KOMMENTAR30. September 2026

Transparenzoffensive in Gefahr: Wie die Schufa ihr eigenes Vertrauenspflänzchen zertrampelt

Die Schufa wirbt mit „völliger Transparenz“ und demselben Score für Verbraucher, Banken und Unternehmen. Recherchen zu zusätzlichen Spezial-Scores und weiteren Bonitätsdaten lassen dieses Versprechen nun deutlich brüchiger erscheinen.
ChatGPT

Wir haben die Transparenz­offensive der Schufa in den vergangenen Monaten mehrfach begleitet und durchaus wohlwollend kommentiert. Und das aus gutem Grund: Ein Score mit zwölf nachvollziehbaren Kriterien, offengelegten Gewichtungen und einer Oberfläche, auf der Verbraucher endlich verstehen können sollen, warum ihre Bonität so und nicht anders bewertet wird, war ein erheblicher Fortschritt gegenüber jener alten Schufa-Welt, in der irgendwo in Wiesbaden eine Zahl aus einer Blackbox fiel und der Betroffene anschließend rätseln durfte, wie sie zustande gekommen war. Umso erstaunlicher ist, mit welcher Leicht­fertigkeit die Schufa dieses gerade erst sprießende Pflänzchen Vertrauen nun selbst zertrampelt.

Wer über Jahrzehnte ein Geschäftsmodell aufgebaut hat, das für Millionen Menschen enorme wirtschaftliche Bedeutung besitzt, durfte sich dafür durchaus Anerkennung abholen, wenn er sich endlich um mehr Nachvollziehbarkeit bemüht.

Recherchen von Süddeutscher Zeitung und NDR zeigen, dass Banken neben dem neuen Next Generation Score bereits einen gesonderten Hypothekenscore beziehen können, der nach anderen Merkmalen und Gewichtungen funktioniert. Weitere Spezialmodelle sollen folgen. Gleichzeitig können Geschäftskunden zusätzliche aggregierte Bonitätsinformationen aus einem Pool von bis zu 40 Merkmalen beziehen, beispielsweise zur Zahl bestehender Kredite oder zur Höhe von Kredit- und Leasingverpflichtungen. Die Verbraucher sehen also ihren neuen transparenten Score – während auf der anderen Seite des Tresens Instrumente liegen können, die in dieser Form gerade nicht Bestandteil dieser Transparenz sind.

Und nein – dass Banken so etwas brauchen, ist nicht der Skandal. Eine Bank, die eine Immobilienfinanzierung über 500.000 Euro genauso beurteilen würde wie einen Konsumentenkredit über 5.000 Euro, hätte ein ganz anderes Problem. Risikomodelle müssen differenzieren, sie müssen Laufzeiten, Sicherheiten, bestehende Verpflichtungen, Einkommen, Ausfall­wahr­schein­lich­keiten und zahlreiche weitere Faktoren berücksichtigen. Auch Händler, Tele­kommunikations­anbieter oder Zahlungsdienstleister brauchen verlässliche Informationen darüber, ob sie einem Kunden einen Rechnungskauf, eine Finanzierung oder einen Vertrag mit späterer Zahlung anbieten können. Gerade in Zeiten von Buy now, pay later, eingebetteten Finanzierungen und immer stärker automatisierten Kreditentscheidungen werden gute Bonitätsinformationen eher wichtiger als unwichtiger.

Risikoinfrastruktur lebt auch davon, dass man sie nicht als Feind betrachten muss

Autor Tobias Weidemann, IT Finanzmagazin
Tobias Weidemann, IT FinanzmagazinTobias Weidemann ist seit mehr als 25 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater für Digital-, IT- und Wirtschaftsthemen tätig, seit 2017 ist er Stellvertreter des Chefredakteurs beim IT-Finanzmagazin. Seine Schwerpunkte liegen auf Banken, Versicherungen und Payment sowie auf Fintech, Künstlicher Intelligenz, Cloud und der digitalen Transformation der Finanzwirtschaft.
Die Wirtschaft braucht solche Daten – aber sie braucht sie nicht auf diese Art und Weise. Denn eine gute Risikoinfrastruktur lebt nicht allein von möglichst vielen Datenpunkten und möglichst präzisen Modellen. Sie lebt auch von gesellschaftlicher Akzeptanz – und davon, dass man sie nicht als den Endgegner betrachten muss. Denn wenn Millionen Menschen den Eindruck gewinnen, dass ihnen vorne ein transparentes Schaufenster aufgebaut wird, während hinten im Laden noch ein zweites Sortiment verkauft wird, dann entsteht daraus ein Problem, das sich mit keinem zusätzlichen Datenfeld und keinem besseren Algorithmus lösen lässt. Und all jene, die von Anfang an den neuen Score und das Ansinnen, der Datenkrake noch eigene Daten, etwa über den ältesten Bankvertrag oder die eigenen Ersparnisse zu liefern, argwöhnisch beäugt haben, fühlen sich bestätigt.

Die Schufa verarbeitet Informationen über mehr als 68 Millionen Menschen. Sie zieht daraus Bewertungen, die darüber mitentscheiden können, ob jemand eine Wohnung finanziert bekommt, einen Kredit erhält oder einen Vertrag abschließen kann. Niemand kann übrigens behaupten, dass ihn oder sie die Schufa nicht betrifft, denn es geht oftmals einfach nur darum, ein Paket auf Rechnung über einen Zahlungsdienstleister zu bestellen, anstatt Vorkasse zu leisten. Ein Unternehmen mit einer solchen Stellung kann sich kommunikativ nicht benehmen wie ein zwielichtiger Kreditvermittler oder ein Mobilfunktarifverhökerer der frühen Nullerjahre, der sich hinter dem Kleingedruckten versteckt.

Kurzum: Wenn man Vertrauen zum Kern einer strategischen Neuausrichtung macht, dann reicht es nicht, hinterher darauf hinzuweisen, dass man streng genommen nie behauptet habe, es gebe ausschließlich einen einzigen Score. Denn genau diese Verteidigungsstrategie macht die Angelegenheit fast noch schlimmer.“

Die Schufa sagt nämlich jetzt, ihr Ziel sei nicht gewesen, sämtliche Scores abzuschaffen. Aus derzeit rund 50 Modellen sollen lediglich wenige werden; der Next Generation Score soll bis Ende 2028 rund 80 Prozent der bisherigen Anwendungen abdecken. Der Hypothekenscore werde bislang nur ungefähr 300 Mal pro Woche ausgeliefert, der NGS dagegen rund 300.000 Mal. Sollte der Spezialscore für Baufinanzierungen größere Bedeutung erlangen, wolle man auch diesen transparent darstellen. Das mag alles korrekt sein. Es ist nur kommunikativ wenig überzeugend.

Denn die Botschaft der Transparenzoffensive war nun einmal eine andere. Sie lautete: Der Schufa-Score wird verständlich und transparent.“

Zwischen Hütchenspiel und gebrochenen Versprechen

Verbraucher können sehen, welche Faktoren einfließen, wie sie gewichtet werden und warum ihr Ergebnis so aussieht. Die Schufa sprach selbst von einem „Meilenstein“ und vom besonders transparenten Score. Dabei muss man der Schufa gar keine Worte in den Mund legen:

Ein Score. Zwölf statt 100 Score-Kriterien. … Jeder kann jetzt genau sehen, welche Informationen die Schufa nutzt – und welche nicht.“

Aus Mitteilungen der Schufa

Wer der Öffentlichkeit eine derart klare Botschaft verkauft, darf sich anschließend nicht wundern, wenn die Öffentlichkeit irritiert bis verärgert reagiert, sobald sich herausstellt, dass bei einer der finanziell wichtigsten Entscheidungen eines Menschen letztlich doch ein anderes Bewertungsmodell zum Einsatz kommen kann – und das ausgerechnet bei der Baufinanzierung, also in jenem Bereich, in dem auch der wirkliche Spitzenverdiener, der nie zuvor auf Pump gelebt hat, einmal im Leben einen Kredit braucht.

Man stelle sich das praktisch vor: Ein Verbraucher beschäftigt sich wochen- oder monatelang mit seiner Finanzierung, kontrolliert seinen Schufa-Score, versteht die zwölf Faktoren, versucht vielleicht sogar über die Jahre, durch wohlfeiles Verhalten im Sinne dieser Spielregeln seine Ausgangslage zu verbessern – und erfährt dann, dass die Bank für genau diesen Vorgang einen anderen Score abfragen kann. Technisch mag das vollkommen legitim sein, aus Sicht des Kunden fühlt es sich trotzdem an, als hätte man ihm die Bedienungsanleitung für ein Gerät gegeben und anschließend ein anderes auf den Tisch gestellt.

Und damit kommen wir zum eigentlich gefährlichen Teil der Geschichte. Die Schufa will nicht weniger Nähe zum Verbraucher, sondern mehr. Sie möchte, dass Menschen Accounts nutzen, ihre Daten prüfen, ihre Bonität besser verstehen und dem Unternehmen zunehmend auch direkt gegenübertreten. Perspektivisch können freiwillig bereitgestellte zusätzliche Informationen für solche Modelle sogar noch wichtiger werden. Dafür braucht die Schufa nicht nur eine Rechtsgrundlage und technisch saubere Prozesse. Sie braucht etwas viel schwerer zu Beschaffendes: die Bereitschaft der Menschen, ihr weitere Einblicke in ihre finanzielle Situation zu geben.

Wenn Bonitätsprüfung als Hinterzimmergeschäft wahrgenommen wird

Nach dieser Geschichte dürfte diese Bereitschaft nicht gerade wachsen. Denn warum sollte ein vernünftiger Verbraucher einem Unternehmen freiwillig noch mehr über Einkommen, Kontobewegungen oder finanzielle Verpflichtungen erzählen, wenn gleichzeitig der Eindruck entsteht, dass schon bei den heute vorhandenen Daten nur ein Teil des Bewertungsuniversums wirklich sichtbar ist? Vertrauen lässt sich nicht per API nachladen. Und wenn es einmal verspielt ist, hilft auch kein neues Dashboard. Für Banken ist das übrigens ebenfalls keine gute Nachricht. Sie haben ein berechtigtes Interesse an präziseren Risikomodellen und belastbaren Bonitätsdaten. Gerade bei Baufinanzierungen kann eine differenziertere Risikoeinschätzung sinnvoll sein. Aber Banken profitieren langfristig nicht davon, wenn die zugrunde liegende Dateninfrastruktur bei Verbrauchern als undurchsichtig oder taktierend wahrgenommen wird. Je größer die Skepsis gegenüber Auskunfteien wird, desto heftiger werden politische, regulatorische und datenschutzrechtliche Debatten um Datennutzung, Scoring und automatisierte Entscheidungen ausfallen.

Dasselbe gilt für Handel vor Ort und im E-Commerce. Händler haben ein berechtigtes Interesse daran, Zahlungsausfälle zu vermeiden, ohne gleichzeitig jeden Kunden vorsorglich in Vorkasse zu zwingen. Ein guter Bonitätsdienst kann genau diesen Spagat ermöglichen: mehr Rechnungskauf für solvente Kunden, weniger Betrug, weniger Forderungsausfälle und automatisierte Entscheidungen in Sekundenbruchteilen. Das ist ökonomisch sinnvoll und im Zweifel sogar verbraucherfreundlich. Es funktioniert aber nur, solange der Kunde das System grundsätzlich akzeptiert.

Wenn Bonitätsprüfung zunehmend als Hinterzimmergeschäft wahrgenommen wird, bei dem der Verbraucher zwar seinen hübsch aufbereiteten Score anschauen darf, aber nicht weiß, welche weiteren Werte und Daten tatsächlich über den Tresen gehen (oder vielmehr als Bückware unter dem Ladentisch gehandelt werden), beschädigt das nicht nur die Schufa. Es beschädigt das Prinzip datenbasierter Risikoprüfung insgesamt.“tw

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