DISKUSSION25. April 2019

Brauchen die Sparkassen eine eigene Direktbank?

Braucht die Sparkasse eine Direktbank?
aldorado10/bigstock.com

Wer als Journalist in Zeiten der Digitalisierung gerade kein spannendes Thema zur Digitalisierung des Bankings findet, kann sich seit Jahren auf die Sparkassen als Stichwortgeber verlassen. Derzeit diskutieren die großen Entscheider tatsächlich, ob die Gruppe im Jahre 2019 nicht vielleicht eine eigene Direktbank gebrauchen könnte. Der Aufruf zur Diskussion.

Die Diskussionen innerhalb der Sparkassen-Finanzgruppe zu verfolgen, ist für außenstehende Dritte immer wieder eine Gratwanderung zwischen Belustigung und ungläubigem Staunen. Klassiker sind die stetig wiederkehrenden Diskussionen um die ewig strauchelnden Landesbanken oder um überfällige Fusionen der Sparkassen-Versicherer oder der Landesbausparkassen.

Oder auch das Gerangel um die komplexen Strukturen der Gruppe mit den vielen Regionalverbänden und Gremien, die sich in Zeiten der Digitalisierung immer wieder als Bremsschuh herausstellen, gleichzeitig als Abschiebebahnhof mit hochdotierten Pöstchen benötigt werden.

DSGV

Die Gruppe dreht sich um sich selbst

Was allen öffentlichen Diskussionen der Gruppe in der Vergangenheit gemein war, ist, dass sich die Sparkassen in der Regel ausschließlich mit sich selbst und ihren Strukturen beschäftigt haben. Es ging um das Ego der Entscheider, Macht und Einfluss von Bürgermeistern, Landräten und Ministerpräsidenten und um viele Köche, die ihren Senf zu jedem Thema geben mussten.

Worum es selten ging, war der Kunde. Das ist auch das verbindende Element zur aktuellen Diskussion um die Frage, ob die Sparkassen-Gruppe eine eigene Direktbank braucht.“

Dass man sich diese Frage ernsthaft erst im Jahr 2019 stellt, ist schon traurig genug. Im Gegensatz zu anderen Themen im FinTech-Kontext ist man hier nicht nur 10 Jahre zu spät, sondern eher 20.

Direktbanken kamen ja schon Ende der 1990er Jahre auf.

Immerhin: die Frage wird zwar viel zu spät gestellt, aber nun ist sie wenigstens endlich da. Aber anstatt die Sache jetzt endlich entschlossen aus der Kundensicht anzugehen, ist als Erstes gleich wieder die Strukturdiskussion da. Alles dreht sich darum, wer der Nukleus für eine rote Direktbank sein könnte.

1822mobile ist bereits eine Sparkassen-Direktbank
Google Appstore

DKB, 1822direkt oder doch neu?

Walter Strohmaier, Bundesobmann der Sparkassen, Chef der Sparkasse Niederbayern-Mitte und Vize-Aufsichtsratschef der Bayerischen Landesbank (Bayern LB) brachte im Handelsblatt die erfolgreiche DKB, Tochter der BayernLB ins Spiel. Diese drängt sich förmlich auf, ist sie doch mit 3 Millionen Girokonten sehr erfolgreich und die Cash Cow der Landesbank.

Doch auch die hessischen Sparkassen haben mit der 1822direkt, eine Tochter der Frankfurter Sparkasse, eine eigene, leidlich erfolgreiche Direktbank am Start. Die wird zwar in der Öffentlichkeit gern kleingeschwiegen, ist mit immerhin 500.000 Kunden aber auch nicht so klein.

Und dann wäre da ja eigentlich auch noch YOMO, das junge Smartphone-Konto der Gruppe, das allerdings seit Jahren nicht so richtig aus dem Beta-Status herauskommen will und aktuell (gefühlt) in den Mühlen der Verbände zerrieben wird.

Da Bayern und Hessen wohl ihre eigene Direktbank nicht zugunsten der jeweils anderen zurückstellen werden und YOMO als Marke mittlerweile verbrannt sein dürfte, bliebe als Konsens nur noch die Gründung einer weiteren Direktbank. Diese Lösung auf der grünen Wiese hat wohl die größte Chance, den Weg durch die Gremien zu überstehen – birgt aber auch das große Risiko des Scheiterns.

Das Regionalprinzip als Heilige Kuh

Denn während DKB und 1822direkt schon erfolgreich am Markt etabliert sind, müsste ein neues Institut erst einmal gegründet werden. Allein hier dürfte die Vielzahl an Stake- und Shareholdern schnelles Agieren schier unmöglich machen. Die Erfahrungen mit anderen Initiativen innerhalb der Gruppe stimmen jedenfalls nicht gerade optimistisch.

Als größtes Hindernis dürfte sich die Heilige Kuh der Gruppe erweisen: das Regionalprinzip. Das besagt, dass jede Sparkasse ihre Dienste ausschließlich in ihrem Geschäftsgebiet anbietet. So wird gegenseitiger Wettbewerb im Grundsatz ausgeschlossen – wenngleich es in der Praxis durchaus diverse Konkurrenzsituationen gibt.

Das Regionalprinzip hatte im analogen Zeitalter für Sparkasse und Kunden gleichermaßen Vorteile, verhinderte es doch, dass in einem Ort mehrere verschiedene Sparkassen mit Filialen in demselben Branding um dieselben Kunden rangen.

dolgachov/Bigstock

Im digitalen Zeitalter dagegen wirkt das Regionalprinzip auf viele wie ein Anachronismus: das Internet kennt eben keine Grenzen und insbesondere keine Geschäftsgebiete.“

Überfälliger Strukturwandel

Und so stellt sich gerade im Netz die Frage, welchen Mehrwert der Kunde hat, wenn er zwischen 380 Sparkassenangeboten auswählen soll. Wer diese Frage unvoreingenommen beantworten will, wird zum Schluss kommen: keinen.

Wer online Kunde der Sparkasse wird, dem wird das Regionalprinzip herzlich egal sein. Ohnehin ist den meisten Kunden gar nicht bewusst, dass es nicht die eine Sparkasse gibt.“

Eine neue Direktbank der Sparkasse sollte daher gerade nicht den Geburtsfehler von YOMO wiederholen. Hier musste der Nutzer gleich zu Beginn aus den 10 teilnehmenden Sparkasse eine aussuchen – und vorher deren Konditionen vergleichen. War das schon unübersichtlich genug, wäre es ein Horror, müsste der Kunde künftig die Konditionen von 380 Sparkassen vergleichen – es bräuchte quasi ein eigenes Vergleichsportal nur hierfür.

Dabei ist das Erfolgsrezept der Direktbanken vor allen: die Einfachheit.“

Ein Erfolg könnte die neue Direktbank somit nur dann werden, wenn es die eine zentrale Direktbank der Gruppe würde und frei von Einmischungen arbeiten könnte. Dann könnte sie tatsächlich einen überfälligen Strukturwandel in der Sparkassen-Gruppe anstoßen. Und den hätte die Gruppe auf jeden Fall nötig, um effizienter zu werden und die Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen.

costello77/bigstock.com

Erwartungen als größtes Hindernis

Ob es allerdings so kommt, ist durchaus fraglich. Die Sparkassen-Gruppe neigt dazu, ihre Macht im digitalen Zeitalter zu überschätzen – und damit neue Initiativen mit überfordernden Erwartungen zu überladen. Paydirekt ist hier nur das letzte Beispiel in einer ganzen Reihe. Was hier fehlt, ist eine gehörige Portion Demut und die Erkenntnis, dass man von der digitalen Welt weniger Ahnung hat, als viele der neuen Player.

Das zeigt sich auch in der Tatsache, dass die Entscheider als Erstes stets danach fragen, ab wann eine Idee denn endlich Geld verdient. Sieht der Business Case nicht binnen der ersten zwei bis drei Jahre den break even vor, werden sie regelmäßig abgeschmettert.“

Also werden die Business Cases ebenso regelmäßig darauf hin frisiert, dass sie vorstandskompatibel sind. Damit können Projekte dann zwar gestartet werden, starten aber begleitet von Erwartungen, die niemals erfüllt werden können.

Gleichzeitig fühlt sich erfahrungsgemäß keine Sparkasse berufen, zentrale Initiativen adäquat zu unterstützen. Der technisch und preislich für Kunden durchaus attraktive S-Broker hat es auch deshalb nie geschafft, sich an die Spitze der deutschen Online-Broker zu setzen. Das Motto „kannibalisiere Dich selbst, bevor es ein anderer tut“, machen sich die Sparkassen eben nicht zu eigen.

Natürlich braucht die Gruppe eine eigene Direktbank

Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: natürlich braucht die Gruppe eine eigene Direktbank. Die bräuchte sie schon seit 20 Jahren – und hat sie eigentlich schon längst in Gestalt der DKB.“

Anstatt allerdings den einfachen Weg zu gehen und der BayernLB die erfolgreiche DKB abzukaufen und zur zentralen Direktbank zu machen, werden die Sparkassen aus internem Machtkalkül heraus sehr wahrscheinlich eine neue Direktbank als Konsenslösung eröffnen.

Schaut man sich bisherige zentrale Projekte der Sparkassen an, dürfte dieses Großprojekt allerdings zum Scheitern verurteilt sein, weil die Gruppe in ihren jetzigen Strukturen nicht ansatzweise in der Lage ist, schnell genug auf das Marktgeschehen zu reagieren geschweige denn, sich auf eine ambitionierte und gleichermaßen realistische Vision für das neue Institut zu einigen.

Wer auch immer also mit dem Auftrag betraut wird, eine neue zentrale Direktbank aufzubauen, kann und muss einem insofern schon heute leid tun. Es ist schlicht ein Himmelfahrtskommando, das zum Scheitern verurteilt ist.“Gerd Reinkimm

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/88449 
 
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (40 Stimmen, Durchschnitt: 4,28 von maximal 5)
Loading...

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

InsurTechs kontern – wie tra­di­tio­nel­le Versicherer punk­ten: Einfachheit, Transparenz, Relevanz & Echtzeit

Digitaler Wandel und Kundennähe sind eigentlich perfekte Partner. Warnungen vor...

Schließen