PAYMENT POSITIONEN10. April 2019

Wahlfreiheit beim Bezahlen? Pro und Contra: Julian Grigo (Bitkom) und Rudolf Linsenbarth

Julian Grigo (Be­reichs­lei­ter Di­gi­tal Ban­king & Fi­nan­ci­al Ser­vices Bit­kom e.V.) tritt für die Wahlfreiheit beim Bezahlen ein, das fordert auch der bitkom in seinem aktuellen Positionspapier. Die andere Seite: Vielfältige Bezahlmöglichkeiten im Handel seien wichtig und richtig, aber der Handel muss weiterhin Kontrolle über seine Angebote haben, sagt Rudolf Linsenbarth. Die Positionen im Vergleich.

Julian Grigolinkedin

Nie­mand soll in Deutsch­land ge­zwun­gen sein, Bar­geld in der Ta­sche zu ha­ben. Das ist das Ziel der Bit­kom-In­itia­ti­ve für Wahl­frei­heit beim Be­zah­len.

Ziel ist, dass es an je­­­dem Point of Sa­­­le, al­­­so im Ge­­­schäft, beim Bä­­­cker und in der Bar, min­­­des­­­­­tens ei­­­ne ele­k­­­tro­­­ni­­­sche Mög­­­li­ch­keit des Be­­­zah­­­lens gibt.“

Um die­se Frei­heit zu er­mög­li­chen, be­darf es kla­rer Re­geln, auf die sich je­der ver­las­sen kann. So wie sich je­der dar­auf ver­las­sen kann, dass ein Ta­xi ihn zum fest­ge­leg­ten Preis von A nach B fährt oder dass ein Händ­ler ein man­gel­haf­tes Pro­dukt nach­bes­sern oder zu­rück­neh­men muss, so muss sich je­der Kun­de dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass er über­all auch oh­ne Bar­geld be­zah­len kann.

Sicher, auch ohne eine solche garantierte Wahlfreiheit würde der Anteil der Unternehmen, die elektronische Bezahlverfahren anbieten, immer weiter steigen – aber leider dauert das viel zu Lange. Viel zu Lange für die vielen Kunden, die sich über den aktuellen Bargeldzwang ärgern, für ausländische Besucher, die sich beim Urlaub in Deutschland Jahrzehnte in der Zeit zurückversetzt fühlen, wenn sie „Cash only“-Schilder sehen, und auch für innovative Tech-Unternehmen und FinTechs, die mit ihren Ideen hierzulande ausgebremst werden. Schon heute ist Deutschland in dieser weltweiten Wachstumsbranche eher Nachzügler als Vorreiter – die globalen Player kommen aus den USA und China, sie heißen Paypal, Google und Apple oder auch Tencent, Alibaba und Baidu. Dadurch, dass der Händler frei in seiner Auswahl des elektronischen Bezahlverfahrens und -systems ist, wird der Wettbewerb unter den bestehenden Anbietern zunehmen und es bekommen auch innovative Lösungen – etwa von Startups aus Deutschland – viel bessere Startchancen als heute.

Dabei muss gelten, dass kein Händler und kein Gastwirt überfordert werden darf. Deshalb setzt Bitkom sich neben klaren Regeln und Vorgaben auch dafür ein, dass kurzfristig das elektronische Bezahlen finanziell gefördert wird, etwa durch Umsatzsteuervergünstigungen, um Investitionen in notwendige Hardware zu kompensieren.

Wahlfreiheit beim Bezahlen heißt auch: Es soll und wird weiter Bargeld geben – es besteht keine Notwendigkeit ideologische Debatten über Freiheit zu führen, die sich für manche in Münzen und Scheinen manifestiert. Daher hier noch einmal ganz klar:

Wir wol­­len das Bar­­geld nicht ab­­schaf­­fen! Es geht viel­­mehr um die Frei­heit al­­ler, auch auf Bar­­geld ver­­zich­­ten zu kön­­nen, und um ei­­ne Viel­­zahl von Vor­­­tei­­len für Kun­­­den, Hän­d­­ler und nicht zu­­­letzt den Staat.“

Das fängt bei bequemen und schnelleren Bezahlvorgängen an, geht über digitale Quittungen und Kaufbelege und eine Anbindung an moderne Abrechnungstools für den Händler bis hin zu einem Mehr an Steuergerechtigkeit dank transparenter Bezahlvorgänge.

Oder kurz: Nie­man­dem wird et­was weg­ge­nom­men, aber vie­le kön­nen neue Mög­lich­kei­ten nut­zen – und Deutsch­land kommt auch beim Pay­ment end­lich im di­gi­ta­len Zeit­al­ter an.

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Julian Grigo

Julian Grigo lei­tet den Be­reich Di­gi­tal Ban­king & Fi­nan­ci­al Ser­vices beim Tech-Ver­band Bit­kom (In­ter­es­sen­ver­tre­tung für Fin­Tech-, Ban­ken- & Fi­nanz­dienst­leis­tungs­be­reich vor Po­li­tik und Auf­sichts­be­hör­den). Gri­go ko­or­di­niert Stel­lung­nah­men zu ak­tu­el­len Ge­set­zes­vor­ha­ben und sieht sich als Sprach­rohr für Fin­Techs und Di­gi­tal-Ban­ken in Me­di­en und auf Kon­fe­ren­zen. Je­des Jahr im Mai or­ga­ni­siert er die Di­gi­tal Fi­nan­ce Con­fe­rence. Gri­go hat ei­nen Mas­ter in Psy­cho­lo­gie und kom­mu­ni­zier­te bis 2017 für ei­nen Bankenverband.Julian Grigo

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Rudolf Linsenbarth

Bargeldlose Zahl­ver­fah­ren sind Teil der Dienst­leis­tung im Pro­dukt- und Ser­vice­an­ge­bot des Ein­zel­han­dels. Kar­­ten­­zah­­lung hat sich zum Bei­­spiel im Le­ben­s­­mit­­tel­ein­zel­han­­del vom Con­­ve­­ni­ence Fak­­tor zu ei­­nem „Must Ha­­ve“ ge­wan­­delt. Hän­d­­ler die dar­­auf ver­­zich­­ten, wer­­den mög­­li­cher­wei­­se nicht am Markt bestehen.

Wenn man aber dem Kun­den ver­pflich­tend die Frei­heit ein­räumt, in je­dem Ge­schäft mit Bar­geld oder bar­geld­los zu be­zah­len, nimmt man gleich­zei­tig dem Han­del den Ge­stal­tungs­spiel­raum auf der Angebotsseite.“

Ein Zahlverfahren muss für beide Seiten Kunde und Handel attraktiv sein. In einer Marktwirtschaft entstehen Innovationen im Wettbewerb, das gilt auch für das Bezahlen am POS.

Wenn also in Zukunft bestimmte Zahlverfahren per se gesetzt sind, werden Innovationen nur sehr langsam oder gar nicht mehr vorangetrieben. Die Weiterentwicklung der girocard und deren zukünftige Integration in Apple Pay ist dafür ein gutes Beispiel. Ohne den Druck der Kreditkarten Schemes hätten die deutschen Banken sich nicht bewegt und wären mit ihrer Position als Marktführer zufrieden gewesen.

Wenn es in Zu­kunft ei­ne Ver­pflich­tung des Han­dels gibt, die markt­gän­gi­gen Zahl­ver­fah­ren an­zu­bie­ten, wä­ren neue und mög­li­cher­wei­se in­no­va­ti­ve­re Zahl­ver­fah­ren wahr­schein­lich chan­cen­los. Au­ßer­dem hät­te der Han­del bei den Preis­ver­hand­lun­gen ei­ne noch schwie­ri­ge­re Ausgangsposition.“

Ich se­he al­ler­dings, dass es Bran­chen gibt, die sich deut­lich schwe­rer tun, Kar­ten­zah­lung ins Leis­tungs­port­fo­lio mit auf­zu­neh­men. Das Bä­cker­hand­werk galt bei­spiels­wei­se jah­re­lang als letz­te Bas­ti­on des Bar­gel­des. Mitt­ler­wei­le wan­delt sich auch hier das Bild. Nicht nur die fi­li­al­ba­sier­ten Groß­bä­cke­rei­en stel­len jetzt Kar­ten­ter­mi­nals im La­den­lo­kal auf. Der Grund sind ver­än­der­te An­ge­bo­te der Zah­lungs­dienst­leis­ter, die spe­zi­ell zur Bran­che passen.

Ein wei­te­res Pro­blem ist die in Deutsch­land im­mer noch man­gel­haf­te Netz­in­fra­struk­tur. Ich tref­fe im­mer Mal wie­der auf Händ­ler mit ei­ner ex­po­nier­ten La­ge, die kei­ne Kar­ten­zah­lung an­bie­ten kön­nen, weil sie schlicht­weg kein In­ter­net haben.“

Hier sollten erst mal die Telkos verpflichtet werden, umgehend für eine Netzabdeckung zu sorgen? Dadurch würden dann gleich zwei Probleme auf einmal gelöst!

Hilfreicher als eine Verpflichtung ist eine Aufklärungsinitiative für kleine Händler. Sie brauchen einen besseren Überblick in diesem sehr intransparenten Markt. Außerdem muss ihnen klargemacht werden, dass es nicht genügt Kartenzahlung anzubieten, sondern den Kunden auch darüber zu informieren, welche Zahlverfahren vor Ort angeboten werden. Solche Initiativen begrüße und unterstütze ich gerne.

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Rudolf Linsenbarth

Rudolf Linsenbarth be­schäf­tigt sich mit Mo­bi­le Pay­ment, NFC, Kun­den­bin­dung und di­gi­ta­ler Iden­ti­tät. Er ist seit über 15 Jah­ren in den Be­rei­chen Ban­ken, Con­sul­ting, IT und Han­del tä­tig. Lin­sen­barth ist pro­fi­lier­ter Fachautor und Praktiker im Fi­nanz­be­reich und kom­men­tiert bei Twit­ter un­ter @holimuk die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Linsenbarth im eigenen Namen.Rudolf Linsenbarth

 

 
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