STRATEGIE12. August 2020

Data Analytics: Wie weit ist die Branche auf dem Weg zum datengetriebenen Versicherer?

Marco Müller
Marco MüllerVersicherungsforen Leipzig

Das Thema Data Analytics ist für die Versicherungsbranche vor allem für strategische Fragen, die Automatisierung von Geschäftsprozessen und den damit verbundenen Kosten sowie Zeitersparnissen relevant. Das zeigt eine Umfrage des Expertennetzwerks Insight. Doch in der Umsetzung und Zusammenarbeit mit Partnern wird den Versicherern Nachholbedarf beschieden. Kreativität wird für die Zukunft ein Schlüssel sein, damit Data Analytics langfristig zum unternehmerischen Erfolgsfaktor wird, sagt Data Scientist Marco Müller – und erklärt, warum ein Netflix-Abo dabei hilfreich sein könnte.

von Marko Müller, Leiter Data Science & Artificial Intelligence  Versicherungsforen Leipzig

Seit jeher besteht das Hauptgeschäft von Versicherern in der Sammlung und Auswertung von Daten. Denn erst hieraus lassen sich Risiken und Prämien bestimmen und dadurch ist es überhaupt möglich, eine Versicherung als Produkt anzubieten. Vom alltäglichen Beschwerdemanagement bis zur zukunftsorientierten Vertriebssteuerung – überall können Entscheidungen, die bisher mit Erfahrung und einer gesunden Portion Bauchgefühl getroffen wurden, durch stetig wachsende Datenbestände, ausgeklügelte Algorithmen und künstliche Intelligenz gestützt oder gänzlich automatisiert werden.

Versicherer: Data Analytics seit mehr als 100 Jahren

Die meisten großen Versicherer sind vor mehr als 100 Jahren entstanden, Axa und Generali sind zum Beispiel sogar noch älter.

Auch wenn die Branche beim Thema Datenauswertung somit einen historisch gewachsenen Wissensvorsprung haben sollte, wird sie inzwischen von den Technologiemarktführern beim Thema Data Analytics um Längen geschlagen.“

Dabei sind moderne Analysemöglichkeiten und der Umgang mit großen Datenbeständen essenzielle Voraussetzungen für eine erfolgreiche digitale Transformation hin zum datengetriebenen Versicherer. Wie der aktuelle Stand der Branche wirklich ist, haben wir im Expertennetzwerks Insight genauer untersucht und dafür sowohl Versicherer als auch Dienstleister befragt: Inwieweit sind sie im Bereich Data Analytics aktiv? Worin bestehen konkrete Mehrwerte und Anwendungsfelder für Versicherer und inwieweit arbeiten sie mit externen Partnern zusammen? An der Online-Befragung im März 2020 haben 64 Befragte teilgenommen. Zwei Drittel der befragten Experten arbeiten bei Versicherungsunternehmen, ein Drittel bei branchennahen Dienstleistern.

Enormes Potenzial in strategischen Fragen

Es verwundert nicht, dass die Branche insgesamt den Nutzen von Data Analytics als sehr hoch einschätzt – schließlich bilden diese das Fundament für die Abbildung eines Versicherungsproduktes. Neben den grundsätzlichen Data-Analytics-Bemühungen zur Bereitstellung des Kernprodukts sehen die Befragten vor allem enormes Potenzial in strategischen Fragen, der Automatisierung von Geschäftsprozessen und den damit verbundenen Kosten sowie Zeitersparnissen.

Insight-Befragung Konkreter Mehrwehrt von Data Analytics
Insight-Befragung Konkreter Mehrwehrt von Data Analytics Versicherungsforen Leipzig

Versicherer nutzen mehrheitlich externe Quellen, um die internen Daten anzureichern

Aktuell beschäftigen sich 86 Prozent der Versicherer aktiv im Bereich Data Analytics. Neben dem Risikomanagement werden Data-Analytics-Lösungen am häufigsten in den Bereichen Produktmanagement, Marketing, Vertrieb sowie Schaden- und Leistungsmanagement genutzt. Auch wenn den Versicherern bereits enorme Datenquellen zur Verfügung stehen, nutzt die Mehrheit (66 Prozent) weitere externe Quellen, um die eigenen Daten anzureichern und bessere Erkenntnisse zu gewinnen.

Kooperationen funktionieren gut – aber es gibt Verbesserungsbedarf

Ein spannender Gesichtspunkt ist vor allem die Entstehung von Kooperation zwischen Versicherern und Dienstleistern im Bereich Data Analytics und deren Zufriedenheit.

Mehr als die Hälfte der Befragten geben an, bereits mit externen Data-Analytics-Partnern zusammenzuarbeiten.“

Dabei greift man vermehrt bei der technischen und fachlichen Umsetzung auf das Know-how der Dienstleister zurück. Nur wenige lagern die kompletten Data-Analytics-Aktivitäten aus. Am häufigsten kooperieren Versicherer mit Dienstleistern in den Bereichen Schaden, Vertrieb und Underwriting.

Gegen eine Kooperation sprechen auf Seiten der Versicherer hingegen die damit verbunden Kosten und das Vorhandensein eigener Data-Analytics-Kompetenzen.

Persönliche Empfehlungen wichtiger als Ausschreibungsprozesse

Auf den ersten Blick überraschend ist, dass ein Großteil der Kooperationen aus persönlichen Kontakten und Empfehlungen bestehen – das gaben in der Befragung immerhin 64 Prozent der Versicherer und 88 Prozent der Dienstleister an. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass durch die Komplexität und Individualität der einzelnen Problemstellungen sich Vergleiche à la  Vergleichsportale wesentlicher schwieriger gestalten.

Auf eigene Recherche setzt die Hälfte der befragten Versicherer. Ein weiteres bewährtes Mittel scheint beiderseits der klassische Ausschreibungsprozess zu sein und zu bleiben.“

Des Weiteren scheinen sowohl die IT-Altsysteme und die zur Verfügung stehenden Daten und deren Qualität die Ergebnisse der Data-Analytics-Anstrengungen stark einzuschränken. Eine der größten Hürden bei der Sicherstellung der Datenqualität liegt aktuell häufig in der Heterogenität der unterschiedlichen Datenquellen. Im Laufe der Jahre sind in den IT-Systemen bei vielen Versicherern Insellösungen für Einzelanwendungen entstanden. Die heterogene Systemlandschaft und fehlende unternehmensweite Datenmodelle erschweren eine zentrale Datenhaltung.

Befreiung von IT-Altlasten nötig

Versicherungsforen Leipzig
Die Versicherungsforen Leipzig (Website) verstehen sich als Dienstleister für Forschung und Entwicklung (F&E) in der Assekuranz. Als Impulsgeber für die Versicherungswirtschaft liegt ihre Kernkompetenz im Erkennen, Aufgreifen und Erforschen neuer Trends und Themen, zum Beispiel im Rahmen von Studien und Forschungsprojekten unter unmittelbarer Beteiligung von Versicherern. Die Versicherungsforen Leipzig sind als Unternehmen der LF Gruppe Teil ihres so genannten Innovationsökosystems. Zusammen mit den Energieforen, den Maklerforen, den Bankenforen und den Digital Impact Labs bieten sie eine Verbindung von Branchenexpertise und Branchennetzwerk, Wissenschaft, Start-ups und Innovations-Know-how. In der LF Gruppe bündeln die Unternehmen ihre Kompetenzen und ermöglichen so Synergien sowie einen Blick über den Tellerrand.
Der Aufbau eines vollumfänglichen, aktuellen und inhaltlich richtigen Datenhaushalts ist eine wesentliche Aufgabe für Versicherer, um etwa Vertrags- und Schadendaten, Daten aus dem Rechnungswesen, Informationen aus Aktuariat und Zulieferungen externer Dienstleister für Data Analytics nutzen zu können. Hier muss sowohl der technische (beispielsweise Schnittstellen zwischen den Systemen), aber auch der organisatorische Rahmen geschaffen werden. Um zukunftsfähig zu bleiben, müssen die Versicherer wohl in den sauren Apfel beißen und sich früher oder später von diesen Altlasten befreien.

Versicherung mit Netflix-Abo? Kreative Kooperations-Lösungen sind gefragt!

Datenauswertung ist kein rein mathematisches Vorgehen. Oftmals ist hier auch Kreativität gefragt. Die aktuelle Insight-Befragung hat gezeigt: Um neue Services zu ermöglichen, müssen Versicherer häufig ihre Daten anreichern. Daher sollten sie auch über Kooperationen mit neuen Partnern nachdenken.

Warum also nicht zum Beispiel über eine Kooperation mit Netflix nachdenken? Stellen wir uns vor, beim Abschluss einer Versicherung gäbe es ein Netflix-Abo für ein Jahr gratis dazu. Der Kunde hätte ein Produkt, dass er täglich nutzt und der Versicherer könnte mit den Daten von Netflix (gehen wir in diesem Beispiel davon aus, dass der Streaminganbieter dies auch bereitwillig tut) ganz neue Einblicke erhalten: Ist der Versicherungsnehmer oft zu Hause, ist er oft unterwegs, streamt am Smart-TV oder lieber mobil? Für Data Scientisten würden sich hier ganz neue Zusammenhänge erschließen lassen. Vielleicht kann man zum Beispiel so erfahren, dass Mobilstreamer durchschnittlich ein höheres Risikoverhalten als Homestreamer haben oder dass ab einer durchschnittlichen Streamingzeit von 20 Stunden pro Woche die Schadenhäufigkeit sinkt. Möglicherweise sind solche Zusammenhänge  auf den ersten Blick trivial, sie können jedoch aber auch das Potenzial neuer innovativer Versicherungsprodukte bergen.

Über „Insight – Das Expertennetzwerk“

„Insight – Das Expertennetzwerk“ ist eine Gemeinschaft von Branchenkennern und richtet sich an Experten aus der Versicherungs-, Banken- und Energiebranche sowie aus branchennahen Dienstleistungsunternehmen. Die Mitglieder dieses Panels gehören zu einem exklusiven Netzwerk. Ihre Meinungen zu verschiedenen branchenspezifischen Themen werden in regelmäßigen Online-Befragungen erhoben, geteilt und diskutiert. Nur die Teilnehmer der Insight-Befragungen erhalten im Nachgang exklusiv einen ausführlichen Ergebnisbericht. Die Mitgliedschaft im „Insight – Das Expertennetzwerk“ ist kostenlos. Mehr Informationen gibt es unter www.insight netzwerk.de.  Marko Müller, Versicherungsforen Leipzig

 
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