ in den Hintergrund rückt. Wie bei Amazon Go, wo bezahlen keine aktive Tätigkeit mehr ist.

Reinhard Tahedlfundsaccess

Reinhard Tahedl (CEO @ treefin und fundsaccess): Banken und Versicherungen werden 2017 mit Hilfe ihrer Innovationslabore und Trendscouts einen deutlich verbesserten Blick auf die FinTech-Landschaft als noch in den letzten Jahren haben. Gleichzeitig wird sich das Risiko erhöhen, dass einige hoch finanzierte Series-A Startups ob Ausbleiben von wahrer Disruption die Folgefinanzierungsrunden nicht oder nicht in Höhe der vorangegangenen Runden geclosed bekommen.

Die Revolution ist damit wohl (vorerst) abgesagt. Insolvenzen werden dabei leider nicht ausbleiben und bei einigen wird es zu einem Shift der Modelle Richtung B2B führen.“

Die Zusammenarbeit zwischen Banken und FinTechs wird sich in Folge verstärken und erste Kooperationen zwischen Versicherern und InsurTechs wird man sehen. Kurzum: Die FinTech-Branche wird erwachsen werden.

Mariusz Bodek (Head @ comdirect Start-up Garage):

Mariusz Bodekcomdirect Start-up Garage

Das Ende des anfänglichen Hypes war schon in den letzten beiden Quartalen spürbar. Nennen wir es eine Professionalisierung aller Beteiligten. Ich finde es aber immer noch revolutionär, was im Markt entsteht.“

2017 werden sich die etablierten Player spürbar stärker öffnen und selbst aktiv neue Geschäftsmodelle sowie Use Cases angehen. FinTechs bringen weiter gute Ideen ein und suchen gezielter die Kooperation mit dem Banken als Multiplikator. Und werden teils zu wichtigen Brückenbauern – Stichwort API.

PSD2 rückt immer näher, 2018 wird sich das Marktumfeld grundlegend verändern. Sind die etablierten Player ihrer Einschätzung nach gut aufgestellt? Worauf sollten sich die Marktteilnehmer 2017 konzentrieren, um sich optimal vorzubereiten?

André M. Bajorat, CEO figoDeutsche Bank/Mario Andreya

André M. Bajorat (CEO @ figo): Nein, viele Etablierte sind in der Hinsicht auf Öffnen der eigenen Infrastruktur und die daraus resultierenden Folgen nicht gut aufgestellt. Eine offene Infrastruktur erfordert komplett neue Denkmuster und Phantasie in Business-Modellen. Das von Parteien, die bisher gern in Silos gelebt und gedacht haben. Technisch werden die meisten 2018 PSD2-kompatibel sein.

Die Herausforderung findet aber wo anders statt: Im Kopf und bei der Suche nach den richtigen Talenten.“

Die App-FunktionDKB

Karsten Traum (Bereichsleitung Privatkunden @ DKB): War ja klar, dass André hier ein Nein setzt 😉 Aus meiner Sicht ein Ja UND ein Nein. Ich glaube, dass Banken im Bereich Regulatorik sehr gut aufgestellt sind und gelernt haben, mit diesen Themen adäquat umzugehen. Aktuell sind wir als Banken – auch die relevanten neuen Player am Markt – aber massiv mit diesen Themen und deren Umsetzung konfrontiert und beschäftigt.

Am Ende werden die Institute erfolgreich sein – und da schließe ich mich meinen Mitstreitern an – die es schaffen, interne Silos aufzubrechen und gerade aus PSD2 auch die entsprechenden Chancen abzuleiten. Und gerade dazu braucht es andere Denkweisen als bei bisherigen Regulatorikthemen.

Between the towersReinkimm

Sven Korschinowski (Partner @ KPMG): Ach, die Frage kommt. Also siehe oben. Sie sind in der Breite schlecht aufgestellt: IT, Prozesse, Kultur und Bereitschaft, Veränderungen konsequent einzuleiten. Es gibt sehr wenige Ausnahmen am Markt.

Wenn wir uns die “heißen Märkte” ansehen, ist Deutschland da noch hintendran. Allerdings haben ein paar Banken die Zeichen der Zeit erkannt und wollen das Schiff auf Kurs Zukunft bringen. Die Banken müssen 2017 PSD2 regulatorisch in die Umsetzung geben (Anforderungen, Prozesse, Haftung, Sicherheit, XS2A, 2FA etc.), um 2018 compliant zu sein. Nun, wenn sie dabei eh (fast) alles anfassen müssen, können sie die Wucht der Auswirkungen der PSD2 bei der Umsetzung auch strategisch betrachten. Das heißt, sie müssen es, um künftig noch eine Rolle zu spielen.

fino´s Kontowechsel für die VR Bankenfino

Florian Christ (CEO @ fino): Aus meiner Sicht setzt PSD2 nur noch den Rahmen für die laufende Entwicklung. Beim Blick auf die Vorbereitung würde ich zwischen zwei Aspekten differenzieren:
1. Infrastruktur – Banken werden vorbereitet sein, bei den FinTechs wird sich zeigen, wer die größte Reichweite erschließt und so Enabler für andere ist.
2. Neue Geschäftsmodelle – hier gibt es bereits viele Ideen, die auf der Infrastruktur aufsetzen, das gesamte Potenzial ist allerdings noch lange nicht sichtbar. Also auch eine Chance für alle Player.

treefin

Reinhard Tahedl (CEO @ treefin): Nein, vielmehr erwarte ich, dass die Vielzahl an regulatorischen Umsetzungen (PSD2, MiFIDII, IDD, etc.) die etablierten Player 2017 massiv beschäftigen wird.

Verschärfend wirkt dabei, dass bei den meisten Gesetzesvorhaben wie bspw. der PSD2 die finalen nationalen Umsetzungsgesetze erst im 2. Quartal zu erwarten sind.“

Banken und Versicherern empfiehlt es sich ob des zeitlichen Handlungsdrucks, auch in der Umsetzung der Regulatorik auf Kooperationen mit FinTechs zu setzen. Die regulatorischen Vorgaben wirken dabei als Katalysator der Zusammenarbeit zwischen FinTechs/InsurTechs und klassischen Finanzdienstleistern.

CoctailTrade mit Mariusz BodekReinkimm

Mariusz Bodek (Head @ comdirect Start-up Garage): Jein. Natürlich setzen sich die Regulatorik-Verantwortlichen in den Banken damit gewohnt pflichtbewusst auseinander. Aber ob alle Fachbereiche die gleiche Phantasie für mit PSD2 verbundene neue Use Cases aufbringen, bezweifle ich ein wenig – auch wenn das nicht pauschal für alle Banken gilt.

Bei der comdirect beobachte ich zumindest, dass sich Kollegen abteilungsübergreifend damit auseinandersetzen. In Summe spürt man in Gesprächen mit FinTechs jedoch grundsätzlich ein ausgeprägteres Verständnis für die Chancen durch PSD2.

Und ich sehe es wie Florian: Ein Kernaspekt sind neue Geschäftsmodelle – hier sind FinTechs momentan noch findiger unterwegs.“

Noch eine abschließende Frage – mit der Bitte um zwei oder drei Stichpunkte: Was werden Ihre persönlichen Highlights in 2017?

André M. Bajorat (CEO @ figo):
– Rund um Mallorca auf dem Bike an einem Tag.
– Skiferien mit den Kindern.
– Sommerurlaub mit der Family.

Karsten Traum (Bereichsleitung Privatkunden @ DKB):
– Die oben beschriebenen Herausforderungen positiv und mit dem nötigen Pragmatismus weiter meistern.
– In meiner Freizeit weiterhin die Welt bereisen
– Ende 2017 erneut sagen zu können: „Es war ein echt gutes Jahr!“

Sven Korschinowski (Partner @ KPMG):
– Das Spannungsfeld Banken/FinTech in der (digitalen) Transformation mit all ihren internationalen Einflüssen begleiten zu dürfen. Banking ist so spannend wie nie.
– Tolle Sommerferien mit der Familie verbringen

Florian Christ (CEO @ fino):
– Erleben, wie wir weiter wachsen
– finn
– @Andre, ich liege faul am Strand, du bist immer auf ein Bier eingeladen, wenn du mit dem Fahrrad vorbei kommst

Reinhard Tahedl (CEO @ treefin):
– Mit dem Exit und der signifikanten Folgeinvestitionen werden wir 2017 die Chance bekommen, unser Leistungsspektrum massiv auszubauen. Spannend wird sein zu beweisen, dass man mit Hilfe von Smart Data die Finanzen von Endkunden eines Konzerns mit 6 Mio. Kunden verbessern kann,
– Und als ganz privates Highlight – der erste Geburtstag meiner Tochter.

Mariusz Bodek (Head @ comdirect Start-up Garage):
– Auf jeden Fall die Beobachtung, wie sich FinTech weiter facettenreich entwickelt. Es ist wahnsinnig spannend.
– Die comdirect Start-up Garage wird nach dem erfolgreichen ersten Jahr nun 2017 einen noch breiteren Fokus erhalten – und daran arbeiten wir aktuell mit Freude.
– Und während André und Florian irgendwo im Süden für ein Bier aufeinander treffen, genieße ich den ersten Sommer im Eigenheim mit meiner Frau und gestalte mit ihr unseren Garten.

Vielen herzlichen Dank Herr Bajorat, Herr Traum, Herr Korschinowski, Herr Christ, Herr Tahedl und Herr Bodek!

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