STRATEGIE4. Juni 2020

girocard und das Virus: überraschende ELV-Renaissance & girocard kommt in ApplePay

Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth

Corona ändert derzeit vieles, auch die gewählte Zahlmethode am POS. Die aktuellen Zahlen zeigen zwei Trends und elektrisieren die Branche. Zum einen nimmt die Nutzung des Bargeldes deutlich stärker ab als erwartet, und gleichzeitig steigt der Anteil der kontaktlosen Transaktionen bei der Kartenzahlung (auch bei der girocard) auf rund 60 Prozent. Diese Zahlen kommen nicht nur von Online- und Neobanken, sondern auch von Genossenschaftsbanken und Sparkassen. Die Analyse

von Rudolf Linsenbarth

Bisher galt die goldene Regel, der Bargeldanteil geht jedes Jahr um 1 bis 2 % zurück. Laut EHI lag Cash im Jahr 2018 noch bei gut 48 %. Dies würde bei einem anhaltenden Trend von jährlich 1,5 % bedeuten, Bargeld wäre im Jahr 2050 verschwunden.

Durch Corona haben wir möglicherweise einen Sprung von 10 Jahren gemacht.“

Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Händler fordern die Kunden aktiv auf, bargeldlos zu bezahlen. Die Kunden wollen am liebsten noch nicht einmal das Terminal berühren und zahlen gleich kontaktlos. Viele Händler, die bisher kein Terminal hatten, haben sich erstmals ein Terminal zugelegt, oder ein Neues angeschafft.

Mastercard

Des Weiteren hat zunächst Mastercard und dann die „Deutsche Kreditwirtschaft (DK)“ für die girocard den PSD2-Spielraum ausgenutzt und die Betragsgrenze für Zahlungen ohne PIN-Eingabe auf 50 € angehoben.

Ein guter Zeitpunkt für die Betrachtung, welche Entwicklung für den Zahlungsmix im unbaren Bereich zu erwarten ist. Wer wächst wirklich zu Lasten des Bargeldes und wer gibt Marktanteile an ein anderes Zahlverfahren ab?

Überraschenderweise kommt im Windschatten der aktuellen Entwicklung ELV (das Elektronische Lastschriftverfahren) zurück.“

Zum Beispiel bietet Intercard jetzt beim Tierbedarfshändler Fressnapf die kontaktlose Lastschrift an. Der Prozess läuft vollkommen ohne Unterschrift. Auch an die 50 € Grenze ist man nicht gebunden. Außerdem gilt hier nicht die von der PSD2 geforderte regelmäßige PIN-Abfrage. Der Zahlungsdienstleister geht zwar das Risiko ein, dass jetzt die Lastschrift für die Dauer von 13 Monaten zurückgebucht werden kann, statt nur 8 Wochen bei Unterschrift. Aber Intercard ist schon sehr lange im Geschäft und kennt das Risiko.

girocard als mobile Payment
BVR

Der steile Anstieg der girocard-Transaktionen war übrigens auch dem Zurückdrängen der Lastschrift zu verdanken. Ist dieser Trend jetzt gestoppt?“

Schlägt das Pendel wieder in die andere Richtung zurück? Am Ende des Tages ist das natürlich auch eine Frage des Preises. So lange die ganz großen Retailer aus dem LEH oder der Mineralölbranche nicht den Schalter umlegen, dürfte das aber kein Thema sein.

Spannender ist die Frage nach der weiteren Entwicklung der girocard beim Mobile Payment. So gut es bei der kontaktlosen Karte auch läuft, im Zukunftsfeld Mobile Payment geht es derzeit nur in Trippelschritten voran.

Das könnte sich mit der Einführung der girocard bei Apple Pay ändern.

Die girocard in ApplePay ... es soll nicht mehr lange dauern.
Sparkasse

Derzeit verdichten sich die Gerüchte, dass die Sparkassen die girocard noch in Q3 2020 ins iPhone bringen werden.“

Einzig die Corona-Krise könnte den engen Zeitplan zur Freigabe noch gefährden. Das wäre natürlich ein Treppenwitz der Geschichte. Ein Virus beflügelt die Nutzung der girocard und bremst das Produkt gleichzeitig auf den letzten Metern ein.

Aber auch in dem Fall, aufgeschoben wäre nicht aufgehoben, die girocard in Apple Pay wird kommen!“

Wie reagieren dann die anderen Karten herausgebenden Banken? Will man sich den Sparkassen anschließen oder denen das Feld alleine überlassen? Was machen die Volks- und Raiffeisenbanken?

Vor ca. 5 Jahren gab es eine ähnliche Situation mit veränderten Vorzeichen: Die Sparkassen hatten sich hoffnungslos in das Thema girogo verrannt. Nur durch den entschlossenen Alleingang der Genossenschaftsbanken, unter Führung des BVR, wurde die kontaktlose girocard damals an die Kunden gebracht. Nach und nach haben sich dann alle anderen Banken dem angeschlossen und das Produkt zu ihrer jetzigen Stärke zurückgeführt.

Die logische Weiterentwicklung nach dem Start wäre die Ertüchtigung der girocard für In-App-Zahlungen mit Apple Pay. Von da aus ist es nur ein kleiner Schritt zu einem kompletten Online-Zahlverfahren für das Erfolgsprodukt der DK.

Der Handel steht diesem Schritt jedenfalls ausgesprochen positiv gegenüber. Anders als beim faktisch gescheiterten Paydirekt gibt es hier vom Start an eine breite Kundenbasis.“

Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth be­schäf­tigt sich mit Mobile Payment, NFC, Kundenbindung und digitaler Identität. Er ist seit über 15 Jahren in den Bereichen Banken, Consulting, IT und Handel tätig. Lin­sen­barth ist profilierter Fachautor und Praktiker im Finanzbereich und kommentiert bei Twitter (@holimuk) die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Linsenbarth im eigenen Namen.
Möglicherweise hat auch die Aussicht auf dieses Geschäft Adyen und Computop, zwei PSP (Payment Service Provider) Schwergewichte, auf den Plan gerufen. Beide Unternehmen haben mittlerweile eine Zulassung als girocard-Netzbetreiber. Auch dem DAX-Unternehmen Wirecard werden ähnliche Ambitionen nachgesagt.

Bereits vor zwei Jahren hatte ich in meinem Artikel mit dem Titel „Last Man Standing“ über den Konzentrationsprozess im Zahlungsverkehr, der auch die Netzbetreiber erfasst, berichtet. Ein erneuter Blick auf die Branche ist sicher lohnenswert. Die damals angekündigten Übernahmen gehen weiter. Allerdings nicht in der von mir angenommen Art und Weise. Statt dem Fressen der Kleinen durch die Großen sehen wir gerade eine Übernahme im Stil einer Elefantenhochzeit. Der derzeit Branchengrößte Ingenico wird vom Verfolger Worldline geschluckt.

Auch die Anzahl der Netzbetreiber wird nicht kleiner. Das Ver­schwin­den der Labels „ICP“ und „Ingenico“ wurde durch den Eintritt von Adyen und Computop kompensiert. Eine online-fähige girocard dürfte das Interesse weiterer Player wie Heidelpay und Wirecard weiter steigern.“

Für die Netzbetreiber werden dann neben schierer Größe wahrscheinlich auch spezifische technische Fähigkeiten zu einem zentralen Asset.Rudolf Linsenbarth

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/107240 
 
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (20 Stimmen, Durchschnitt: 3,90 von maximal 5)
Loading...

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.